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"Ein einziges Mal habe ich wirklich etwas angestellt ..."

von Karl Schmutz

Nun, ob ich ein schlimmes Kind war, lässt sich aus eigener Sicht schlecht beurteilen, ich getraue mich aber – ohne Selbstbeweihräucherung oder Beschönigung – mit reinem Gewissen zu behaupten: „Eigentlich nein, ein schlimmes, ungezogenes Kind war ich nicht.“ Denn ich hatte einen sehr, sehr strengen Vater und der duldete keinerlei Unregelmäßig- oder Ungehorsamkeiten. Stellte ich wirklich aus seiner Sicht einmal – aus kindlicher Unwissenheit oder Unbeholfenheit – etwas an, folgten gleich Schelte oder ein paar Fotzen – bei uns auch Flaschen genannt –, ohne viele Erklärungen.

Etwas Unerlaubtes getraute ich mich schon wegen der darauffolgenden harten Sanktionen nicht zu tun. Somit kann ich auch nicht mit Bubenstreichen aufwarten oder prahlen. In diesem Bereich scheine ich ein erhebliches Erlebnisdefizit zu haben. Es blieb mir auch nie Zeit, um mit anderen Gleichaltrigen Lausbübereien auszuhecken oder daran teilzunehmen, da ich schon früh als Kind in unserer kleinen Landwirtschaft mithelfen musste. Die Wochentage verliefen in meinem Schulbubenalter meist so, dass ich nach der Schule rasch etwas essen konnte und sofort mit aufs Feld musste.

Daher durfte ich zu mir nach Hause auch nur sehr selten jemanden zum Spielen einladen und wenn, dann nur an Sonntagen für kurze Zeit, da es auch an solchen Tagen gewisse kleine Erledigungen für mich zu machen gab. Und wenn bei den doch sehr raren Freundesbesuchen einmal irgendetwas zu Bruch gegangen oder sonst etwas geschehen war, was dem Vater missfiel, erhielt ich, wenn meine Freunde heimgegangen waren, für deren Missgeschick meistens eine väterliche Abreibung. Auf meine weinerliche Frage des Warum meinte er dann immer: „Du hätt’st wenigstens gscheiter sein sollen.“ Einige kleinere Vorkommnisse, die dann ein Donnerwetter oder eine Tracht Prügel zur Folge hatten, möchte ich aber hier dennoch anführen.

Ich erwähnte bereits, dass ich fast immer sofort nach der Schule, schon als kleiner Volksschulknirps, am Feld oder auch bei Arbeiten im Haus mithelfen musste. Wir waren nämlich eine sogenannte Kleinhäuslerfamilie mit einer alten Keusche (ärmliches Haus). Vater hatte Kinderlähmung gehabt, war deshalb leicht gehbehindert, und so war jeder zu erledigende Handgriff unverzichtbar.

So geschah es einmal, dass ich auf dem Nachhauseweg von der Schule, der zu Fuß circa 25 Minuten dauerte, mit den anderen Weggefährten herumtrödelte und verspätet heimkam. Mein Gott, da hat es aber dann gerauscht bei mir. Vater, der bereits mit den am Wagen angespannten Kühen auf mein Eintreffen wartete, ließ mich gleich mit der Peitsche Bekanntschaft machen. Damals ging es ohne das ansonsten hastig hinuntergeschlungene Mittagessen gleich aufs Feld hinaus, und es herrschte den ganzen Nachmittag eisiges Schweigen; nur meine Mutter warf mir ab und zu einen mitleidig tröstenden Blick zu. Sie war in solchen Situationen immer der ruhige, ausgleichende Pol zwischen uns Männern.

