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Wie war das doch gleich? – Nachkriegszeit in Wien I

von Ortwin Schmidt

Sonderbar, an was man sich so alles erinnert, wenn man sich erinnert...

Spaziergänge an der Hand meines Vaters, stets spannend und aufregend. Immer gibt es etwas Neues zu entdecken. Fragen über Fragen muss Papa beantworten. Wie die Vögel heißen, die Blumen, Bäume, Sträucher, wer die fremden Menschen in den Militärautos sind, wieso einige schwarze Haut haben, einige so sonderbar große Mützen, wieso viele Menschen so ängstlich werden, wenn Soldaten mit den hässlichen, kittelartigen Uniformen und den unförmigen Stiefeln auftauchen. Auf alle Fragen weiß er Antwort und Erklärung.

Aber auf einige antwortet er nicht oder nur sehr vage. Wann immer ich wissen will: „Warum sind so viele Häuser zusammengestürzt? Wer waren die Bösen, die das getan haben? Warum ist unsere Wohnung nicht mehr? Ich habe doch nur eine Nacht darin geschlafen, und jetzt wohnen wir in dem erbärmlichen, windschiefen Waschküchenzubau des Herrn Probst (in dem uns, im nun zu Ende gegangenen Winter 1946 des Öfteren Kleidungsstücke an der Rückwand des Kastens festfroren). Mit Kondensbildung erklärte mir Vater dies Phänomen. Sie entstünde, wenn in kalten Räumen kurzzeitig stark geheizt wird. Verstanden habe ich das nicht, aber es wird schon stimmen, denn lang konnten meine Eltern, wie so viele Menschen damals, ja nie heizen. Wenn ich wieder einmal wissen will: „Warum Papa, warum?“, werde ich meist mit „Wenn du größer bist, kann ich versuchen, es dir zu erklären“ vertröstet.

Doch ich bin oft heimlicher, aber aufmerksamer Lauscher bei manch heißer Diskussion.

Wenn die Erwachsenen zusammensitzen, wird darüber oftmals gesprochen und emotional debattiert: Not, Verzweiflung, aus der Arbeitslosigkeit geborene Hoffnungslosigkeit und damit verbundene nackte Armut, Verblendung, oft Hass auf Andersdenkende. Parteien, die scheinbar nichts zustande brachten. Eine andere, die vieles versprach und dann alles zerstörte, wirklich ALLES! Dieses Mosaik aus Irrungen, Intoleranz, Verblendung, Hass und Größenwahn hat alles verursacht.

Die Frage, wer die Bösen waren, wurde einheitlich, warum die Guten aber unsere Häuser zerstörten, warum einige von ihnen uns, soeben mit großem Einsatz Befreite, beraubten, vergewaltigten – man hörte auch von Deportierungen und noch schlimmeren Dingen –, sehr unterschiedlich beantwortet. Selbst ein Knirps wie ich spürte die konträre Weltanschauung der Diskussionsteilnehmer.

Aber trotz aller ideologischen Unterschiede gibt es zum Schluss stets in einem Punkt Übereinstimmung: Fehler der Vergangenheit dürfen sich nicht wiederholen. Wenn auch alle büßen müssten, manchem viel zu viel aufgebürdet würde, gegenseitige starre Schuldzuweisung, wenn auch berechtigt, sei zu wenig! Gemeinsam und miteinander, dann muss es einfach besser werden!

Sonderbar sehen die hohen Schuttberge aus, oft ragen die Kamine aus ihnen wie dünne Finger anklagend gegen den Himmel. Beklemmend und grotesk der Eindruck, den halbe Zimmer in den oberen Stockwerken mit ihren Tapetenmustern und Wandmalereien, ja vereinzelt Bildern, Fliesen, wenn es ein Badezimmer war, so von außen, von der Straße betrachtet, bieten. All das war vordem bestimmt, Wohnlichkeit zu vermitteln. Aber Türen, die von unversehrt gebliebenen Räumen ins Nichts führen, zeugen von verlorener Geborgenheit und allgegenwärtigem Leid.

Menschen, alle verhärmt und schlecht genährt, in der Überzahl Frauen, turbanähnlich gewundene Tücher auf dem Kopf, wie Ameisen so emsig, tragen diese Schuttberge nach und nach ab. Sortieren sorgfältig das wenige Brauchbare, ordnen alles zum Abtransport und laden das schwere Material auf Handkarren, Pferdewagen und, falls vorhanden, auf LKWs.

„Viele Männer hatten nicht wie ich das Glück – zwar schwer verwundet –, die Heimat wiederzusehen und bei der Heimkehr seine Lieben, wohl ausgebombt, aber gottlob unversehrt vorzufinden. Daher müssen Frauen beim Wiederaufbau unserer Stadt den Großteil der anfallenden Arbeit leisten.“

Ich erinnere mich noch gut, mit welcher Achtung Vater diese Worte sagte.

