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Scheitelknien, Beitrag 1 von 1

Wunder im Kinderland

von Maria Gremel

Wie sollte man die alle beschreiben können! Gibt es sie doch tagtäglich und immer neue zu erleben. Darum bleibt auch in uns immer die Sehnsucht nach dem Kinderland, mag unsere Jugend auch hart und schwer gewesen sein. Die Kindheit ist in uns, um überwunden, nicht aber um zerstört zu werden. Was aus ihr geworden ist, ist ein Grundstein, der noch im Alter wirkt.

Jeden Tag sieht man als Kind etwas zum erstenmal. Am Land ist es ja die Natur, die schon die Kinder in ihren Bann zieht. Die Landstraße war uns ja unbekannt, ich glaube, mit dieser machte ich erst Bekanntschaft, als mich meine Tante für ein Schuljahr mitnahm und wir mit einem, noch von Pferden gezogenen Postwagen fuhren. Das war aber für mich lange nicht so interessant, als in Haus, Hof, Feld und Wiese herumzulaufen. Da konnte man wirklich alle Tage andere Dinge erleben. Lief man mal so einen Feldweg entlang, kroch da auf einmal ein bunter, wolliger Wurm über den Weg. Nun, den mußte man doch verfolgen. Fragte man die Erwachsenen über diese Art von Tieren, ob sie uns etwas antun könnten oder wozu sie gut seien, nahmen sie kaum Notiz davon. Inzwischen kam ein wunderschöner Schmetterling, dem mußte man doch auch nachsehen, bis er entschwunden war.

So kam es natürlich des öfteren vor, daß man lange nicht zurückkam oder überhaupt vergaß, daß man mit einem Auftrag weggeschickt wurde, um irgend etwas zu holen.

Ein anderes Mal sah man einen mächtigen Hirschkäfer kriechen, das braucht Zeit, bis man den erforscht hatte mit seinen großen Zangen. Wir steckten kleine Hölzchen zwischen die Zangen, hüteten uns aber, mit den Fingern nahe zu kommen, da wir glaubten, er würde uns die Finger abzwicken. Die Hirschkäfer sind die größten der Käferarten, die Weibchen haben keine Zangen und sind etwas kleiner. Ging man der Sache nach, konnte man dies alles selbst herausfinden.

Die Grillen interessierten uns ebenfalls, doch war an sie nicht heranzukommen, obwohl sie in den Abendstunden zirpten.

In den Getreidefeldern konnte man die Wachteln beobachten, die sich da ihr Wohnzelt bauten. Die Wachteleltern flogen eifrig hin und her, um Futter für die Jungen zu beschaffen und wir schlichen auf Zehenspitzen hin. Es war ja streng verboten, ein Getreidefeld zu betreten. Standen doch Tafeln davor mit der Aufschrift: "Hier ist Korn, du Lepershorn, und willst du es genießen, so tritt's nicht mit den Füßen!" Lesen konnten wir das freilich erst Jahre später. Das Verbot aber kannten wir, doch siegte manchmal die Neugier.

Auf die Bäume zu den Vogelnestern zu steigen, war ja viel schwerer. Wenn sie aber mal auf dem Boden ihre Nester hatten, mußte man sie doch sehen. Wir taten ihnen ja nichts, nur ein wenig hingucken. Versteckte man sich im Getreidefeld und verhielt sich ruhig, konnte man das Vogelpaar gut beobachten. Die Jungen im Nest sperrten alle die Schnäbel auf, um die Würmer in Empfang zu nehmen, und nicht alle kamen jedesmal dran und mußten warten, bis die Eltern wiederkamen, die aber genau wußten, welches Junge schon gefüttert worden ist.

Auch die Rebhühner brüteten im Getreide. Deren Junge waren aber viel schneller flügge. Bis man so ein Nest entdeckte, stoben die Jungen schon nach allen Richtungen davon. Oft waren es 14 bis 20 Stück, und sie waren so schnell, daß man auch nicht ein einziges davon hätte erwischen können. Wenn die Frucht gemäht wurde, waren all die Jungen schon längst ausgeflogen.

Die Hausschwalben mußte man auch betrachten, wie sie den Jungen Futter brachten und ihnen dann das Fliegen beibrachten. Doch so nahe ins Nest sehen wie auf den Getreidefeldern konnte man ihnen nicht.