Ähnliches passierte mir, als mich zwei von meinen Mitschülern drängten, an einem Samstag nach dem Unterricht um 13 Uhr noch etwas zu bleiben und einem Hochzeitszug (Hochzeitsgesellschaft) zuzusehen, der vor 14 Uhr bei der Pfarrkirche eintreffen sollte. Meine Schulkollegen hatten da aber schon vorher etwas eingeplant, in das sie mich sogleich einweihten. Sie wollten es sich bei dieser Hochzeit nicht entgehen lassen und viaziahgn (den Weg absperren). Also, das ist auch heute noch ein Brauchtum, bei dem der Hochzeitszug mit einer Absperrung angehalten wird und die Gäste – vor allem der Brautführer – einen Obulus zu leisten haben, um weiter zur Kirche ziehen zu können. Meistens bestanden damals diese Gaben aus Hochzeitskrapfen, Bäckerei und kleineren Groschenbeträgen. Wenn es eine reichere Hochzeit (von vermögenden Leute wie Großbauern) war, verirrte sich auch so mancher Schilling oder Fünfer in die Sammelschachtel. Wir spannten eine Schnur über die Straße, welche die Kameraden schon vorher beim Greißler (Kaufmann)samt einer kleinen Schachtel für Geld und Mehlspeisen – organisiert hatten, und dann warteten wir aufgeregt auf die Hozat (Hochzeitsgesellschaft). Ich vergaß dabei ganz aufs Heimgehen, da ich noch nie Gelegenheit hatte, bei so etwas dabei zu sein.

Unser Viaziahgn war ein Erfolg. Wir teilten uns die Mehlspeisen und das eingesammelte Kleingeld durch drei, und dann trat jeder seinen Heimweg an. Jetzt erst traf es mich wie ein Blitz. Mir wurde bewusst, dass ich schon längst zu Hause sein hätte sollen. Ich wusste auch nicht, wie spät es inzwischen geworden war, da im Gegensatz der heutigen Zeit damals ein Volksschüler noch keine Uhr besaß; das spielte aber sowieso keine Rolle, mir war klar, dass es viel zu spät war. Mit pochendem Herzen und einer Mordsangst dessen harrend, was mich nun erwarten würde, lief ich heim, natürlich wusste ich, dass ich die versäumte Zeit nicht mehr einholen konnte, aber ich lief, was meine kleinen Beine nur hergeben konnten.

Nun ja, mein Vater polterte laut und gab mir zwischendurch die gefürchteten Watschen, weil ich mich so verspätet hatte. Als er mich dann noch nach dem Warum gefragt hatte, rastete er neuerlich aus, sodass mich Mutter vorsichtshalber aus der Gefahrenzone brachte. Dann rief er mir noch nach: „Es ist schon arg, dass du uns so lange warten lässt, aber was mich am meisten ärgert, ist, dass du zu den Reichen fechten (betteln) gehst. Das haben wir nicht notwendig, auch wenn wir nicht viel haben.“ Und wieder folgte ein verbleibender Nachmittag in Schweigen, das sich diesmal aufgrund der Schwere meines Vergehens noch bis in den nächsten Vormittag ausdehnte.

Eine Ungezogenheit, wie es mein Vater nannte, ging doch einmal nur mit einem gemäßigten Schimpfen aus. Ich hatte von meinen Eltern das strikte Verbot, mich zum Spielen im Wirtschaftsgebäude, speziell im Stadel (Scheune), herumzutreiben, wenn ich alleine zu Hause war. Es wäre dies zu gefährlich. Aber wie es halt ist bei der Unbekümmertheit eines Kindes, suchte ich einmal die Katze mit ihren erst ein paar Wochen alten Jungen. Von meinen Eltern wusste ich, dass sie sich im Stadel am Heustock (gelagertes Heu) aufhalten würden. So nützte ich die Gelegenheit an einem der wenigen Nachmittage, wo ich alleine daheim bleiben durfte, um meine lieben Kätzchen zu suchen. Ich erklomm den Heustock und glitt infolge Unachtsamkeit, von ganz zuoberst in einen Hohlraum zwischen Heu und Stadelwand. Es gab kein Entkommen – nach unten konnte ich nicht weg und nach oben ging es ebenfalls nicht, da ich nach einem oder zwei Metern des Hochkletterns immer wieder in mein Loch zurückrutschte. Es dauerte Stunden, bis meine Eltern vom Feld nach Hause kamen, und ich war von den Versuchen, mich zu befreien, auch vor Weinen und Angst, schon ganz erschöpft. Als sie mich nicht antrafen, suchten sie alles nach mir ab und wurden erst durch mein verhaltenes Schluchzen und Jammern hinter der rückwärtigen Stadelwand auf mich aufmerksam.

Damals schimpfte zwar mein Vater, aber der Einwand meiner Mutter: „Lass den Buben, sei froh, dass wir ihn gefunden haben und weiter nichts passiert ist“, ließ ihn auf weitere Strafmaßnahmen verzichten. Außerdem schien er über den so glimpflich verlaufenen Ausgang meiner Heustocktour ebenfalls sehr froh gewesen zu sein. Trotz seiner übertriebenen Strenge hatte ich immer wieder das Gefühl, dass er seinen Buben gern hatte.

