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Emud, Beitrag 1 von 1

Der EMUD

von Johann Vossen

Es war im Jahr 1939 oder 1940, als es bei uns daheim eine überwältigende Neuerung gab: Ein Radio kam ins Haus. Seit Jahren bereits gehörte beim „linientreuen“ deutschen Volksgenossen ein Radio zum „guten Ton“, brachte ihm doch das Gerät die Stimme seiner großkopfeten Führung ins traute Heim und ließ ihn „live“ am aktuellen politischen Geschehen teilhaben. Eigens zu diesem Zweck hatte doch auch der Reichspropagandaminister im Jahr 1938 den billigen „Deutschen Kleinempfänger“ DKE 38 auf den Markt gebracht, ein Radio für 35 Reichsmark, das konnte und sollte sich jeder Haushalt leisten. Der mit 76 RM mehr als doppelt so teure „Volksempfänger“, etwa der VE 301 W, war damit ziemlich kaltgestellt. Der handliche DKE 38 fand tatsächlich millionenfache Verbreitung und wurde sehr bald zu Ehren seines Herausgebers „Goebbelsschnauze“ genannt.

Mein Vater war zwar nicht der treueste Volksgenosse, weil er nicht der „Partei“ angehörte, aufs Radio wurde aber auch bei uns nicht verzichtet. Schließlich wollte man ja auch „die Stimme seines Herrn“ zu Ohr bekommen – und heimlich auch andere Stimmen, deren Abhören verboten war und streng bestraft wurde. Da wurden wir Kinder gelegentlich zu bestimmter Abendstunde ins Bett geschickt, während sich die Erwachsenen hinter verschlossener Stubentür versammelten, wo offensichtlich Geheimnisvolles vor sich ging. Dem trachteten wir selbstredend auf die Spur zu kommen. Beim heimlichen Lauschen drang dann ein seltsames Glockengeläut (Big Ben) und „Hier spricht London“ durch die Tür, danach wurde das Radio so leise gedreht, dass wir nichts mehr verstehen konnten. Mit der Zeit erfuhren wir trotz aller Geheimhaltung, dass da der „Feindsender London“ abgehört würde und daß wir mit absolut niemandem darüber sprechen dürften, weil wir sonst alle eingesperrt oder sogar erschossen würden. Diese „Aussicht“ verschloss uns nachhaltig den Mund, wir grübelten aber darüber nach, wieso unsere Eltern trotz dieser schrecklichen „Lebensgefahr“ den Sender hörten.     

Wenn dagegen die Rede des „Führers“ übertragen wurde oder der Reichsfeldmarschall sprach, war das Mithören geradezu die Pflicht des getreuen Volksgenossen. Schließlich musste und wollte man ja am nächsten Tag bei den üblichen Diskussionen „mitreden“ können. Das war damals nicht anders als heute. Sogar wir Schulkinder taten gut daran, uns das Wichtigste aus der Rede zu merken: Wenn der Lehrer fragte, sollte man tunlichst antworten können. Viel begriffen wir „Pänz“ (Kinder) allerdings nicht vom politischen Geschehen. Das Begreifen kam erst, als die Männer aus unserem kleinen Dörfchen „eingezogen“ wurden  –  und viele von ihnen nicht mehr heimkamen, zum Beispiel die drei Brüder Anton, Heinrich und Johann Klinkhammer. Unser Dorf zählte damals rund 100 Einwohner, der Krieg forderte neun Gefallene und zwei Vermisste. Im ersten Weltkrieg fielen sechs Männer aus unserem Ort.

Abbildung eines Radios
Damals ein Schmuckstück für unsere Stube: Der EMUD Rekord 31 W; © Deutsches Rundfunk-Museum e.V.

Vater pflegte einen gewissen Hang zum Besonderen, auch wenn das gelegentlich ungewöhnliche Ausgaben bedeutete. So besaß er als Einziger im Dorf ein Fahrrad mit Dreigang-Rahmenschaltung, ein Kleinkalibergewehr und eine moderne Kamera mit ausziehbarem Objektiv. Unser neues Radio musste also auch etwas vom Durchschnittsmodell Abweichendes sein, und da entsprach der EMUD Record 31 W weitgehend Vaters Vorstellungen. EMUD bedeutet „Ernst Mästling Ulm Donau“ und bezieht sich auf den Gerätehersteller. Die Firma gibt es nicht mehr, die Namensnennung kann somit nicht als Werbung ausgelegt werden. Das Gerät, im Jahr 1938 hergestellt, war zwar nicht viel mehr als ein in Tonwiedergabe und Empfindlichkeit verbesserter Volksempfänger, es besaß aber ein schönes poliertes Holzgehäuse und eine große Senderskala mit gut lesbaren Stationsnamen. An dieser Stelle gilt mein besonderer Dank dem Deutschen Rundfunk-Museum e.V. Berlin für die freundliche Genehmigung zur Wiedergabe der Fotos 1 und 2.

