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Sprechschluss, Beitrag 1 von 1

Kinderheim Wimmersdorf I – Der erste Tag

von Stephan Pintarelli

Der Grund, warum ich in das Heim musste

Ich fragte meine Mutter, warum sie mich nach Wimmersdorf geschickt hatte, und ihre Antwort verwunderte mich: „Stephan, die Schule hat die Fürsorge verständigt, dass du immer nachmittags, wenn ich Dienst habe, allein bist und dadurch die Aufsichtspflicht nicht gegeben ist. Entweder ich gebe dich ins Heim oder ich kündige meine Arbeit, da es nicht angehe, dass eine alleinerziehende Mutter ihr Kind ordentlich versorgt. Die zweite Alternative wäre, dass ich heirate.“

Meine Mutter hat mir auch manchmal ein paar Ohrfeigen gegeben, aber die Misshandlungen wie in Wimmersdorf hat es zu Hause nie gegeben.

29.8.1976

An diesem mir ewig in Erinnerung bleibendem Datum begann mein Martyrium in der Kindervernichtungsanstalt Wimmersdorf. Meine Großmutter und meine Mutter brachten mich mit dem Auto nach Wimmersdorf. Es war ein Sonntag, und wir wurden von einer liebenswürdigen, alten Dame durch das Haus geführt. Auf die Frage meiner Oma, wo denn alle anderen Kinder seien, sagte die Dame, sie wären auf dem Sportplatz und spielten Fußball. Meine Mutter und meine Oma stellten noch einige Fragen und die uns begleitende Dame meinte, ich solle mich einstweilen auf den im Gang stehenden Sessel setzen, da sie mit meiner Mutter etwas zu besprechen hätte. So begann mein erster Tag im Heim Wimmersdorf …

Kurz darauf sollte ich erfahren, dass diese liebenswürdige Frau ein Inquisitor, Folterknecht und KZ-Wärter in Personalunion war.

Der erste Tag im Heim

Einige Zeit später kamen meine Oma und meine Mutter wieder, um sich zu verabschieden. Sie sagten, dass ich hier bleiben müsse und dass ich in spätestens einem Monat Ausgang hätte und dann übers Wochenende nach Wien kommen könne. Meine Mutter und Oma verließen das Gebäude und ich stand mit meinem Koffer allein in diesem Gang. Nach wenigen Minuten ging die Tür der Kanzlei auf und die Direktorin stand in ihrer gesamten Leibesfülle vor mir. Ihre ersten Worte an mich lauteten: „Deine Nummer ist 64, die hast du dir zu merken. Wenn ich pfeife, ist alles stehen und liegen zu lassen und sofort der Mund zu halten. Du gehst jetzt in den ersten Stock in die Gruppe 2 und wartest auf die Erzieherin. Zuerst räumst du deinen Kasten ein, der sich hier befindet.“

Ich begann, meine Sachen in ein kleines weißes Kästchen einzuräumen und dabei bemerkte die Frau, dass ich einige Bücher bei mir hatte. Sie sagte: „Zeig die Bücher her, und die Naschereien kannst auch gleich abgeben, die werden von mir verteilt, wenn du brav bist.“

Als ich ihr antwortete, dass mir meine Oma die Süßigkeiten gegeben hatte, schlug sie mir mit der Hand einige Male kräftig ins Gesicht und schrie hysterisch, dass sie keine Widerworte akzeptiere und dass ich alles sofort abzuliefern hätte. Weinend übergab ich ihr die Naschereien und die Bücher, die sofort in ihrer Kanzlei verschwanden. Dann sollte ich die Hosentaschen leeren und dabei kamen noch 50 Schilling zum Vorschein, die sie auch an sich nahm, mit der Bemerkung, dass diese auf ein Sparbuch kämen.