Ein andermal bekam ich eine kleine Unfolgsamkeit durch einen Heugabelstiel zu spüren. Es war an einem heißen, schwülen Sommertag, als meine Eltern mit zwei Kuhgespannen um Heu fuhren, und ich brauchte nicht mitzukommen. Mir wurde nur aufgetragen, dass, wenn sie mit den voll beladenen Wägen zurückkehrten, ich rasch das Hof- und Stadeltor öffnen sollte, damit vor einem herannahenden Gewitter sofort eine Fuhre im Stadel und die andere im Hofschuppen untergestellt werden konnte.

Mir ist in der Zwischenzeit aber langweilig geworden, darum sperrte ich das Hoftor zu und ging zum Nachbarsbuben Hans, den ich heraußen spielen sah. Ich vergaß dann längere Zeit, auf das Heimkommen der Eltern mit den Wägen zu achten, und so sah ich zu meinem Schrecken die Gespanne erst, als sie bereits vor dem versperrten Tor standen. Wie von einer Tarantel gestochen hetzte ich nach Hause, dabei fielen schon die ersten großen Regentropfen des herannahenden Gewitters. Ich versuchte – den Vater im Rücken wissend – fieberhaft aufzusperren und noch ehe ich die beiden Torflügel zur Gänze geöffnet hatte, bekam ich vom Vater den Stiel der Heugabel schmerzend zu spüren. Rasch öffnete ich auch noch das Stadeltor und suchte heulend das Weite. Erst nach einiger Zeit, als der Regen dann schon heftiger wurde und ich immer noch außer Reichweite des Vaters ängstlich im Hof herumschlich, getraute ich mich – nach längerem Zureden der Mutter – ängstlich ins Haus. Mit der erhaltenen Strafe war es dann doch abgetan, da meine Eltern infolge des hereinbrechenden Gewitters ohnehin genug Sorgen hatten Man musste ja bei einem eventuell zündenden Blitzschlag für die Rettung der Habseligkeiten und der Tiere gerüstet sein. Da galt es, keine Minute zu verlieren.

Ein einziges Mal habe ich wirklich etwas angestellt, was sehr tragisch hätte enden können. Es war mir aber nicht bewusst, es passierte halt in meiner sechsjährigen kindlichen Unbekümmertheit, eigentlich eher im Unvermögen des Abschätzenkönnens von Folgen.

Wir hatten an der rückwärtigen Stadelwand ein kleines Fliehdachl (Flugdach) angebaut, wo gehacktes Brennholz gelagert war. Dort hatte ich einen Platz gefunden, der mir als „Kochecke“ für meine Patzereien diente. Eine alte Truhe, ein kaputtes Hängeregal und kleine Holzkistchen waren meine Einrichtungsgegenstände. Von Mutter hatte ich mir alte bzw. schadhafte Küchengeräte und Töpfe erbettelt. In diesem, meinem Reich rührte und mischte ich aus Sand, Gras und Verschiedenem, was die Natur halt so bot, meine Spezialgerichte.

Eines Tages dachte ich mir so bei meiner Spielerei, dass man zum Kochen doch auch ein bisschen Feuer benötigt. Und so rupfte ich aus der schadhaften Sockelmauer der Stadelwand eine Handvoll des heraushängenden Heus. Heimlich holte ich mir dann aus der Küche Zindhözl (Streichhölzer) und versuchte das kleine Büschel Heu anzuzünden. Anscheinend war es etwas feucht, da es nicht so richtig brennen wollte. So verlor ich das Interesse an meinem Kochspiel und verließ bald darauf den kleinen Schuppen.