Irgendjemand schuf etwas später den Sammelbegriff „Trümmerfrauen“. Er sollte den Respekt vor der Leistung dieser Frauen ausdrücken.

Gehen ist die alles beherrschende Fortbewegungsart. Tramway fahren kann man schon, aber wie die Beleuchtung der Wohnungen und Straßen ist das vom Lastverteiler, was immer auch darunter zu verstehen ist, abhängig, und der Ausspruch, jener sei wieder zusammengebrochen, ist in der ersten Zeit nach Kriegsende eine von allen akzeptierte Gegebenheit.

Jeder Ausflug mit Vater bestätigt seine unerschütterliche Überzeugung, es werde sich alles zum Besseren wenden. Viele Ruinenberge sind schon abgetragen, die Straßenzüge einwandfrei erkennbar. Die Gehsteige benutzbar und blitzblank gefegt. Viele Fenster haben wieder Scheiben, oder sind ordentlich verschlossen. Der vorhin angesprochene Lastverteiler bricht immer seltener zusammen. Ein gutes Zeichen: Wenn er es doch einmal tut, wird schon darüber geraunzt.

Ein Ausflug ist meinen Eltern und mir in besonderer Erinnerung geblieben. Wir kehren von einer Wanderung zum Kahlenberg und Leopoldsberg, Ausgangspunkt Endstelle Linie 38, zurück. Ein anstrengender Fußmarsch für einen kleinen Buben. Sehr müde stehen wir auf der vorderen Plattform des Beiwagens. Nach einigen Stationen plötzlich hastiges Gedränge. Fast alle Fahrgäste drängen sich ins bereits überfüllte Wageninnere. Zwei Soldaten der Roten Armee sind zugestiegen. Baumlange, kräftige Gestalten. Ihre Maschinenpistolen mit den runden Dingern dran, sehen groß und bedrohlich aus. Sie bemerken, dass sie außer Mama Papa und mir auf der Plattform alleine sind, und im Inneren des Wagens herrscht beängstigendes Gedränge.

Sie sagen etwas. Papa, jahrelang Soldat in Russland, versteht sie und sagt den beiden, die Leute hätten Angst vor ihnen. Sie sind erstaunt und sagen Papa, sie täten niemandem etwas zuleide. Einer hat ein Stanitzel mit schönen schwarzen Kirschen. Er gibt mir eine in die Hand, steckt mir, als er bemerkt, ich fürchte mich nicht, eine besonders schöne in den Mund und freut sich sichtlich über mein fröhliches Lachen. Als er mir das Stanitzel nochmals hinhält, nehme ich mir ein Paar heraus und hänge es ihm, wie es Papa manchmal bei mir macht, an sein Ohr. Er lacht laut und fröhlich, auch sein Kamerad stimmt mit ein. Im überfüllten Wageninneren erhellen sich die angespannten Mienen, so etwas wie Erleichterung breitet sich aus. Beide Soldaten spielen mit mir, heben mich immer wieder hoch und freuen sich sichtlich über meine Freude daran. Meiner Mutter ist das nicht geheuer, aber Vater beruhigt sie, von diesen Besatzungssoldaten hätte heute niemand etwas zu befürchten.

Mir ist dieses Erlebnis stets in Erinnerung geblieben. Details wie der unglaublich raue und grobe Stoff der Uniformbluse, die nun nicht mehr so gefährlich scheinenden Maschinenpistolen, aber vor allem das freundliche Lachen der beiden Fremden. Auch heute, nach so vielen Jahren, sehe ich beide deutlich vor mir und wäre neugierig, ob sie dieses Lachen beibehalten konnten.

In der Klagbaumgasse, nahe der Wiedner Hauptstraße, geben große, bis vor kurzem noch mit Brettern verschlossene Auslagenscheiben den Blick auf eine Welt frei, die so gar nicht zu den Bombenruinen und dem damit verbundenen Leid der Umgebung passt: Modelleisenbahnen, Flug und Schiffsmodelle gibt es zu sehen. Kinder und Erwachsene staunen einträchtig, träumen gemeinsam. Im Umfeld vom „Sperl“, so der Name des Geschäftes, ist der Albtraum verdrängt, hat die Zukunft begonnen. Viele Jahre hat dieses Geschäft Freude, Wünsche und Hoffnung vermittelt. Heute, wo so viel davon Wirklichkeit, ist der Sperl nicht mehr. Schade!

Es wird wirklich alles besser, zumindest für uns. Es gelingt meinen Eltern, eine bessere Unterkunft zu finden. Verglichen mit der zugigen Bretterbude ist es fast eine Traumwohnung.

