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Englisches Klo, Beitrag 1 von 1

Wasser, ein kostbares Gut

von Friederike Weichselbaumer

Beim Aufdrehen des Wasserhahnes keimen plötzlich Bilder meiner Kindheit in mir.

Wie selbstverständlich ist uns doch in den Jahren das kostbare Wasser geworden. Wir schöpfen von ihm, ohne uns seines Wertes zu besinnen.

Heute nehme ich das gefüllte Wasserglas einmal ganz bewusst in meine Hände und denke dabei an die Tage meiner Kindheit zurück.

Ich erinnere mich, dass mein älterer Bruder und ich das Trinkwasser vom nahe gelegenen Bäcker aus der Ortschaft Rutzenmoos holten.

Dieses Wasser aus dem Bäckerbrunnen war etwas ganz Kostbares für uns. Mit dem Einkauf des Brotes wurde gleichzeitig auch die Versorgung mit Trinkwasser mitgetätigt.

Wasser für den täglichen Hausgebrauch, wie waschen, Körperpflege, Blumen gießen und zum Tränken der Tiere wurde aus der Hauslacke geschöpft oder gepumpt. Diese Lacke war ähnlich einer Zisterne. Sie war gemauert unter der Erde und mit einem Deckel geschützt abgedeckt. Dieser betonierte Deckel war schwer und unsere Mutter benötigte eine Menge Kraft, um ihn beiseite zu schieben, damit sie mit einem großen Schöpfer das benötigte Wasser herausschöpfen konnte. Dieser Schöpfer war ein Blechgefäß, das mit einem Holzstiel versehen war. Manchmal beugte sich die Mutter mit einem Kübel über die Lacke und ich hatte immer Angst, sie könnte dabei in das Wasser stürzen.

Unsere Mutter war sehr bedacht, die Lacke immer wieder sorgfältig zu verschließen, da diese für die kleinen Kinder eine große Gefahrenquelle darstellte.

Zeichnung von einem Teich mit Wasservögeln

Dennoch war es für uns Kinder sehr schön, neben unserer Mutter vor der geöffneten Wasserstelle zu knien und im Wasser das eigene Spiegelbild betrachten zu können. Enttäuschung stand immer wieder in unseren Gesichtern geschrieben, wenn der Deckel uns keinen Zublick mehr in das Geheimnis gewährte.

Alles mit Wasser zu versorgen war für die Mutter eine Menge Arbeit. Für die Tränke der Tiere stand im Stall eine kleine Pumpe, die die mühevolle Wasserversorgung etwas erleichterte. Man konnte sich damals nicht vorstellen, Trinkwasser zum Waschen, Putzen usw. zu verwenden. Auch nach dem Bau der Ortswasserleitung wurde zu den genannten Arbeiten in der Lacke gesammeltes Regenwasser verwendet.

Ich besuchte die Volksschule, als die „Wassergenossenschaft Alm“ gegründet wurde. Alm hieß der kleine Ortsteil von Rutzenmoos, in dem ich wohnte. Diese Ortsbezeichnung hatte sicher mit der damals abgelegenen Lage meines Heimatortes zu tun. Erst später, durch den Bau der Autobahnzubringer, war die Alm plötzlich Freifläche zwischen Vöcklabruck und Gmunden.

Zurück zur genannten Wassergenossenschaft. Alle Hausbesitzer aus der Alm wurden Mitglieder dieser Genossenschaft, die den Grundstein für einen Brunnen legte, der alle Haushalte des Dorfes mit Wasser versorgen sollte.

Ein Wünschelrutengänger pendelte die Stelle aus, an der gegraben wurde. Man wollte sichergehen, auch schnell fündig zu werden.

Nun begann die harte Arbeit. Die Grabungsarbeiten wurden untereinander eingeteilt und jeder Dorfbewohner leistete seinen Teil.

Es war für uns alle ein festlicher Augenblick, als man nach vielen Tagen auf das ersehnte Wasser stieß. Soweit ich mich erinnere, musste beinahe hundert Meter tief gegraben werden. Diese Arbeit stellte eine große Gefahr für die arbeitenden Männer dar und alle Frauen waren froh, dass kein Unglück dabei geschehen war.

Am Abend des Tages, an dem man auf Wasser gestoßen war, wurde eine große Feier angesagt. Die Frauen kochten und jeder trug seinen Teil zum Gelingen dieser Feier bei, die bis in die frühe Morgenstunde dauerte. Wir Kinder durften nicht dabei sein, doch aus den Erzählungen der Eltern konnten wir davon erfahren.

Als nach all dem Aufwand zum ersten Mal der Wasserhahn in meinem Elternhaus aufgedreht werden konnte, hielt die Mutter andächtig die zur Schale geformten Hände darunter und sagte dabei: „Kinder, merkt euch gut: Wasser ist ein ganz besonderes Gut.“

Wir waren fasziniert vom Geschehen, das sich unseren Augen bot, wenn an diesem kleinen Hahn gedreht wurde.