Den größten Teil der Skala nahmen die Mittelwellensender ein, im oberen Teil waren etliche Langwellensender aufgeführt, die aber so gut wie nie gehört wurden, weil sie von Störgeräuschen überlagert waren. Den Deutschlandfunk ausgenommen, waren es Auslandssender, ich erinnere mich an Namen wie Beromünster, Lahti, Kaunas, Kalundborg oder Allouis. Die Namen besagten uns damals gar nichts, die Sprache konnten wir nicht verstehen, und der Deutschlandfunk brachte oft für unseren „Bedarf“ langweilige Sendungen, war also auch uninteressant. Ein Nachteil des EMUD, der unterdessen damals allen Radiogeräten anhaftete, war die lange Anheizzeit der Röhren. Es dauerte schätzungsweise eine halbe Minute, bis ein Röhrengerät „warm“ war und Töne von sich gab. Als später in den Wirtschaftswunderjahren die ersten Transistorgeräte aufkamen, staunten wir nicht schlecht über deren blitzschnelle Betriebsbereitschaft.

„Feindsender“ London

Ich meine mich entsinnen zu können, daß unser Radio um die 90 Mark gekostet hat, sicher bin ich mir da allerdings nicht. Der EMUD war ein so genannter „Einkreiser“, ein Geradeausempfänger für Mittel- und Langwellen mit drei Röhren der A-Serie, die Gleichrichterröhre AZ1 besitze ich noch, weiß allerdings nicht, ob sie noch funktionsfähig ist. Wegen der verbesserten Empfindlichkeit und Trennschärfe, war naturgemäß auch der Feindsender besser zu empfangen. Das war selbstredend der Obrigkeit bekannt, und als eines Tages unser Lehrer Josef Gottschalk auftragsgemäß „Bestandsaufnahme“ machte und die Radiogeräte im Dorf registrierte, meinte er bei uns bedeutungsvoll: „Aha, ein Emud.“ Ganz allgemein war der Rundfunkempfang damals während der Abend- und Nachtstunden effektiver als tagsüber. Gar nicht so selten waren daher nächtlicherweile „Kundschafter“ unterwegs, die an den verdunkelten Fenstern nach verbotenen Radioklängen forschten. Neben dem Sender London gab es noch „Radio Moskau“ und den „Soldatensender Calais“, beide waren aber bei uns schlecht zu empfangen. Feindsender hören wurde schlimmstenfalls mit dem Tod bestraft.

Abbildung des Inneren eines alten Radios
Innenansicht des EMUD, die Gleichrichterröhre (rechts) ist noch vorhanden; © Deutsches Rundfunk-Museum e.V.

Durch Radio London erfuhren gelegentlich die Angehörigen in Deutschland Einzelheiten über das Schicksal ihrer Soldaten. Aus Blankenheimerdorf ist bekannt, dass es dort einen Kriegsinvaliden gab, der regelmäßig nachts die deutschsprachigen Sendungen von Radio London abhörte und aus dieser verbotenen Tätigkeit heraus der Dörfer Familie Schrage mitteilen konnte, daß deren Sohn Willi mit seinem Flugzeug über England abgeschossen wurde und in englische Gefangenschaft geraten war. Die Bekanntgabe derartiger Einzelschicksale unter Angabe von Namen und Heimatanschrift, war ein wesentlicher Grund für das verbotene Abhören und machte Radio London geradezu sympathisch. Die offizielle Mitteilung der Wehrmacht nämlich kam, wenn überhaupt, erst lange Wochen nach dem Ereignis bei den Angehörigen an.  

Diese Geschichte hat mir seinerzeit „Manns Annche“ erzählt, Anna Uedelhoven aus Blankenheimerdorf. Die im August 2007 leider verstorbene Seniorin erinnerte sich auch an ein Funkfahrzeug der Wehrmacht, das in der Scheune ihres Elternhauses stand und dessen Fahrer verzweifelt versuchte, über den Feindsender Nachricht aus seiner Heimatstadt zu erfahren. Manns Annche überraschte ihn beim Abhören, ein Verrat hätte mit Sicherheit seinen Tod bedeutet. Annche hielt aber dicht.

