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Oxdradiumzuckerln, Beitrag 1 von 1

April, April!

von Helga Vystavel

Meine Eltern und ich wohnten nach dem Kriegsende bei den Großeltern väterlicherseits im Schrammelhof in der Kopalgasse, Wien-Simmering, auf der 4er-Stiege. Es ist ein großer Gemeindebau mit drei Innenhöfen. Unsere Wohnung am Rennweg war von einer Bombe zerstört worden.

Es war der 1. April und ich saß bei meiner Oma in der Küche. Da ging sie auf einmal zur Küchenkredenz und holte aus einem Kaffeehäferl ein paar Münzen. Wie viele es waren, weiß ich heute nicht mehr. Sie gab mir das Geld und sagte: „Geh doch hinüber zum Zuckerl-Zeman und kauf uns 10 Deka Oxdradiumzuckerln und eine Haumiblauschokolade.“

Das mußte mir Oma nicht zweimal sagen. In der schweren Nachkriegszeit war es selten genug, daß ich etwas Süßes beim Zuckerl-Zeman einkaufen durfte. Freudig lief ich also durch die drei Innenhöfe zum großen Eingangstor und überquerte die Kopalgasse zum vis-à-vis liegenden Zuckerlgeschäft. Ich stieg die Stufen zur Eingangstüre hinauf, öffnete sie und dabei ertönte ein Klingelgeräusch. Ich war die einzige Kundschaft im Geschäft und die Frau Zeman frug mich, was ich denn möchte. Ganz wichtig sagte ich zu ihr: „Ich möchte bitte 10 Deka Oxdradiumzuckerln und eine Haumiblauschokolade!“

Frau Zeman sah mich groß an und sagte: „Wer hat denn dich geschickt, daß du das kaufen sollst?“ Ich: „Meine Oma schickt mich und hat mir auch das Geld dafür gegeben.“ Da lächelte Frau Zeman und sprach: „Sprich doch einmal die Worte ganz langsam aus: Ox, Ochs drah di um und hau mi blau. Solche Zuckerln und Schokolade gibt es nicht. Deine Oma hat dich in den April geschickt. Heute ist der 1. April!“

Furchtbar enttäuscht und den Tränen nahe verließ ich das Geschäft. Niedergeschlagen trottete ich durch die drei Innenhöfe wieder zurück nach Hause. Ich klingelte an der Wohnungstüre. In der Mitte des Türblattes war dafür ein Hebel aus Metall, den man drehen mußte, und innen erklang ein Geräusch wie bei einer Fahrradklingel. Oma öffnete mit einem breiten Lachen im Gesicht und sagte: „April, April!“ Ich aber hielt ihr meine Hand mit dem Geld entgegen und wollte wortlos hinein. Sie aber sagte: „Nein, geh nur wieder zum Zuckerl-Zeman und kauf dir dafür ein paar Wiener Zuckerln.“

Versöhnt drehte ich mich um und eilte wieder durch die Innenhöfe zum Zuckerlgeschäft. Frau Zeman lachte, als sie mich eintreten sah, verkaufte mir ein Sackerl Wiener Zuckerln und als Draufgabe bekam ich von ihr noch ein paar Saure Drops. Oma hat mich zwar in den April geschickt, aber der 1. April hat mir doch noch Süßes gebracht.

Informationen zum Artikel:

April, April!

Verfasst von Helga Vystavel

Auf MSG publiziert im Juli 2012

In: Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 11. Bezirk
  • Zeit: 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Author gibt folgende Worte der Kindheit an: Oxdradiumzuckerln; Haumiblauschokolade

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