Über all dem Betrachten bekam man Hunger, schlich in die Küche, wo meist die Altbäuerin mit dem Zubereiten des Mittagessens allein zu Hause beschäftigt war. Diese hatte immer Verständnis dafür, daß die Kinder wachsen, dazu aber Nahrung brauchten. Konnte sie uns vom Mittagessen noch nichts abgeben, strich sie Butterbrote und stellte uns einen Topf gestockte Milch hin, die wir mit dem Löffel aßen. Wie gut schmeckte das! "Prost Mahlzeit!"

Sie fragte uns aber auch, wo wir uns herumgetrieben haben und ob wir beileibe nichts angestellt hatten. Das hatten wir ja nie. Schon ging es weiter, mit dem Brot in der Hand, von dem man herzhaft abbiß, um wieder Neues zu entdecken. Die Welt war voll Heiterkeit und Leben.

Das Leben ist angefüllt mit Liebe, wie ein Garten voll Blumen, wovon jede Jahreszeit besondere hat. Liebe gute Eltern und überall Freunde zu haben, und nur Gutes tun, was gibt es Schöneres in der sorglosen Kindheit. Sorgen kannten wir noch nicht.

So lief ich meist hinter meinem Bruder her. Er ging nicht immer in das Bauernhaus, wo Mutter arbeitete. Nur einige Schritte weiter war ein Nachbarbauernhaus, die hatte einen Buben, mit dem mein Bruder gerne herumstrolchte. Dort gab es immer und überall wieder Neues zu entdecken, man brauchte nur die Augen offen zu halten und in jeden Winkel hineinzusehen. Gerne hatten es die Buben ja nicht, so ein "Nichtserl" von einem Mädchen zum Anhängsel zu haben, waren sie doch auf ganz andere Abenteuer erpicht, wo sie allein sein wollten. Es half ihnen jedoch nichts, sie mußten mich hinterher laufen lassen, und voll Bewunderung sah ich oft ihren Werken zu. [...]

zwei Kinder in altmodischen Kleidern im Studio

Wir rannten auch im Wald herum, suchten Schwämme, und dabei begegneten uns die seltensten Tierarten. Einmal blieb ich plötzlich stehen, ja was ist denn das? Ein Tier wie eine Schlange, aber wieder nicht. Ringelnattern kannte ich schon, doch von diesem Tier wußte ich nicht, ob es mir etwas zu Leide tut. Ein langes Tier mit ganz kurzen Beinen, die kaum zu sehen waren, schwarz am ganzen Körper mit grellen Flecken und einem langen Schwanz.

Mein Schrei rief die Buben herbei und diese sagten: "Du Dummerl, vor dem brauchst du dich doch nicht zu fürchten, das ist nur ein Salamander."

Wie wenige Stadtkinder wird es heute noch geben, die je in ihrem Leben einen lebenden Salamander zu sehen bekamen. Noch heute bedauere ich die Stadtkinder, wie wenig sie von ihrer Kindheit haben. Sie wissen nichts mit sich anzufangen. Es ist ihnen oft so fad, obwohl sie einen Kasten voll Spielsachen haben. Das kannten wir alle nicht. Diese Kinder in der Stadt können wohl in den Prater gehen, wir bauten uns eben in der Scheune eine Schaukel. Oben am Trambaum wurde eine Kette umgeschlagen und unten ein Brett angebracht, und die schönste Schaukel war fertig.

Bald lockte wieder etwas anderes. Der hohe Hausstock, wo stets eine Leiter angelehnt war zum Futterholen nach Bedarf, da kletterten wir hinauf und sprangen tief, tief hinunter. Abends im Bett meinte man oft noch unendlich tief zu fallen. Wo man auch auffiel, war ja Stroh genug, und man tat sich nicht weh. Dieses schöne Spiel wurde so lange wiederholt, bis man müde war.

Schon kam uns wieder eine neue Idee, interessant und von allen gut geheißen. "Geh'n wir verstecken spielen!" Dabei konnte man sich so wunderbar erholen von den Anstrengungen des letzten Spieles.