Frau Uedelhoven erzählte mir auch eine eher lustige Geschichte, die aber leicht hätte ins Auge gehen können. An „Schmette“, dem Elternhaus von Annchens Freundin Franziska, wurde regelmäßig Sender London abgehört, selbst die Oma war mit von der Partie. In der Nacht zum 11. Mai 1941 meldete der Sender, dass Rudolf Hess mit dem Flugzeug in Schottland gelandet und im Tower of London inhaftiert worden sei. Dieses Ereignis war dem deutschen Volksgenossen zu diesem Zeitpunkt naturgemäß noch nicht bekannt. Am nächsten Morgen kam irgendwie im Haus die Rede auf den Stellvertreter des „Führers“ und Schmette Oma meldete eifrig: „Der ist ja jetzt in England.“ Das hätte böse enden können: Woher hatte Oma die Information! Glücklicherweise war kein unberufenes Ohr in der Nähe.

Die Wunderkiste

Ich weiß nicht mehr, wie unser Radiohändler hieß und woher er kam. Eines Tages war er aber da und stellte das neue Gerät auf. Zunächst wurde versuchsweise mit einer Rahmenantenne experimentiert. Die brachte aber so gut wie keinen Empfang, eine Hochantenne musste her. Am hintersten Pfahl der Wäscheleine, 30 Meter vom Haus entfernt, wurde auf dem „Peisch“ (Wiese vor dem Haus) eine etwa acht Meter hohe Fichtenstange in die Erde gesetzt. Sie trug den an Isolatoren aufgehängten blanken Antennendraht aus gedrillten Aluminiumfäden, der sich bis zum Dachfirst spannte. Die Ableitung führte am Hausgiebel abwärts durch ein Loch im Fensterrahmen in die Stube. Als der Elektriker die Durchführung in den Holzrahmen bohrte, hasste ich ihn: Der macht unser Fenster kaputt!

Lange Zeit war mir ein geheimnisvoller Hebelschalter mit schwarzem Knopf und blankem Schaltstück ein unergründliches Rätsel. Der Kippschalter war außen am Fensterrahmen angeschraubt, beim Radioempfang musste der Hebel nach oben zeigen. Der Elektriker wies uns an, beim Gewitter den Hebel in die untere Stellung zu legen. Dadurch wurde aber der Empfang unterbrochen, deshalb ließen wir das Umschalten sehr bald bleiben. Der Schalter war nichts weiter als ein Blitzschutz, der die Antenne vom Radio trennte und mit der Erdungsleitung verband. Das Radio selber brauchte, neben der Antenne, auch eine „Erde“ für den Empfang der Erdwellen. Hierfür wurde ein massiver Eisenstab unter der Dachtraufe möglichst tief in die Erde getrieben und durch einen blanken Draht mit dem Radio verbunden. Die Erde war oft wirksamer als die Antenne selber.

Die Stromversorgung unseres EMUD war eine abenteuerliche Angelegenheit. Der elektrische Strom war erst Anfang der 1920er Jahre bis in unsere Abgeschiedenheit vorgedrungen. In unserem Haus gab es keine einzige Steckdose, wir behalfen uns mit dem damals üblichen Schraubeinsatz aus weißem Porzellan, der in die Lampenfassung über dem Tisch passte und zwei Steckbuchsen enthielt. Die Gerätestecker waren zweipolig, einen Schutzleiter gab es nicht, das Ganze war für heutige Begriffe eine unmögliche Angelegenheit, zumal auch der Null-Leiter am Zählerkasten über eine eigene Schmelzsicherung geführt wurde. Die Schraubsteckdose war eigentlich für das altertümliche elektrische Bügeleisen gedacht. Das verbrauchte aber enorm viel „Liëch“ (Licht = allgemein üblicher Ausdruck für den elektrischen Strom) und wurde nur ganz selten in Betrieb genommen. Mutter und „Jött“ (Tante) arbeiteten lieber mit dem uralten „Kohleneisen,“ dessen kiloschwerer Eisenbolzen im Herdfeuer bis zur Rotglut erhitzt und mit der „Kluëch“ (meterlange Feuerzange zum Beschicken des Backofens) in den hohlen „Bauch“ des Bügeleisens befördert wurde.