Zu diesem Zeitpunkt kam eine größere Gruppe Kinder in Zweierreihe und mit den Fingern auf ihren Mündern auf den Gang und ging schweigend die Treppe hinauf. Die Erzieherin bemerkte mich und fragte die Direktorin, ob ich der Neue sei. Die Direktorin bejahte und bemerkte, ich solle einstweilen mit Tante Mimi mitgehen, bis meine zuständige Erzieherin da sei. Ich ging mit Tante Mimi mit, um Bettwäsche und Schlapfen auszufassen. Sie schaute mich an, wurde rot und schrie mich sofort an, wieso ich mich nicht in die Zweierreihe mit dem Finger auf den Mund anschloss. Ich folgte der Anweisung und dachte: „Wo bin ich hier gelandet, was sind das für Menschen?“

Schweigend landete ich dann in der Gruppe 1. Tante Mimi betrat die Gruppe und sagte zu einem Zögling, an dessen Namen ich mich leider nicht mehr erinnern kann, dass er mit mir in die Wäschekammer gehen sollte, um mein Zeug zu holen. Schweigend verließen wir die Gruppe und ich ging hinter dem Kind her. Er sagte leise, dass die Schreierei und die Schläge normal seien und dass ich mich vor der „Specki“ und der „Irxen“ in Acht nehmen solle. Ich fragte nach, wer diese Personen seien, und er erklärte mir, Specki sei die Direktorin und Irxen ihre Tochter. Ich fragte ihn nach dem Tagesablauf und er erzählte mir in kurzen Worten:

7.00 Uhr aufstehen, Zähne putzen, Betten machen, Frühstück, Schule, Mittagessen, Lernstunde usw. Angelangt in der Wäschekammer, wurden mir ein Paar Holzschlapfen und blaue Leinenturnschuhe ausgehändigt und meine eigenen Schuhe abgenommen. Diese wurden dann in einem separaten Schrank im Keller aufbewahrt. Danach bekam ich Bettzeug, Decke und Polster.

Zurück in Gruppe 1, zeigte mir Tante Mimi den Schlafsaal der Gruppe 2 und mein Bett, das ich sofort machen sollte. Ich wusste nicht, wie das ging, da meine Mutter bis jetzt immer mein Bett bezogen hatte.

Das werden wir gleich üben, sagte sie, und ich stand zwei Stunden da und überzog mein Bett wieder und wieder, doch nie zur Zufriedenheit der Erzieherin. Es wurde ein Kind der Gruppe 4 dazu abkommandiert, mich zu beaufsichtigen. Jedes Mal, wenn es nicht gepasst hat, hat mir der Aufpasser eine ins Kreuz gedonnert und dabei hämisch gelacht.

Auf einmal schrie eine Frau durchs ganze Haus: „Pitorelli zu mir in die Kanzlei!“ Da das nicht mein Name ist, habe ich nicht reagiert, denn mein Name lautet anders. Keuchend kam die Specki bei der Schlafsaaltüre herein und schrie, ob ich nicht hören könne, und wieder schlug sie kräftig zu.

Ich begann zu weinen, was sie anspornte, noch kräftiger zuzuschlagen. Sie zog mich an den Haaren in die Kanzlei, wo sich eine weitere Person, die mich auch gleich anbrüllte, befand. Ob ich nicht gehört habe, wie ihre Mutter mich gerufen habe. Ich antwortete darauf, dass ich nicht Pitorelli, sondern Pintarelli heiße, was mir noch ein paar saftige Ohrfeigen einbrachte. Ich musste mich auf einen Stuhl setzen und mir wurde gesagt, dass eine Inventarliste meiner Gegenstände angefertigt werden musste. Alles wurde in einer Liste vermerkt, nur meine Bücher nicht.

Danach musste ich noch einige Fragen beantworten, wie religiöses Bekenntnis und Geburtsdatum, dann holte mich die Erzieherin der Gruppe 2 ab und brachte mich in den Speisesaal zum Abendessen. Dort musste ich mich schweigend auf eine Bank setzen, es gab Wurstbrot mit Gurkerl und Tee aus einem Blechnapf. Nach dem Essen stellte mich Tante Barbara der gesammelten Mannschaft vor und dann mussten wir die Tische abwischen und den Boden aufkehren.

Danach ging es wieder im Sprechschluss hinauf in die Gruppe, wo einige Tische standen, an die wir uns setzen mussten. Ich begann mich mit meinem Tischnachbarn zu unterhalten, was mir mein erstes „Stricherl“ von vielen einbrachte, da Sprechen und Spielen noch nicht erlaubt war, sondern nur stille Beschäftigung.

Das war für mich einen interessante Erfahrung: Bücher werden weggenommen, Spiele gibt es nicht, reden darf man nicht, also was tun?

Heute weiß ich es: still sitzen und hoffen, dass sich die Gewalt nicht an einem entlädt.

