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Ferntrauung, Beitrag 1 von 1

Wer die Zeit nicht kennt ...

von Helma Stiedl

So wie meinem Vater wollte man mir ebenfalls eine gute Ausbildung geben.

Ich habe die Aufnahmeprüfung in eine Eliteschule bestanden und quälte mich die gesamte Pflichtschulzeit bis zu meinem vierzehnten Lebensjahr durch. Meine Schule war hervorragend, aber ich war Außenseiterin, war immer die Kleinste (damals) und konnte nirgends mitmachen. Trotz Schulgeldbefreiung war meine Schule für meine Eltern eine Belastung mit laufenden Separatkosten. Meine Schulbücher waren überholt, Mutter kaufte sie im Antiquariat. Und wie kann man lernen in einer Küche mit vielen Personen, am Diwan sitzend, den Sessel als Schreibtisch? Vater machte nebenbei Schwarzarbeit am Küchentisch, oder man spielte Karten, Schach, und Oma kochte; das alles auf 12 bis 14 Quadratmetern.

Meine Schulkolleginnen waren aus großen Geschäftshäusern, Töchter von Akademikern, Apothekern, Adeligen usw. Meine Kleidung, auch für die Turnstunde, wurde von Mutti erzeugt. Als ich einmal beim Schularzt war, fragte mich dieser: „Hast du kein wärmeres Hoserl?“ – „Oh ja, aber das ist mein schönstes!“, war meine Antwort, und hinter mir gab es lautes Gelächter von meinen Schulkolleginnen, das ich noch heute höre …

Ähnliche Vorfälle gab es sicher mehrere, an diesen einen erinnere ich mich noch.

Meine Eltern waren sofort einverstanden, als ich die Schule mit vierzehn Jahren beenden wollte. Gerne wäre ich Kindergärtnerin geworden, weil ich den Umgang mit Kindern sehr liebe. Ich war traurig, keine Geschwister zu haben. Das Auslegen von Zucker nützte nichts. Als Kindergärtnerin musste man älter sein, unter achtzehn Jahren gab es keine Aufnahme.

Also schickte mich meine Mutter ins Arbeitsamt. Dort hörte ich von der Beamtin: „Zuerst müssen Sie das Pflichtjahr machen“, also machte ich armer Tropf ein Jahr lang für eine vierköpfige Familie das Dienstmädchen. Das Taschengeld, das ich bekam, reichte nicht einmal für die Straßenbahn, also ging ich zu Fuß zur Arbeit. Sonntags hatte ich frei, pro Woche, glaube ich, 48 Stunden Arbeitszeit. Später hätte ich gewusst, wie ich mir dieses Jahr hätte ersparen können.

Ich musste schwere Teppiche in den Hof schleppen und klopfen. Die angegackten Stoffwindeln musste ich waschen, es gab keine Waschmaschinen. Wenn der Mann nach Hause kam, stöhnte das Frauerl: „Ach Mäxchen, ich bin so müde!“

So ging das Jahr vorbei – „Dienst für den Staat“.

Meine Mutter sah in der Zeitung ein Inserat. Ein graphischer Großbetrieb suchte eine Telefonistin. Ich stellte mich vor und wurde sofort genommen. Ich ging in die Abendhandelsschule, verdiente meine Ausbildung. Ich hatte keine eigene Schreibmaschine, man konnte jedoch in der Schule üben.

1943 bekam ich die Einberufung in den Arbeitsdienst – wieder ein Jahr Arbeit für den Staat. Ich kam in ein winziges Dorf mit einigen Häusern in Kärnten. Dort war unser Lager für zirka 50 Arbeitsmaiden. Wir arbeiteten bei Bergbauern. Fast eine Stunde hatschte ich täglich bergauf im Schnee zu den Außendienstbauern. Es gab Wechseldienst, auch intern. Mit allen Hausarbeiten wurden wir vertraut gemacht.

Zirka fünf Kilometer oder etwas mehr war das nächste Dorf entfernt, wo es ein Lebensmittelgeschäft, einen Bäcker und ein Gasthaus gab. Es gab keinen öffentlichen Verkehr dorthin, man musste zu Fuß gehen. Wer hatte damals ein Auto, ein Taxi, ein Telefon? Wir hatten nicht einmal ein Radio und keine Zeitung. Ein Grammophon hatten wir, das spielte und krachte wunderbar. Doch wir hatten nur eine Platte, die wir auflegen konnten, mit dem Lied „Warum ist die Banane krumm?“ Wir mussten kurbeln, und der Apparat funktionierte nur dann, wenn wir ein Paar hohe Schuhe mit den Schuhbandeln an die Kurbel hängten. Wir hatten Lachorgien!

Wir spielten oft wie Kinder, lachten und scherzten, auch dann, wenn wir im Innendienst dicke Holzstämme durchsägen mussten – ohne elektrische Maschinen. Mit Spaß ging alles leicht!

Wenn wir Zeit hatten, schrieben wir gemeinsam Briefe an unbekannte Soldaten (Feldpost war gratis) und bekamen von diesen ebenso „nette“ Post. Eine von uns schilderte ihre hübschen o-Beine, die andere stellte ihre x-Beine vor. Die Nächste war Opernsängerin, schielte und stotterte. Das hat Lacher erzeugt.