Andächtiges Staunen herrschte, als aus dem Lautsprecher zunächst Pfeifen und Rauschen, dann aber die ersten Musiktöne kamen. Der Reichssender Berlin des Großdeutschen Rundfunks übertrug gerade irgendeine Veranstaltung mit viel Marschmusik. Wir waren begeistert und wurden vom Techniker eingehend in der Bedienung des Gerätes unterwiesen. Allerdings war das ausschließlich Sache der Erwachsenen, wir Kinder hatten die Finger vom EMUD zu lassen. Der stand zunächst am unteren Ende auf dem langen Stubentisch, wegen der Stromversorgung. Um Radio hören zu können, mussten wir die Deckenlampe einschalten. Dabei wurde tagsüber die 40-Watt-Birne losgeschraubt, damit nicht unnötig Strom verbraucht   wurde. Unsere sparsame Jött meckerte ohnehin, weil das Radio „onnüëdich et Liëch verbrennt“ (unnötig das Licht verbrennt).

Der EMUD auf dem Stubentisch war naturgemäß kein Dauerzustand, sehr bald bastelte Vater eine Radiokonsole, die an der Wand befestigt wurde und einen würdigen Platz für unsere neueste Errungenschaft bot. Von der Abzweigdose neben der Stubentür aus verlegte später der Elektriker eine Aufputz-Kuhloleitung und montierte neben dem Radiobrett eine schwarze runde Steckdose an die Wand, die umständliche „Lampenversorgung“ war damit hinfällig. Die Nagelschellen für die Befestigung der Leitung fanden im Lehmputz der Wände keinen Halt und die Dübel für die Steckdose mussten eingegipst werden, ich weiß noch, dass der Elektriker bei der Montage mächtig geflucht hat.

Irgendwann einmal war Vater krank und musste ein paar Tage das Bett hüten. Weil es keine Steckdose gab, stellten wir den EMUD auf den Waschtisch, über dem die Lampe hing. Eine Verbindung zur Antenne wurde hergestellt, das Radio eingeschaltet und ein Sender auf die angenehmste Lautstärke eingestellt. Der Lampenschalter befand sich neben dem Bett an der Wand, mit ihm konnte Vater nun das Radio ein- und ausschalten, ohne aus dem Bett zu müssen. Allerdings konnte er keine Einstellungen am Gerät vornehmen. Immerhin hatte er aber auf diese Weise ein wenig „Unterhaltung“ im Krankenzimmer. Die Lampenbirne wurde selbstredend tagsüber losgeschraubt, abends wurde das Radio ausgeschaltet, um bei einem gelegentlichen Aus-dem-Bett-Müssen  eine begleitende „Nachtmusik“ zu vermeiden.

Experimente 

Der EMUD war selbstredend unser Heiligtum, wurde gehegt und gepflegt und wie ein rohes Ei behandelt. Als ab 1941/42 „Ohm Mattes“ und Vater „eingezogen“ waren, durften sogar wir Kinder ab und zu eigenmächtig Radio hören, weil unsere Mutter sich um die kleine Landwirtschaft kümmern musste. Den Onkel, der geradezu wasserscheu war, hatten sie nach Norwegen in die Kriegsmarine gesteckt, Schwimmen hat er aber nie gelernt. Vater war in seinem Schreinerberuf nach Courcelles in Belgien beim Flugzeugbau dienstverpflichtet, besonders in den Jagdflugzeugen wurden damals noch viele Holzteile verwendet. In den letzten Kriegsmonaten wurde seine Einheit noch nach dem deutschen Osten verlegt, Vater er- und überlebte die Todesnacht von Dresden am 13./14. Februar 1945 und ging schließlich in Bitterfeld (Sachsen-Anhalt) den Russen „stiften“, nachdem sie die Stadt besetzt hatten. Er hatte als getarnter Hilfsarbeiter in einer Gärtnerei Unterschlupf gefunden und kam nicht in Gefangenschaft.