Wie gut dieses Wasser schmeckte, das wir nun nach Lust und Laune genießen konnten, kann ich mit Worten nicht beschreiben. Wasser ist und bleibt ein lebensnotwendiges Gut, mit dem wir immer sorgsam und dankbar umgehen sollten.

Die Amerikanische Küche

In den frühen Nachkriegsjahren war unser junger Nachbar einige Jahre in Amerika, um Geld für die Renovierung des Elternhauses zu verdienen. In Amerika gewesen zu sein war damals etwas Besonderes und hob das Ansehen des Karl, der in Amerika war.

Freudig folgten wir unseren Eltern, als sie einer Einladung zu besagten Nachbarn Folge leisteten. Von Gesprächen hatten wir schon von der „Amerikanischen Küche“ und vom „Englischen Klo“ gehört, das im Nachbarhaus nun fertiggestellt war.

Die Neugierde stand in unseren Augen geschrieben, als wir endlich die Türschwelle des hochinteressanten Hauses überschreiten konnten.

Vor unseren erstaunten Blicken öffnete sich eine andere Welt. Anstelle der gewohnten Küchenkredenz hingen viele bunte Kasterl an den Wänden. Rosa und hellblau waren sie und darunter gab es viele Fächer und Laden.

Etwas eigenartig schien uns diese Küche schon; wir konnten uns nicht vorstellen, wo in dieser Küche gekocht werden sollte. Anstelle einer Anrichte gab es am Boden stehende bunte Schränke in den besagten Farben, und statt des vertrauten Kachelofens stand ein Gasherd mit vielen Kochplatten. Ich fühlte mich als Kind nicht so richtig wohl in dieser modernen Küche und konnte es eigentlich nicht verstehen, dass die Mutter den Wunsch äußerte, später einmal, wenn sie es sich leisten konnten, auch so eine Küche haben zu wollen.

Das Englische Klo

Nach der Besichtigung der Amerikanischen Küche warteten wir Kinder voller Neugierde auf den Augenblick, das „Englische Klo“ [Englisches Klo] sehen zu dürfen. Der Anblick dieses kleinen Raumes übertraf alle unsere kindlichen Vorstellungen.

Ein kleiner, heller Raum mit bunten Fliesen an den Wänden, die so schön waren, dass sie uns für diesen Zweck wirklich zu schade schienen.

Das Staunen wuchs, als man uns erklärte, dass die weiße Klomuschel denselben Zweck erfüllte wie das sogenannte Plumpsklo, das in dieser Nachkriegszeit beinahe in jedem Haus seinen Zweck erfüllte. In meinem Elternhaus war es im Schweinestall, durch ein Holzgitter von den Tieren abgegrenzt, angebracht.

Darunter war gleich die Jauchegrube, sodass die Entsorgung durch die Ausfuhr des „Adels“ – so nannte man die Jauche im Volksmund – gesichert war.

Und nun diese Überraschung im Nachbarhaus!

Über der Klomuschel, erklärte man uns, sei der Spülkasten angebracht, der über ein Seil betätigt werden konnte, an dem man ziehen musste, damit alles in die Jauche hinuntergespült werden konnte.

Im gegebenen Augenblick, als ich dieses utopische Ding zum ersten Mal betätigte, erfasste mich ein tiefer Schreck.

Bevor ich das Englische Klo benützte, zog ich vorsichtshalber an dem Seil. O Schreck, welch furchterregendes Geräusch kam auf mich zu! Eine Unmenge Wasser floss durch die Klomuschel. Wasser, dieses kostbare Gut, für diesen Zweck!

Ich glaubte, etwas zerbrochen zu haben, und lief nach Hause zu meinem mir vertrauten Plumpsklo.

Wie froh war ich, dass in meinem Elternhaus noch kein so furchtbares Unding angebracht war und ich nicht Klopapier, das Servietten gleich war, sondern Zeitungspapier verwenden konnte, um mein Hinterteil sauber zu machen. Meine Eltern sammelten für diesen Zweck die Kleinhäuslerzeitung.

Nun, in den vertrauten vier Wänden, konnte endlich geschehen, was sein musste. Zufrieden hörte ich das Grunzen der Schweine, die gut in die Nähe des stillen Örtchens passten. Wie froh war ich an diesem Abend, dass meine Eltern nichts von einem eventuellen Schaden am Englischen Klo erwähnten, da mein Gewissen mich immer noch plagte. Ich war immer noch der Meinung, ich hätte etwas zerbrochen.

Informationen zum Artikel:

Wasser, ein kostbares Gut

Verfasst von Friederike Weichselbaumer

Auf MSG publiziert im Oktober 2013

In: Erinnerungsbücher, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich, Hausruckviertel, Rutzenmoos
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre

Anmerkungen

Aus dem Erinnerungsbuch "Blättern im Bilderbuch der Gedanken. Erinnerungen an die frühe Kindheit, 1953-1965" von Friederike Weichselbaumer, Gösing am Wagram: Edition Weinviertel 2013, S. 68-74.

© Edition Weinviertel

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