Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > Worte der Kindheit > F: 26 Beiträge

Fritzelack, Beitrag 1 von 1

Unanständiges und Schweinigeln

von Franz V. E. Ginner

(...) Nun will ich auf eine andere kindliche Untugend zu sprechen kommen, die ebenfalls die Kinder als schlimm oder „ungezogen“ erscheinen läßt. Es geht um die Verletzungen des Anstandes und der Sittlichkeit, die stark vom Zeitgeist abhängig sind. Hier kommt es vor allem auf das soziale Umfeld, auf die „Kinderstube“ an.

Zu den Unanständigkeiten meiner Kindheit und Jugend gehörten im städtischen Bereich alle unflätigen Wörter aus dem Fäkalbereich. Absolut aus dem Wortschatz verbannt waren alle Vokabeln aus dem Bereich der Fortpflanzung. Auf dem Land hingegen sprach man über den Fäkalbereich im Klartext. Da hatte man noch das offene Scheißhäusl und wischte sich nach dem Scheißen den Arsch aus. Der Umgang mit dem Mist gehörte zu den wichtigen Arbeiten, denn es hieß „Mistus ist Christus“.

Auch die Fortpflanzung der Tiere gehörte zum Bauernleben und der Hahn buckte die Hennen, der Stier besprang die stierende Kuh, der Saubär die bärade Sau, und die Goaß wurde zum Bock getrieben. Nur über die menschliche Fortpflanzung sprach man in Gegenwart der Kinder mit vorgehaltener Hand. „Da sand Schindln drauf“ oder „Schindln am Dach“ sagte man, wenn ein Thema nicht jugendfrei war. Hingegen nahmen die Erwachsenen bei der Verwendung von Kraftausdrücken, beim unflätigen Fluchen, keine Rücksicht auf Kinder.

Der Umgang mit Schmutz und Dreck hingegen war uns Landkindern vertraut. Auf Waldweiden benutzten wir angetrocknete Kuhfladen sozusagen als Steckmoos. Roßknödel – auf Schriftdeutsch: kugelförmige Pferdeexkremente – nahmen wir als Wurfgeschoße, und Lehmpatzen dienten als Plastilin und Baumaterial für Burgen, aber auch als Dreckknödel beim Kochenspielen. Gar oft schimpfte die Großmutter: „Hiazt toan dö Gfraster schon wieder dreckln!“

Eine besonders anrüchiges Erlebnis fäkaler Art hatte ich im Jahr 1949 im Krankenhaus Bad Ischl:

Norberti der Sepp-Bradl-Fan

Neben den Holzknechten, Pfannhausern und Blinddarmdurchbrüchen lagen in meinem Krankensaal auch die Schifahrer. Direkt neben mir lag der Norberti aus Ebensee. Er war ein begeisterter Sepp-Bradl-Fan. Wegen seines beim Schispringen erlittenen Oberschenkelbruches lag er unter einem Zelt, das die Extension, den Streckmechanismus seiner Knochen durch Gewichte verhüllte. Auf der Leibschüssel seine Notdurft zu verrichten verursachte ihm natürlich arge Schmerzen, Darum ließ er es einfach ins Bett gehen. Als eine Schwester wieder einmal die „schöne Bescherung“ entdeckte, sah sie auf dem Oberschenkel des Buben eine Art steinzeitlicher Felszeichnungen. „Was hast du denn da gemacht? fragte die Schwester. „Dös sánd alles lauter Sepp Bradl! antwortete der Norberti, der mit seinen Fingern und seinem eigenen Kot Schispringer auf seine Schenkel gezeichnet hatte.

In der näheren Umgebung des Norberti herrschte Verwesungsgeruch, dessen Herkunft unbekannt war. Beim Reinigen von Norberts Nachtkästchen fand die Schwester in der Lade ein in Stanniolpapier eingewickeltes  kleines Päckchen. Sie machte es auf und des Geruchsrätsels Lösung lag buchstäblich auf ihrer Hand. Ein bereits eingetrocknetes wurstförmiges Exkrement des kleinen Norberti. Weil ihn die Schwestern schimpften, wenn er ins Bett machte und er das Sitzen auf der Leibschüssel so gefürchtet hatte, verpackte er seinen Stoffwechselrückstand in eine Schokoladen-Stanniolfolie und verwahrte ihn in seinem Nachtkästchen. (Auszug aus meinem unveröffentlichten Manuskript  „Geschichten aus dem Salzkammergut“, © Franz V. E. Ginner)

Als Kind einer ständig kranken und überaus pedantischen „Krebsgeborenen“ gab mein Widerstand gegen die in meinen Augen übertriebene Sauberkeit Grund genug, mich als schlimmes Kind anzusehen. Was gab es Lustigeres, als beim Kaufmannspielen getrocknete Kleintierexkremente, wie Hasen und Goaßbemmerl zu verwenden. Besonders lustig war es, bei Regen in den Wasserlachen herumzuspritzen.