Unser Radio überstand den Krieg unversehrt, wie auch wir selber. Unsere beiden Männer kamen heil zurück und unser kleines Dorf war weitgehend von den Bomben verschont geblieben. Als wir im März 1945 unser Haus für die amerikanischen Besetzer räumen mussten, nahmen wir den EMUD mit in unser „Ausweichquartier,“ die Holzbaracke am Fuß der Hardt (siehe den Aufsatz „Eine Schreckensnacht“). Dort gab es zwar keinen elektrischen Strom, Radio hätten wir unterdessen ohnehin nicht hören können, denn längst hatten wir kein Liëch mehr und mussten uns mit der Petroleumlampe behelfen. Dass es immer noch den einen oder anderen Liter „Stejnollich“ (Steinöl = Petroleum) zu ergattern gab, grenzt schon fast an ein Wunder. Die Amis brachten ihre eigene Stromversorgung in Gestalt starker Benzinaggregate mit. Stundenlang ballerten sie aus allen verfügbaren Rohren auf die braunen und weißen Isolatoren unserer Strommasten, und wenn tatsächlich mal eins der „Pöttcher“ in Stücke ging oder sogar ein Stromseil zerriss, vollführten sie Freudentänze. Besonders gute Schützen waren sie allesamt nicht, die Straße bei unserem Haus war mit Patronenhülsen übersät.

Abbildung einer Rundfunkgenehmigung von 1931
Nach dem Umzug musste unser EMUD neu angemeldet werden. Das Genehmigungs-Formular stammt noch aus der Reichspostzeit; © Archiv Vossen

Im Herbst 1949 zogen wir nach Blankenheimerdorf um, mit uns selbstverständlich der EMUD. Im neuen Wohnort entdeckten wir zufällig eine Besonderheit an unserem Radio: Wenn man die „Rückkopplung“ übersteuerte, entstand ein deutliches Pfeifen im Lautsprecher. Dieser Ton wurde von der Antenne abgestrahlt, das Gerät verwandelte sich in einen kleinen Sender. Bei den damals üblichen Geradeausempfängern war dieser Umstand allgemein unvermeidbar. Wenn zufällig in der Nachbarschaft mit einem ähnlichen Gerät der gleiche Sender gehört wurde, empfing man dort den Pfeifton und konnte auf die gleiche Weise „antworten“. Ich kenne die Reichweite eines derartigen „Senders“ nicht, es waren wohl nur wenige Meter, man hätte aber, etwa unter Verwendung des Morsealphabets, auf diese Art ganze „Funkgespräche“ führen können. Bei uns kannte unterdessen damals kein Mensch die Morsezeichen, wir kannten nicht einmal SOS.

Text: Vorschriften für Rundfunkteilnehmer von 1930
Der erste Monatsbeitrag musste bei der Anmeldung bezahlt werden, generell kassierte der Postbote die monatlichen Rundfunkgebühren; © Archiv Vossen

Im Jahr 1955 drohte bei uns wegen des EMUD der häusliche Frieden aus den Fugen zu geraten. Ich hatte mir einen nagelneuen Plattenspieler zugelegt, ein meinem mageren Gehalt angemessenes Gerät, das lediglich aus Laufwerk und Tonabnehmer bestand und an ein Radio oder einen ähnlichen Verstärker angeschlossen werden musste. Es funktioniert übrigens heute noch und hat einen markanten Vorteil: Selbst die uralten Schellackplatten mit 78 Umdrehungen pro Minute lassen sich damit abspielen, und davon besitze ich noch eine ganze Menge. Der EMUD hatte zwar einen Eingang für Niederfrequenz, mein Plattenspieler war aber nicht an den Röhrenverstärker angepasst. Das Ergebnis war ein „krachender“ Lautsprecher, dessen Brüllen mich beinahe vom Stuhl hob. Ein Wunder, dass die Membran das ausgehalten hat und auch sonst kein Bauteil zu Bruch ging. Das hätte enormes Unheil nach sich gezogen, Vater nämlich zeigte sich mehr als ungehalten ob des „untauglichen Plattenspielers“ und legte dringend dessen unverzügliche Rückgabe beim Händler nahe. Wenn jetzt auch noch das Radio Schaden erlitten hätte, nicht auszudenken.

Den Grund für das Lautsprechergebrüll, das sich übrigens mit dem Lautstärkeregler absolut nicht dämpfen ließ, kenne ich nicht, denn abgesehen von ein paar Grundbegriffen verstehe ich nicht viel von Radios. Damals suchte ich verzweifelt nach einer Lösung, um den Hausfrieden zu retten und den Plattenspieler trotzdem nicht zurückgeben zu müssen. Nach zwei Tagen gelang mir ein Volltreffer, wobei ich nicht weiß, was mich auf die Idee gebracht hatte: Durch eine, parallel zum NF-Eingang geschaltete 75 Watt-Glühbirne, erreichte ich eine annehmbare Zimmerlautstärke. Ich sprang vor Freude fast an die Stubendecke und präsentierte meinem skeptisch blickenden Vater triumphierend meine Errungenschaft. Die Situation veränderte sich im Handumdrehen zu meinen Gunsten. Leider ließ sich auch hier die Lautstärke nicht verändern, doch war das nicht von Bedeutung, Hauptsache war, dass die „Kiste“ funktionierte. Ein Versuch mit einer 100 Watt-Birne ließ den Lautsprecher wieder unangenehm dröhnen, eine „Fünfundzwanziger“ machte die Musik fast unhörbar, die „Fünfundsiebziger“ war genau richtig. Ein regelbarer Widerstand hätte vermutlich Abhilfe gebracht, solch ein nützliches Bauteil besaß ich aber nicht. Irgendwann während meiner Bastelei erhielt ich „einen gewischt“ und stellte auf diese Weise fest, daß die Feldspule des Lautsprechers als Siebdrossel im Netzteil arbeitete und die volle Spannung führte.