Wer hat dieses Spiel in einem Bauernhaus je schon gespielt? Wer kennt die unzähligen Winkel und geheimen Verstecke, in denen man nicht gefunden wurde, außer man hat sich selber verraten, wenn das Ruhigbleiben schon allzu lange dauerte. Versteckte man sich gar einmal in einem Heustadel, wo man ins Heu kroch, konnte es auch vorkommen, daß man einschlief und nicht gefunden wurde. Erst bis man uns zum Essen holte, auf welches wir oft vergessen hätten, durch all die schönen Spiele.

Dies alles in Haus und Hof, konnte man auch im Winter spielen, wo auch die Erwachsenen alle im Hause zu tun hatten. Bei Winterbeginn wurde zuerst die eingelagerte Frucht ausgedroschen, die oft schon halb von Mäusen und Ratten gefressen war. Wenn die Garben vom Stadel auf die Tenne herausgeworfen wurden, wimmelte es von all dem Getier und jeder mühte sich, möglichst viel davon zu erschlagen.

In meiner Erinnerung blieb nichts zurück, daß uns der Winter wegen Kälte und Schnee zu schaffen gemacht hätte und wir lieber in der warmen Stube gesessen wären. Die Mutter war wohl zu Hause, sie hatte zu nähen und stopfen, was im Sommer liegen blieb, uns sah sie oft erst am Abend.

Dem Bauern, bei dem wir gerade spielten, machte es nichts aus, uns in Schüsselchen etwas aus der großen Schüssel herauszugeben, es blieb doch mehr übrig, als wir essen konnten. Es reichte noch für den Hund, und die Schweine bekamen den Rest.

Ja, die Schweine! Wenn sie sich auch zehnmal im Schmutz wälzten, wie lieb anzusehen war aber so eine Muttersau mit ihren Jungen!

Als ich das erste Mal eine sah, wo zehn bis zwölf Ferkel ihre Nahrung aus der Mutter saugten, konnte ich das Wunder nicht genug bestaunen. Da konnte man auch gut zusehen, denn die Alte blieb ruhig liegen und alle schliefen nach ihrem Geschäft ein.

Anders eine Gluckhenne; die läßt einen nicht nahe an ihre Jungen heran, gleich ging sie auf einen los und glaubte, man nehme ihr eines weg. Doch wie lieb sind sie, wie wollig und seidenweich fühlen sie sich an. Vom ersten Tag an lernt ihnen die Mutter, das Futter aufzupicken. Wenn sie später unter der Henne nicht mehr alle Platz finden, setzen sie sich auf ihren Rücken.

Eiernester aufstöbern war auch so eine Sache der Kinder. Am Hof hatte niemand Zeit zu suchen. Die Hühner verlegen ihre Eier aber gern an unauffindbaren Stellen. Nicht immer findet man sie.

Was tut solch eine Henne, die ihre Eier sicher genug versteckt hat? Wenn sie ein ganzes Gelege beisammen hat, fängt sie an zu brüten. Die Hühner werden nicht jeden Tag gezählt und es fällt niemandem auf, wenn eine nicht mit den anderen in den Stall geht.

Da war eine Henne, die hatte am Boden über dem Stall 22 Eier gelegt und alle ausgebrütet, kein Ei war schlecht. Die Jungen sahen alle ganz gleich aus, die Halskrause und das Schwanzende waren schwarz. Als sie aus den Eiern krochen, hörte man sie wohl piepsen, aber alles Suchen war umsonst. Der Stallboden war voll Stroh, darum fand man sie nicht. Doch die Henne wußte sich zu helfen.

Eines Tages wurde ein Haufen Stroh vom Knecht hinab geworfen, welches zum Füttern als Beigabe zum Heu bestimmt war. Bevor es aber weggeräumt wurde, warf die Henne alle ihre Kücken vom Boden auf das Stroh hinab. Solch ein Tier hat den kleinsten Kopf unter all den Haustieren und doch so viel Verstand, die Jungen auf das Stroh zu werfen, denn da passierte ihnen nichts. Dann kam sie mit ihrer ganzen Schar stolz angewatschelt, um Futter bettelnd. Muß man da nicht staunen? [...]

Dies waren nun so die ersten Eindrücke, das heißt, einige aus der Kleinkinderzeit. Mit jedem Tag kommt Neues auf uns zu, und man lernt Gut und Böse unterscheiden. Ja, auch das muß gelernt und erprobt werden. Einen Fall will ich hier anführen.