Landschaftlich hat mich die Gegend begeistert. Schön war der Himmel oft bei Dämmerung, wenn wir gemeinsam im Kreis standen, uns an den Händen fassten, ein Abendlied sangen und der Sonnenuntergang sich am Himmel spiegelte in schönen Farben.

Die einzige „politische“ Erinnerung habe ich an das Frontstecken mit Nadeln auf einer Landkarte, wo unsere armen Soldaten kämpfen mussten. Wir lernten viele Lieder, übten den Chorgesang. Einmal hatten wir eine Ferntrauung im Lager. Die Braut war in RAD-Uniform, der Bräutigam war ein Stahlhelm auf dem Tisch, und wir versuchten für die Braut alles feierlich zu machen. Wir studierten auch Theaterstücke ein, die wir für die Bauern spielten.

Gegen Ende der Arbeitsdienstzeit ereignete sich Folgendes: Wir waren zwölf Maiden in einem kleinen Zimmer. Jede hatte einen kleinen Spind, und untergebracht waren wir in Stockbetten. Gegen Ende der Zeit fiel ich einmal aus dem oberen Bett und war bewusstlos. Die anderen Maiden holten die Führerinnen aus dem Schlafgemach, und diese haben mich ohne mein Wissen ins obere Bett verfrachtet. Die „fürsorglichen“ Damen gingen daraufhin wieder ins Bettchen.

Die Kolleginnen erzählten mir, dass ich laufend wimmerte: „Mein Schienbein ist hin …“ Sie hielten Nachschau – das Bein war o.k. Dann aber fiel einem Mädchen auf, dass ich immer meine Hand auf die Schulter hielt. Da erst sahen sie mein in kaputtes Schlüsselbein, fehlgestellt. Am nächsten Morgen hat mich eine Führerin „gnädig“ zum Arzt gebracht. Dort wurde Schlüsselbeinbruch und eine Gehirnerschütterung festgestellt. Mutti kam und nahm mich mit in die Heimat mit dem Auftrag der Ärzte: Bettruhe!

Zuhause gab es Fliegeralarm, Entwarnung, Fliegeralarm, Bomben, Entwarnung usw. So ging es Tag und Nacht; wir waren eben dem Überflugsgebiet nahe. Man wusste nicht, wo sie die Bomben abladen wollten. Jedes Mal mussten Mutti und ich zehn Minuten laufen, wir hatten keinen Luftschutzkeller. Bald darauf hieß es, Frauen, Kinder, Alte sollen die Stadt verlassen. Der Russe war nahe, Tito rüstete sich zum Einmarsch.

Wir flüchteten und landeten bei Verwandten, armen Kleinbauern, die selbst nicht viel hatten und von uns vorher kleine Hilfeleistungen bekommen hatten. Wir waren sechs Personen und bekamen ober dem Schweinestall eine Kammer mit drei Betten, auf einem Leitereisensteig musste man hinaufklettern. Eine provisorische Unterkunft, die wir monatelang hatten. Das Zimmer war zirka 14 Quadratmeter groß, an den Mini-Fenstern hingen die Eiszapfen. Es gab keinen Rauchfang, das Ofenrohr ging beim Fenster hinaus.

Unsere Unterbringung war wirklich notdürftig! Aber es gab keine Bomben, keinen Alarm, vor Partisanen wurden wir gewarnt und vor der – etwas weiter entfernten – Front hatten wir weiterhin Angst. Der Arzt hätte uns nur zu Fuß erreicht, es gab kein elektrisches Licht, kein Telefon, kein Radio, und nur einmal pro Woche gab es Post. Die „stille Post“ von Haus zu Haus brachte Nachrichten aus dem Dorf, nicht aus Wien, Berlin und der Welt.

Für den Ofen holten wir vom Wald „Futter“ – Asterln, die wir klein machten. Wenn wir einheizten, mussten wir eine Stunde lang eine „Rauchkuchl“ ertragen, dann kam langsam Wärme, sodass wir warmes Wasser bekamen und uns nicht nur kalt waschen mussten. Vielleicht gab es einen Bottich als Bad – da kann ich mich nicht mehr erinnern. Das Klo war ohne Windschutz, neben dem Misthaufen. Zirka 30 Meter weit entfernt gab es einen Brunnen.

Meine Mutter flickte, nähte und schuf – „aus Alt mach Neu“ – Kleider und was immer gebraucht wurde. Das Essen gab es aus einer Schüssel für alle: Sterz, eingebrannte Erdäpfel, Kraut; wieder Sterz mit saurer Milch. Ab und zu bekamen wir ein kleines Stückerl Geselchtes; ein „Hochzeitsessen“ war Schmarren mit Kompott; oder Kernöl, etwas gesalzen, mit Brot, das war köstlich.

Bis heute sind wir für dieses Quartier dankbar; es gab uns die Möglichkeit, unser Leben zu retten. Freunde sind im letzten Kriegsmonat von Bomben erschlagen worden. Damals habe ich begriffen, dass es wichtig ist, wenn Familien und Menschen zusammenhalten.

Informationen zum Artikel:

Wer die Zeit nicht kennt ...

Verfasst von Helma Stiedl

Auf MSG publiziert im März 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Süd-/Weststeiermark / Kärnten
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

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