Donner und Blitz

Im Jahr 1952 entging der EMUD um Haaresbreite der Totalvernichtung durch Blitzschlag, und dabei stellte ich fest, dass der - seinerzeit daheim für unnötig erachtete - Erdungsschalter in der Antennenzuleitung gar nicht so unnütz war. An unserem Haus in Blankenheimerdorf gab es einen solchen Schalter nicht und das wurde uns beinahe zum Verhängnis. Die Hochantenne war nicht mehr vorhanden, wohl aber die Ableitung, deren isolierter Draht vom Wohnzimmer aus durch ein Loch im Holzrahmen bis knapp über das Giebelfenster führte. Das blanke Endstück des Drahtes ragte dort wenige Zentimeter aus der Wand hervor. Der Zuleitungsdraht genügte unserem EMUD vollauf für den Radioempfang; die vom Dach über die Straße gespannte alte Hochantenne hatten wir längst abgebaut, unser Ortsteil „Kippelberg“ lag in einem besonders günstigen Empfangsbereich.

Vater hatte es sich zum gewohnten Mittagsschläfchen auf der Couch bequem gemacht. Weil sich draußen ein Gewitter zusammenbraute, hatte er zur Vorsicht den Antennenstecker vom Radio abgezogen. Ein gewaltiger Donnerschlag weckte ihn aus dem ersten Schlummer, die Stube war voll von beißendem und stinkendem Rauch, aus dem sich totenbleich der so unsanft Geweckte hervortastete: Vater nahm naturgemäß an, dass unser Haus in Flammen stände. Das war glücklicherweise nicht der Fall. Ein Blitz hatte sich ausgerechnet die winzige Metallspitze an der Giebelwand zum Ziel gewählt, war in den Draht gefahren und hatte die gesamte Isolierung bis zum Stecker abgeschmort. Der „Bananenstecker“ baumelte halbmeterlang am Draht, dort wo er die Wand berührte, war die Tapete versengt. Möglicherweise war hier der Blitz in die Wand gefahren, denn hier verlief unter dem Putz das eiserne Wasserleitungsrohr. Der EMUD war, dank Vaters Umsicht, vollständig unversehrt geblieben.

Mutter mit drei Kindern in einer Stube versammelt, im Winkel ein Radiogerät
Dezember 1942: Mit unserer Mutter am Stubentisch, im Hintergrund unser EMUD; © Archiv Vossen

Es muss ein Miniblitz gewesen sein, ein „Fünkchen“, denn sonst wäre die Sache nicht so glimpflich verlaufen. Das winzige Drahtstück an der Außenwand hatte wie ein Blitzableiter funktioniert. Der EMUD hat noch etliche Jahre seinen Zweck erfüllt, erst 1961 gab er seinen „Funkgeist“ endgültig auf, nachdem der dicke Kondensator im Glättungsfilter durchgeschlagen und Ersatz nicht mehr so leicht zu beschaffen war. Das gute Stück wurde dann durch ein modernes Gerät mit 4 R Rundstrahl Raumklang, drei Lautsprechern sowie eingebautem Dipol und Ferritantenne ersetzt. Jetzt brauchten wir keine Hochantenne mehr und auch keine Ableitung, in die der Blitz fahren konnte.

Informationen zum Artikel:

Der EMUD

Verfasst von Johann Vossen

Auf MSG publiziert im Juni 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Deutschland, Nordrhein-Westfalen, Eifel, Blankenheimerdorf, Nonnenbach
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre, 1960er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist auszugsweise dem Eifelgeschichtenbuch „So war's bei uns“ (Johann Vossen, 1996) entnommen, Abschnitt „Der EMUD-Rekord“, Seiten 18 bis 21.

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