Ein paar Tage danach nahm mich die Mutter zur Seite und sagte mit bei ihr nicht üblicher strenger Stimme: „Wir hatten dir doch immer wieder aufgeteufelt (streng aufgetragen), deine Finger von den Zindhözln zu lassen.“ Ich wusste momentan nicht, was sie meinte. Da erzählte sie mir, dass sie damals, kurze Zeit nachdem ich den Holzschuppen verlassen haben musste, diesen wegen Ofenholz aufsuchte. Dabei bemerkte sie das leicht glosende und rauchende Heubüschel, welches sie sofort abdämpfte. „Weißt du“, sagte sie immer noch sehr betroffen, „das ganze Haus hätte damals abbrennen können, wenn ich nicht zufällig in den Holzschuppen gekommen wäre.“

Ich war über meine Unüberlegtheit schockiert, es war ja nicht meine Art, zu zündeln, denn eigentlich hatte ich furchtbare Angst vor dem Abbrennen. Was ängstigte ich mich da immer bei einem Gewitter, dass ein Blitz einschlagen und das Haus einäschern könnte.

Ja, das war für mich eine Erfahrung, die sich in mein Bewusstsein im wahrsten Sinne des Wortes einbrannte.

Meinem Vater hat Mutter diesen Vorfall erst lange Zeit danach bei einer günstigen Gelegenheit, wie sie glaubte, erzählt, da sie um die Heftigkeit des Vaters gegenüber einer Unüberlegtheit oder Ungezogenheit von mir wusste und mir nachträgliche Hiebe ersparen wollte.

Einer ordentlichen Kopfwäsche (Standpauke) entging ich, als ich beim Heimfahren von der Hauptschule mit dem Rad von meinem Freund Ewald überredet wurde, mit ihm einige Zigaretten (Austria 3) zu rauchen. Obwohl ich um das Gebot von zu Hause, ja nicht zu rauchen, nur zu gut wusste, gab ich nach längerem Zureden des Freundes doch zögernd nach, denn ich wollte das Rauchen ja auch einmal ausprobieren.

Am restlichen Heimweg machte ich mir verzweifelt Gedanken, wie ich den Zigarettengestank nun loswerden sollte, damit es meinen Eltern nicht auffallen würde. Nun, ich hatte Glück, es war niemand zu Hause. So wusch ich mir mehrmals gründlich mit Seife die Hände, putzte mir schäumend zweimal die Zähne und spülte mir mit Zahnpaste und Wasser abschließend noch den Mund aus. Ich dachte mir, das würde reichen und trotzdem hatte ich das Gefühl, den grauslichen Geruch nicht losgeworden zu sein.

Ich wollte gerade in den Hof gehen, als die Mutter ins Vorhaus kam, und … ich war schon ertappt, denn sie fragte mich: „War jemand da?“ Wie sie meinen schuldbewussten Blick sah, als ich es verneinte, meinte sie mit ernstem Blick: „Oder hast vielleicht du geraucht?“ Wahrscheinlich errötete ich bis in die Haarwurzeln, als ich meinen Kopf reumütig zu Boden senkte. Dann sagte sie mit mahnender Stimme: „Sei froh, dass du dem Vater noch nicht in die Hände geraten bist.“ Sie warf mir noch einen vielsagenden Blick zu, nahm meine Schulkleidung von den Garderobehaken und hängte sie zum Auslüften in den Hof. Ja, das hatte ich nicht bedacht, dass in einem Haus, in dem niemand raucht, eine verqualmte Kleidung sofort auffällt.

Und dass ich hier nicht darauf vergesse: Für meine läppischeren „Delikte“ gab es dann noch ein besonderes Bußverfahren – das Holzscheitknien nach gewissen Zeiteinheiten, je nach Größe meiner Straftat.

Als ich meinen Vater einmal darauf ansprach, warum ich gar so streng erzogen würde und bei jeder Kleinigkeit, die mir passierte, gleich eine Strafe oder Schimpfkanonade folge, meinte er: „Weißt Bub, ich muss mit dir strenger sein, weil du ein Einzelkind bist, denn man sagte früher immer, ein Einzelkind taugt nicht in die Welt, weil das ein verzogener Fratz würde.“

Heute muss ich sagen, ich bin sicher zu hart und autoritär erzogen worden, ich weiß aber auch, dass dies aus der Angst meines Vaters um mein Bestehen im späteren Leben geschah. Es hat mir nicht geschadet durch diese harte Schule gegangen zu sein, ich habe mein Leben gemeistert, so wie sich’s Vater gewünscht hätte.

Informationen zum Artikel:

"Ein einziges Mal habe ich wirklich etwas angestellt ..."

Verfasst von Karl Schmutz

Auf MSG publiziert im April 2012

In: Schreibaufrufe, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Waldviertel, Roßbruck
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

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