So gegen 19.30 Uhr gingen wir in den Waschraum, um uns die Zähne zu putzen und zu waschen, um 20.00 Uhr waren alle im Bett, und ich weinte mich in den Schlaf – nicht zum letzten Mal.

Am nächsten Morgen wurden wir so gegen 8.00 geweckt, da ja noch keine Schule stattfand (es war August).

Es wurde mit freundlichen Worten dreimal ins Pfeiferl geblasen und rumgebrüllt: „Aufstehen, ihr faules Gesindel, gehts euch waschen, ihr Schweine!“ Wir mussten in einer Reihe vor den Waschbecken antreten, die Zahnbürste in der rechten Hand, um dann von der jeweiligen Erzieherin ein Batzerl Zahnpasta auf die Zahnbürste zu bekommen; drei Minuten Zähneputzen, danach den Oberkörper und die Hände waschen, anziehen und Bettenbauen. Dies wurde streng kontrolliert, eine Münze musste auf dem Leintuch springen.

Diese Kenntnisse haben mir später beim Bundesheer sehr genützt. Einer der damaligen Ausbilder fragte mich, wo ich das gelernt hätte! Als ich das Kinderheim Wimmersdorf erwähnte, wurde er still und sagte nur, dass ihm dies leid täte.

Danach ging es zum Frühstück – natürlich wieder im Sprechschluss – in den Speisesaal, wo wir Brot mit Marmelade und wieder Tee aus dem Blechnapf bekamen. Danach wieder Tische abwischen und den Speisesaal kehren …

Danach hieß es, dass wir einen Spaziergang machen und dazu die blauen Leinenschuhe anziehen müssen.

Dann im Hof antreten, wieder kam das Pfeiferl zum Einsatz. Finger auf den Mund, und ab durchs Dorf!

Auf dem Weg durchs Dorf durfte kein Wort fallen, da sonst die Strafmaschinerie mit voller Härte zugeschlagen hätte. So etwa 500 Meter nach dem Dorfende bog ein Feldweg nach rechts ab. Dort durften wir den Finger vom Mund nehmen und uns unterhalten und aus der Reihe gehen. Ein Kind hob einen Stock auf, darauf ertönte das Pfeiferl und wir mussten wieder in Zweierreihe gehen. Der Junge, der den Stock aufhob, durfte zur Belustigung der Erzieherin den Finger auf den Mund legen und mit der Hand an der Hosennaht neben ihr gehen.

Als wir nach einer Stunde am Waldrand ankamen, durften wir uns etwas freier bewegen, aber die Maxime lautete: „Nicht zu laut, ansonsten wieder Zweierreihe.“ Derjenige, welcher den Stock aufgehoben hatte, musste neben der Erzieherin in Habtachtstellung in der prallen Sonne stehen. Nach rund einer Stunde machten wir uns auf den Rückweg, dasselbe Prozedere wie immer: ab Dorfanfang wieder Zweierreihe und Sprechschluss.

Nach Eintreffen im Heim wie immer Händewaschen, Holzschlapfen anziehen und ab in den Speisesaal; wieder still sitzen, vor dem Essen beten, für die Gaben danken und den Fraß hinunterwürgen.

Wieder zusammenkehren und Tische abwischen, danach durften wir auf den Sportplatz gehen.

Die Erzieherin nahm das obligatorische Stricherlheft in die Hand und las die Namen und die dazugehörigen Stricherl vor. Jedes Stricherl bedeutete, dass man 30 Minuten stramm stehen musste, mit den Händen an der Hosennaht. Durch mein Vergehen vom Vortag durfte ich mein erstes Stricherl von vielen abstehen. Nach der Sportstunde am Fußballplatz gab es wieder stille Beschäftigung in der Gruppe, danach Abendessen und den ganzen Trott von vorne.

Informationen zum Artikel:

Kinderheim Wimmersdorf I – Der erste Tag

Verfasst von Stephan Pintarelli

Auf MSG publiziert im Juli 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Mostviertel, Wimmersdorf
  • Zeit: .August 1976 bis .Juli 1979

Anmerkungen

Der Beitrag gibt einen gekürzten Ausschnitt aus einem umfangreicheren Erinnerungstext über die Zeit wieder, die der Autor im Kinderheim Wimmersdorf verbracht hat (1976-1979). Der vollständige Text ist nachzulesen unter: http://kindervernichtungsheim-wimmersdorf.blogspot.co.at/

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