Aber auch in Bezug auf Kleidung ging ich mit meiner Mutter nicht konform. Am liebsten hatte ich die abgeschmierte Lederhose und einen Steirerjanker mit Haferlschuhen. Im Alter von vier Jahren quälte mich die Mutter mit einem Matrosenanzug, weißen Socken, weißen Handschuhen und Spangerlschuhen. Widerstrebend zog mich die Mutter auf die Straße. Die mit Holzstöckelpflaster belegte Lazarettgasse war kurz vorher geteert worden. Trotzig von der Mutterhand gehalten stolperte ich und legte einen mustergültigen „Fritzelack“ hin. Das heißt, ich fiel mit ausgebreiteten Armen und Beinen auf den frischen Teer. Meine Mutter kehrte mit mir um. Als Vater die Bescherung sah, kommentierte er es mit den mir unvergeßlich gebliebenen Worten: „Dös hast davon, weilst den Buabm wie an Affn zsammrichtst!“ Ich war glücklich, daß das „deppate Matrosngwandl“ im Mistkübel verschwand.

Bei einem Ausflug in den Wienerwald trug ich erstmals eine funkelnagelneue Lederhose. Bei einer Lehmgrube meinte mein Taufpate: „Das wär eine Gelegenheit, die Lederhose einzuweihen.“ Ich nahm den Vorschlag zum Entsetzen meiner Mutter sofort auf, kraxelte auf die Böschung und rutschte auf dem Hosenboden hinunter. Daheim holte ich mir später aus der Speiskammer eine alte Speckschwarte und verlieh damit der Ledernen die in meinen Augen nötige „Patina“. Als brav wurden diese Handlungen von meiner Mutter nicht eingestuft.

Ein anderes Problem war das Radfahren. Im Alter von zwölf Jahren bekam ich ein wunderschönes Jugendrad der Marke NSU. Mein Vater und sein Militärkamerad, mein Patenonkel, versuchten mir das Radfahren beizubringen. Jeder wußte es besser, und vor lauter Streiten gab es einen absoluten Mißerfolg. Ich hatte eine derartige Wut, daß ich aus Trotz das auf dem Dachboden verwahrte Rad nie wieder benützte und erst mit siebzehn Jahren mir selbst die Kunst des Radfahrens beibrachte.

Meine Eltern hatten die glückliche Hand, daß sie mich außer zum Essen zu nichts zwangen. Ich durfte in Küche und Garten mithelfen. Helfen zu dürfen war für mich eine Auszeichnung. Das „Müssen“ kam von außen. In der Systemzeit (1934-38) mußte ich zweimal eine Kirche besuchen, in der NS-Zeit mußte ich DJ-Dienst machen, und nach der Schule mußte ich Schulaufgaben machen. Aber dieser Zwang war mächtiger als ich und zeigte mir die Grenzen meines Wollens auf.

Unzüchtige Kinder

Als Einzelkind und Alleingänger in der Schule hatten meine Mitschüler keinen Einfluß auf mich. Mein einziger Jugendfreund Hansi war ein wohlbehütetes Kind, und unsere Interessensgebiete waren die Jagd, Tiere, Pflanzen und bei Hansi ganz besonders die Astronomie. Unsere biologischen Kenntnisse erstreckten sich auf Flora und Fauna und beim Menschen auf Psychiatrie und Pathologie. Die sogenannte „Aufklärung“ erfolgte bei mir durch ein plötzlich im Bücherkasten gefundenes „Doktorbüachl“, in dem in gewählten Worten und Bildern die menschliche Fortpflanzung erörtert wurde. Wir waren also sehr „anständig“ erzogene Kinder.

Auch bei den Bauerkindern auf den Einschichthöfen des Mostviertels blieb der „Anstand“ gewahrt. Der Bauer macht, wie es Wilhelm Busch formulierte, „im Stillen hocherfreut, das was seine Schuldigkeit; und steht eines Morgens da, als ein Vater und Papa, und ist froh aus Herzensgrund, daß er es so gut gekunnt.“ Bei den gut christkatholischen Bauern mußte man sich der Sünden wegen fürchten, über solche Sachen zu reden. Ja, selbst Gedanken daran waren sündhaft.