Wir mußten mit Vaters Stiefel zum Schuster gehen, die neu besohlt werden sollten. Eigentlich sollte es mein Bruder tun. Da er aber nirgends allein hinging, wo er etwas reden sollte, er hätte es vielleicht auf diese Art mit Stottern herausgebracht: "Guten Schuster, Herr Morgen, der Vater läßt doppeln, wenn sie ihm bis morgen seine Schuhe täten bitten, er braucht sie gestern schon", so mußte ich mitgehen.

Der Schuster wohnte in Stang, einem weit entfernten Ort, da konnten wir Kinder gut einen halben Tag dazu brauchen. Schuster und Schneider arbeiteten zu der Zeit selten mal in ihrer Werkstatt, die waren meistens für mehrere Wochen auf der "Stör" bei einem Bauern, wo sie für alle Hausbewohner für ein Jahr neue Schuhe oder neue Kleider machten und die alten Sachen ausbesserten.

Doch das ist ja aus Roseggers Schriften bekannt. Wenn man nun erfuhr, daß sie diese Woche bei einem Bauern fertig wurden und erst nächste Woche wo neu begannen, konnte auch der Arme, der sich die Handwerker in der "Stör" nicht leisten konnte, dazwischen mit einer Arbeit kommen.

So wurden wir zum Schuster Lois geschickt und sollten uns beeilen, damit die Arbeit rechtzeitig dort wäre. Wir aber trödelten, das war schon nicht richtig, denn heimzu wäre es weniger eilig gewesen.

Unser Weg führte erst einmal durch das nächste Bauernhaus, wo uns der Haushund, da er uns vom Spielen her kannte, schon schweifwedelnd begrüßte. Im Hause rührte sich niemand, alle waren auf dem Feld.

Ein Stück des Weges führte über das Feld, dann ging es durch einen Wald bergab. Kaum in den Wald eingetreten, beobachteten wir ein kleines Eichhörnchen, das munter von Ast zu Ast und von Baum zu Baum hüpfte und possierlich spielte.

Weiter gings unten angekommen über einen Bach, der auch Großvaters Mühlräder trieb. Der verlockte wieder zum Spielen. Man konnte im Bach herumwaten, schöne Kieselsteine heraussuchen, große Steine hineinwerfen, wobei das Wasser so schön hoch aufplumpste.

Die Stiefel lagen so geduldig am Bachrand, bis wir sie wieder auf die Schulter nahmen und uns besannen, weiter zu gehen.

Vom Bach weg hatten wir ein großes Stück bergwärts zu wandern bis zum nächsten Bauernhaus. Die Zeit wurde uns aber nicht lang. Immer wieder flatterten bunte Schmetterlinge vorbei, denen man nachlaufen mußte, um sie zu erhaschen, was meist nicht gelang. Waren wir doch selbst solche Falter, die den Blumen nachliefen.

Entlang des Weges stand ein lebender Zaun mit Haselnußstauden, davon konnte man ungestraft naschen. Immer gab es etwas Zeitraubendes, so daß wir nur langsam weiterkamen. Endlich kam das Bauernhaus in Sicht, bei dem wir vorbei mußten. Vor dem Haus war ein riesengroßer Obst- und Gemüsegarten, in diesem blühten die herrlichsten Blumen, diese führten uns in Versuchung.

Ich kannte noch nicht die verschiedenen Sorten von Blumen, erst als es in der Schule in Naturgeschichte gelehrt wurde, wußte ich dann, daß es Astern und Dahlien sowie Georginen waren, die da in herrlicher Schönheit im großen Garten blühten. Der Garten war mit einem Stockzaun und mit Sträuchern eingezaunt, um ungebetene Gäste abzuhalten. Die schönen Blumen sehen und sofort waren wir entschlossen, welche zu holen.

Es gab aber noch allerlei Überlegungen, die auch Kinder anstellen, wenn sie etwas Böses im Sinn haben. Wir mußten erst herausfinden, wer zu Hause war und uns erwischen konnte. Wo die Leute auf dem Feld arbeiteten, ob sie uns etwa sehen konnten. Wir mußten ein Loch ausfindig machen, wo man einen Stock wegreißen konnte, um durchzukriechen, und wo es auch der lebende Zaun erlaubte. Ein Kind kommt ja leicht irgendwo durch.