Wir nehmen Abschied von Menschen, die uns, für sie Fremde, ohne Vorurteil in ihre Gemeinschaft aufgenommen haben. Herzensgute Leute, die als Gemüsegärtner aber auch etwas haben und tun, das in diesem Zeitabschnitt das Allerwichtigste ist. Sie haben und sie schaffen Lebensmittel.

Tüchtig und voll Einfallsreichtum wird das für die Menschen der Stadt so wichtige Gemüse angebaut. Die Bewässerung ist, da die Wasserversorgung stellenweise noch unterbrochen ist, auf das alte System umgestellt. Die vorhandenen Brunnen haben eine leistungsstarke Pumpe, diese wird von einem stets im Kreis gehenden Pferd, es hat große Scheuklappen vor den Augen, angetrieben. Das lebenswichtige Nass fließt in wohldurchdacht angelegte Bewässerungsrinnen. Von diesen wird es mit Holzschaufeln auf die Beete befördert. Für alle Beteiligten eine schwere, kräfteraubende Arbeit.

Jahre später, als die Wasserversorgung lückenlos funktioniert, gerät dieses System in Vergessenheit. Die letzte mir in Erinnerung gebliebene Schüsselbewässerung (Schüsselgießer werden diese Gärtner ein wenig herablassend von den schon an die Wasserversorgung angeschlossenen Kollegen bezeichnet) tat auf der Höhe Wachthausgasse Lindenbauergasse bis in die 50er Jahre ihren Dienst.

Einkaufen geht man zum Häuschen von Frau Stemberger, der Gemischtwarenhändlerin, die Waren, so sie welche hat, gegen Lebensmittelmarken ausfolgt. Sie und eine Frau, die ihr hilft, sind gerecht bei der Ausgabe, es gibt niemals Streit, obwohl oft genug nichts mehr da.

Alles, wirklich alles wird verwertet. In diesem Zeitabschnitt wird nichts „entsorgt“. Diesen Begriff, glaube ich, gab es damals nicht. Nicht in seiner heutigen Bedeutung.

Und so hilft man sich selbst, so gut man kann. Kleintiere können mit den Abfällen und den Nebenprodukten gehalten werden. Alle halten Tiere in dieser kleinen Welt, die sich hier, begrenzt durch den Bahndamm der Ostbahn, vom Gaswerk und dem Donaukanal, obendrein von den Geleisen der Pressburgerbahn zerschnitten, einer Insel ähnlich, erstreckt.

Glücklich, wer in diesen Tagen eine Ziege sein Eigen nennen kann und auch imstande ist, diese durchzufüttern. Die Eisenbahner haben das Privileg, den vorher erwähnten Bahndamm der Ostbahn als Weidegrund zu nutzen. Ein Pflock mit einer mehrere Meter langen Schnur, daran die Ziege, auf die man den ganzen Tag aufgepasste – lebenswichtige Milch der Lohn. Ein wenig wird da auch der Neid der Nicht-Eisenbahner mitspielen, als man für diese Ziegen den Begriff „Eisenbahnerkuh“ prägt. Diese Tiere haben einen nicht unerheblichen Beitrag zur Versorgung der Menschen in diesen Zeiten geleistet.

Wir haben auch Hasen, meine Lieblinge. Einer, Hansi, ist besonders zutraulich. Man kann ihn streicheln, er hat ein seidig schimmerndes schwarzes Fell. Vater, obwohl sechs Jahre Soldat, kann aber keines dieser Tiere seiner Bestimmung zuführen. Wir brauchen in diesem Punkt unsere Nachbarn, die kopfschüttelnd ob der vermeintlichen Schwäche meines Vaters, dies für ihn tun.

Mir kommt beim Essen eines köstlichen Bratens niemals in den Sinn, es könnte sich um einen unserer Hasen handeln.

Als ich es doch durch eine Bemerkung meines Freundes Franzi mitbekomme, esse ich von Stunde an keinen Braten mehr. Mutter muss viel Aufklärungsarbeit leisten, sonst wäre ich einer der jüngsten überzeugten Vegetarier geworden und diese sind in jenen Zeiten sehr selten.

Übrigens wurde Hansi auch von Papa und Mama nicht gegessen. Sein Fell wurde viele Jahre aufgehoben.

Informationen zum Artikel:

Wie war das doch gleich? – Nachkriegszeit in Wien I

Verfasst von Ortwin Schmidt

Auf MSG publiziert im Mai 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 11. Bezirk
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

Anmerkungen

Dieser Erinnerungstext entstand 2004 im Rahmen des Projekts "Wie war Wien? - Bürger/innen schreiben Geschichte" in Kooperation mit der MA 7 - Kultur und wird hier in drei Teilen wiedergegeben.

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