Bei Dorfbuben im oberösterreichischen Almtal sah es da ganz anders aus. Ein Verwandter legte bei mir seine Lebensbeichte ab, und da konnte er zu diesem Thema einiges berichten. In der Folge bringe ich einige Auszüge aus dem unveröffentlichten Manuskript „Die Heilig Geist Taube“, das ich unter einem Pseudonym geschrieben habe:

Dorfbubenspiele

Liesi, Fabians Ziehschwester, kam in die Volksschule, und ein Jahr später begann auch für Fabian der Schulbesuch. Im Kreis der Dorfbuben fand er Spielgefährten, und es begann die Zeit der Bubenstreiche. Der Weg zum Pölzingerhaus führte durch einen Hohlweg. Auf der Höhe einer Böschung gab es eine dichte Hainbuchenhecke, die den Grund des Gemeindearztes abgrenzte. In dieser Hecke gab es ein ganzes Labyrinth an Gängen. Da drin wurden von den Dorfkindern richtige Nester und Burgen gebaut. Bei Regenwetter bauten die Kinder im Straßengraben kleine Wasserräder. Sehr beliebt war auch das Baumkraxln auf der Kastanie beim „Doktorbankerl“.

In diese Zeitperiode fällt auch das „Doktorspielen“ mit den Mädchen. Liesi ließ bereitwillig Untersuchungen ihres Unterleibes durchführen, und so lernte Fabian ganz augenscheinlich, daß es auch körperliche Unterschiede zwischen Bub und Mädchen gibt. Aber auch die Buben verglichen bei diesen Doktorspielen im Schutze der Hainbuchenhecke ihre männlichen Merkmale. Ein beliebtes Spiel war das Von-unten-Zusehen wenn ein anderes Kind von einem Ast herab seine große Notdurft verrichtete. Durch diese Spiele wurde das Doktorbankerl unter der großen Kastanie sehr oft unbenützbar. Die Kinder konnten vom Bankerl auf die Hecke klettern und von dort auf den Kastanienbaum. Ein großer Ast diente als Latrinenstange und die Holzbank wurde sozusagen zur Kotablage.

Die jüngeren Buben lernten von den älteren, daß man mit dem, was in der Bubenhose versteckt war, nicht nur einen Wettbewerb im „Weit- oder Hochbrunzen“ veranstalten kann. Die Dorfbuben lernten voneinander auch andere Spiele damit. Anfänglich tat es Fabian zwar etwas weh, aber mit der Zeit kam ein Lustgefühl auf und wurde zu seiner Lieblingsbeschäftigung.

Wie schon erwähnt war im christkatholischen Dorf das absolute Oberhaupt nicht der Bürgermeister, sondern der „Hochwürden Herr Pfarrer“. Wer nicht am Sonntag in eine der zahlreichen Messen ging, galt im Dorf als Außenseiter. Fabian Großeltern waren als Sozi ortsbekannt. Trotz ihrer kirchenfeindlichen Einstellung mußten die Kinder mit der Kathi am Sonntag in die Kirche, „wegen der Leut“.

Der Religionsunterricht war in jener Zeit das wichtigste Unterrichtsfach. Pfarrer und Kaplan teilten sich diese Aufgabe. Durch diese Religionslehrer erfuhr Fabian, daß es eine ganz große Sünde sei, mit dem, was in der Hose steckt, zu spielen. Gott würde einen solchen Sünder ganz fürchterlich bestrafen. Aber aus eigener Erfahrung wußten die Dorfbuben, daß gar nichts geschieht, daß dies eine leere Drohung des Katecheten war. Im Gegenteil bereitete das verbotene Spiel ein ganz besonderes Hochgefühl. Dennoch behielt Fabian einen Rest an Angst vor den Folgen seines verbotenen Tuns. Er verlegte daher seine Spiele von der Buchenhecke ins Bett. Dort würde ihn Gott sicherlich nicht sehen, und auch die Großmutter sah nicht nach, was er vor dem Einschlafen und nach dem Erwachen unter der Tuchent trieb.

Einmal erprobte er mit einem Altersgenossen, ob es einen solchen Gott, wie ihn der Pfarrer schilderte, überhaupt gibt. Sie schlichen sich in die Kirche und urinierten in den Weihwasserbehälter. Nach allem, was die Katecheten gelehrt hatten, müßte jetzt ein fürchterliches göttliches Zorngericht über die beiden Sünder niedergehen. Aber nichts geschah. Weder der Gekreuzigte noch einer der vielen in der Kirche herumstehenden Heiligen verzog auch nur eine Miene. Sie blieben starr und stumm, wie sie es seit je waren. Durch diesen Versuch kam Fabian zur Erkenntnis, daß es keinen Gott gibt. Zumindest keinen solchen, wie ihn die Katecheten schildern. Er wurde später tiefgläubiger Atheist.