Vorerst aber mußten wir weiter bis in die Ortschaft, um die Stiefel abzuliefern. Nur auf dem Rückweg konnten wir die Tat ausführen, denn wo hätten wir die Blumen hingegeben, wir konnten ja nicht gut damit durch das Dorf marschieren, jeder würde uns nach dem Woher und Wohin fragen. Also gings in Eile weiter.

Beim Schuster sahen wir oft lange zu, wie flink gearbeitet wurde. Mit der Ahle ein Loch in die Sohle und schon klopfte der Hammer den Holznagel hinein. Im Nu war die Sohle dem Oberleder angepaßt.

Bei den Bauern konnte man ebenfalls zusehen, wenn der Schuster auf der Stör arbeitete. Heute jedoch hielten wir uns nicht lange auf, da wir ja doch noch auf Raub ausgehen wollten. Bald waren wir wieder bei dem großen Garten und machten uns ans Werk. Wir schafften es und niemand hätte uns erwischt, wären wir nur einigermaßen genügsam gewesen.

Einmal dabei, rissen wir ab, soviel nur die Hände halten konnten. Eine Altbäuerin mußte uns vom Fenster aus beobachtet haben. Hätten wir wenig genommen, würde sie kaum herausgekommen sein, und wir wären auch fort gewesen, ehe sie uns verjagen kam. Aber die Gier im Menschen, der nie genug haben kann, ließ uns jede Vorsicht vergessen. Von weitem schrie sie schon und gab uns dadurch die Möglichkeit, auf schnellstem Wege zu verschwinden, unerkannt, wie wir glaubten.

Sie hatte uns aber schon auf dem Hinweg gesehen und wußte, daß wir die "Fratzen" vom Schneeweiß-Seppl waren.

Ober dem Berg waren wir schnell unten beim Bach, ohne daß uns jemand begegnete. Dann galt es wieder zu überlegen, was wir mit den Blumen machen sollten. Zu Hause würde man uns nicht glauben, sie geschenkt bekommen zu haben, dazu waren es zu viele. Großmutter konnten wir sie auch nicht geben, da sie uns ebensowenig geglaubt hätte. Außerdem war ihre Tochter in jenem Bauernhaus im Dienst, da käme der Diebstahl auf, wie wir glaubten. Daß wir erkannt waren, wußten wir noch nicht.

Nach langem Überlegen kamen wir zu dem Entschluß, am Bach einen kleinen Sumpf anzulegen, mit Steinen herum, wo wir die Blumen wie in eine Vase hineingaben. Am nächsten Tag wollten wir dann fragen, ob wir zur Großmutter gehen dürften, da wollten wir uns dann an den Blumen erfreuen.

Wir machten einen schönen Garten, setzten die Blumen ein, aber leider wuchsen sie nicht weiter.

Zur Großmutter gingen wir nicht, es hätte uns dort das Unheil erreichen können, wenn die Tante, Mutters Schwester, inzwischen etwas von dem Diebstahl erzählt hätte.

Das Schicksal nahm aber trotzdem seinen Lauf. Binnen einer Woche kam der Diebstahl auf, und unsere Eltern erfuhren davon. Sie jagten uns aber nicht mit Schimpf und Schande aus dem Haus, auch Schläge bekamen wir keine. Doch eine andere Strafe erwartete uns, die in der Jetztzeit ganz unbekannt ist. Daher führe ich diesen Fall an, um aufzuzeigen, wie man in meiner Kindheit böse Taten bestrafte.

Wir mußten eine Stunde lang "Scheitelknien".

Wie ging das vor sich? – Wenn der Baum gefällt wurde und die Äste abgehackt waren, wurde der Stamm in Meterstücke durchgeschnitten und diese dann in dreikantige Stücke aufgespalten. Ein solches Scheit nahm man als Sündenbock. Mit zwei Kanten lag es am Boden und auf der dritten Kante mußten wir knien. Schaute gerade niemand auf uns, so konnte man sich mit dem Popo auf die Fersen setzen und so den Schmerz von der scharfen Kante etwas mildern. Hörte man aber, daß jemand kam, so mußte man sich schnell wieder auf die Kante knien, sonst wäre die Strafzeit verlängert worden.

Später mußte ich noch oft diese Strafe über mich ergehen lassen. Es ist nicht wahr, daß solche Strafen abschrecken. Ein Kind tut das Böse ganz unbewußt, nur mit dem bloßen Wunsch, etwas haben zu wollen.

Ich meine damit nicht, alles gut zu heißen, was das Kind will oder haben möchte, glaube aber, daß gutes Zureden und das Vermitteln der Erkenntnis, warum man dieses oder jenes nicht tun soll oder darf, weit mehr nützen würde als die härteste Strafe. Immer wird ein Kind fragen: Warum? Bekommt es auf seine Fragen keine Antwort, wird es leicht trotzig werden, was sich bei richtiger Aufklärung vermeiden ließe.

Eine andere Strafe, die allgemein üblich war, bestimmt aber nicht dazu beitrug, das Kind zu bessern, sondern nur verängstigte und einen Schaden fürs ganze Leben anrichten konnte, war die, das Kind in den finsteren Keller zu sperren. Schreien hörte es doch niemand, wenn nur eine Familie im Hause wohnte.

Ich war ja nie ein furchtsames Kind, daher hat es mir auch nichts ausgemacht. Wenn der Vater in den Keller nachsehen kam, ob wir schon mürbe waren und kniefällig um Verzeihung baten, habe ich mich nie gerührt, und es erst nach vier- bis fünfmaligem Nachsehen getan. Ansonsten wäre ich vielleicht eingeschlafen, da hätten doch die Ratten kommen und mich beißen können.

Will versuchen, noch mehr davon aufzuzeichnen, die mir gut in Erinnerung sind.

Ich will hier keinesfalls Kritik an der Erziehung meiner Eltern üben, sie wollten bestimmt das beste für uns und hatten uns lieb, wenn sie es uns auch nie zeigten. Diese Strafen waren eben zu jener Zeit üblich.

Es war für mich das erste Mal, daß ich nach jenem Blumendiebstahl "Scheitelknien" mußte, doch hatte dies eine arge Schockwirkung. Wenn es auch die folgenden Male nicht mehr so arg war, so nahm ich mir trotzdem vor, als ich älter war, solche Strafen bei meinen Kindern nie anzuwenden, sollte ich einmal welche haben und habe es auch im ganzen Leben nie getan.

Unsere liebe Mutter sagte immer, wenn wir Strafe verdienten: "Wartet nur bis der Vater heimkommt, ich werde ihm alle eure Sünden erzählen!"

Vater war ja meist viele Monate abwesend, doch fürchteten wir immer sein Heimkommen, wenn die Zeit näher rückte.

Mutter war ja krank, durfte sich nicht ärgern, und konnte uns manchmal nicht zügeln, wie sie sollte.

Man darf aber den Vater nicht zu einer Furchtperson für die Kinder machen. Wie glücklich sind die Kinder, die nicht wissen, ob sie den Vater oder die Mutter lieber haben sollen.

Ich lernte meinen Vater erst lieben und schätzen, als ich mit ihm ins Schnitt arbeiten ging. Von da an wußte ich erst, wie lieb und gut er war. Bei allen Leuten, wo er arbeitete, war er sehr beliebt, alle hatten ihn gern und kein Fleck war auf seiner Ehre. Bald 30 Jahre weilt er nicht mehr unter uns.

All diese Kindheitserlebnisse gehören der Vergangenheit an, doch prägen sie den inneren Menschen.

Informationen zum Artikel:

Wunder im Kinderland

Verfasst von Maria Gremel

Auf MSG publiziert im April 2013

In: Erinnerungsbücher, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Bucklige Welt, Kirchschlag, Aigen
  • Zeit: 1900er Jahre, 1910er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein Ausschnitt aus dem Erinnerungsbuch von Maria Gremel, Mit neun Jahren im Dienst. Mein Leben im Stübl und am Bauernhof, 1900-1930, Wien-Köln-Graz 1983, S. 30-45.

Dieses Buch fand bei seinem ersten Erscheinen im Frühjahr 1983 ein breites Lesepublikum und wurde so zum Grundstein für die Buchreihe "Damit es nicht verlorengeht..." Die Veröffentlichung von Ausschnitten aus diesem Erinnerungsbuch erfolgt aus Anlass des 30-jährigen Jubiläums der Buchreihe im Frühjahr 2013 und macht Teile dieses längst vergriffenen ersten Bandes, bereichert um Fotos aus dem Nachlass der Autorin, wieder zugänglich.

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