Obwohl zu dieser Zeit den Kindern ab dem sechsten Lebensjahr freigestellt war, ob sie den Religionsunterricht besuchen wollten oder nicht, war es in diesem Ort nicht möglich, dem Religionsunterricht fernzubleiben. Die Macht des allen Religionen feindlich gegenüberstehenden Regimes fand an der starren Haltung der Landbevölkerung ihre Grenze. In den Gauhauptstädten war dies wesentlich anders. Dort waren die Menschen einander fremd und deshalb gleichgültig, weshalb man dort eine gegenteilige Einstellung gefunden hatte. Wer es gewagt hatte, in eine Kirche zu gehen, wurde scheel angesehen und unter Umständen „vernadert“.

Im Laufe der Zeit erfuhr Fabian, daß man auch mit Mädchen solche lustbringenden körperlichen Spiele treiben kann, wie mit dem eigenen männlichen Körperteil. Aber er hatte davor eine unerklärliche Scheu. Beim Doktorspielen hatte er zwar die Anatomie des weiblichen Unterleibes kennengelernt, aber er hatte Angst, daß ihn die Liesi verraten würde. Sie war eine typische weibliche Ratschn, die andere verriet, um selbst daraus einen Vorteil zu ziehen. Sicherlich sind die anderen Mädchen auch solche „Trutschn“, vor denen man sich in acht nehmen mußte. Im Hinterkopf aber spukte noch immer der Gedanke, welch fürchterliche Strafen das sündhafte Tun mit einem Mädchen nach sich ziehen werde. Er glaubte zwar nicht mehr, was der Katechet und Pfarrer über Gott sagten, aber vielleicht war das Urinieren in den Weihbrunnkessel keine so große Sünde wie die Unzucht mit Mädchen.

Seine Neugierde gegenüber diesen Dingen wuchs. Mit Gleichaltrigen ging Fabian auf die Empore der menschenleeren Kirche. Dort verübten sie sozusagen im Angesichte Gottes ihre frevelhaften Spiele mit ihrem körpereigenen Spielzeug. Aber auch bei diesen Freveltaten passierte nichts. Es grollte kein Donner, es schlug kein Blitz ein, und auch die frevelnde Hand fiel ihnen nicht ab. Fabian wurde als Erwachsener nicht nur tiefgläubiger Atheist sondern praktizierender und bekennender Schwuler. „Früh übt sich …" ist eine alte Volksweisheit. (Auszug aus dem bisher unveröffentlichten Manuskript: „Die Heilig Geist Taube – Ein Menschenschicksal“ von Gottlieb Aster (© Franz V. E. Ginner)

Schlußbetrachtung

Das Schlimmsein der Kinder und Jugendlichen scheint ein unabdingbarer Bestandteil des Menschenlebens zu sein. Beim Zusammenleben ergeben sich Polaritäten, gegenteilige Ansichten und unterschiedliche Machtverhältnisse. „Was dem eenen sin Uhl, is dem andern sin Nachtigall“ lautet ein norddeutsches Sprichwort. Und aus dieser Sicht sollte man das Schlimmsein der Kinder betrachten.

Im Zusammenleben sind zwar brave Kinder, gehorsame Mitarbeiter, blindgläubige Anhänger und gefügige Staatsbürger ob ihrer leichten Lenkbarkeit für die Obrigkeiten und Mächtigen angenehmer. Darum sehen die Schulen brave Kinder als ihr Ausbildungsziel an.

Aber wie fade, leer und öde wäre es im menschlichen Zusammenleben ohne schlimme Kinder. Wie arm wäre die Literatur ohne Mark Twains Huckleberry Finn, ohne Wilhelm Buschs Max und Moritz ohne Ludwig Thomas "Lausbubengeschichten" oder Spoerls "Feuerzangenbowle"! Ohne Lausbuben wäre auch dies hier nie geschrieben worden.

Informationen zum Artikel:

Unanständiges und Schweinigeln

Verfasst von Franz V. E. Ginner

Auf MSG publiziert im April 2012

In: Schreibaufrufe, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich, Traunviertel, Salzkammergut; Almtal / Wien, 9. Bezirk
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.