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Hutschen, Beitrag 1 von 1
Vaters Fotografien
von Peter Paul Wiplinger

- Max und Rosa Wiplinger (1977)
Ich habe sie gerettet: Vaters Fotografien; samt den dazugehörenden, jetzt fast hundert Jahre alten, leicht zerbrechlichen und vom Schimmel befallenen Glasplatten sowie den 6 x 9 cm großen Negativen aus der späteren Zeit. Sie alle sind in einer Schachtel und stehen in einem Schrank in meiner Arbeitswohnung. Ich habe sie gerettet vor dem Wegwerfen, vor der Vernichtung, als das Elternhaus mit dem Geschäft darin nach dem Tod meiner Eltern an eine Supermarktkette verkauft und dann abgerissen wurde. Ich habe sie gerettet, die wunderschönen großformatigen Bilder in Brauntönen und die kleineren, die der Vater dann mit einer Agfa-Box gemacht hat; und auch die Gebetbücher und die Briefe meiner Eltern, auch noch solche aus der Zeit vor ihrer Hochzeit, die von einer großen Liebe zueinander zeugen. Es sind kostbare Familien- und auch Zeitdokumente; aus einer Zeit, an die sich fast niemand mehr erinnern kann.
Zum achtzigsten Geburtstag meines Vaters habe ich ihm eine Fotoausstellung mit den vergrößerten, von ihm selbst gemachten Fotografien geschenkt. Alle Fotos waren auf schwarzem Fotokarton aufgeklebt und in silberne Metallrahmen eingelegt. Als Vater sein Mittagsschläfchen hielt, habe ich alle diese Bilder in unserem Hause aufgehängt, um ihn damit zu überraschen. Das Hämmern hörte er nicht, denn er hatte bei einem solchen Mittagsschläfchen immer das Radio angestellt. Eine unserer Katzen lag zu seinen Füßen und schnurrte. Und Mutter saß am Fußende des Sofas und strickte oder stopfte ständig irgend etwas; dies mit Brillen ihrer Mutter oder Großmutter oder der Grieskirchner Tante, eigene hatte sie nie, dafür wollte sie kein Geld ausgeben. Dafür war auch keines übrig, denn wir waren zehn Kinder, die was kosteten, wie Mutter öfters sagte. „Kinder kosten Geld“, sagte auch mein Vater; „aber das ist halt so. Und sie machen einem ja auch Freude, manchmal Sorgen, das ist auch so“, fügte er noch hinzu. Das alles war eine Selbstverständlichkeit: Das Kinder-Haben, das Kinder-Aufziehen; vom Kinder-Machen redete aber niemand. Das war halt so.

In einem der frühen Fotoalben ist auch ein Gruppenbild von der Familie Wasner mit meiner Mutter, Großmutter und Urgroßmutter, die meinen ältesten Bruder, den Maxl, als kleines Buberl auf dem Arm hält. Daneben steht mein Vater. An der anderen Ecke sitzt mein Großvater, aber nicht mein echter, mein leiblicher, sondern der angeheiratete, welcher der Wasner-Familie und dem kleinen Wirtshaus am Dorfrand seinen Namen gegeben hat. Denn meine Mutter war, so wie ihre um zehn Jahre jüngere Schwester, ja ein lediges Kind, ein „Bankert“. Der angeheiratete Großvater hatte eben durch seine Heirat die Ehre der Frau und die ihrer ledigen Kinder gerettet. Er hatte dann in der Ehe auch noch zwei Kinder mit meiner Großmutter, das Mitzerl und den Stefan, der ein ganz lieber Bub war.
Man sieht den Abgebildeten ihren ärmlichen Stand an. Nur mein Vater trägt einen Anzug mit Hemd und Krawatte. Und die Mutter ein wahrscheinlich selbst genähtes fesches Kleid mit Ausschlagkragen. Das Mitzerl schaut in die Kamera, als wüßte es nicht, was jetzt geschieht. Das Foto ist sicher mit dem ersten Fotoapparat gemacht, der noch Glasplatten hatte, die man vor jeder neuen Aufnahme umständlich wechseln mußte. Dieser Apparat faszinierte mich schon als Kind, weil er einen auf glänzenden Metallschienen herausziehbaren schwarzen Balg hatte, womit man das Bild auf einem drehbaren Prismensucher aus Glas scharfstellen konnte. Insgesamt zwar eine altmodische, aber viel bessere Kamera als dann die Agfa-Box. Man konnte sowieso nur Blende 8, 11, oder 16 einstellen. Letzten Endes beruhte dann doch wieder alles auf Erfahrung und Können des Fotografen.

Ein Lieblingsbild von mir: Es zeigt meine vier ältesten Geschwister, nun ist auch schon die Annemarie mit dabei, wie kurz vor dem Schlafengehen, in ihren Nachtgewändern, die Buben haben Pyjamas, die Mädchen Nachthemden an. Sie stehen auf einem flauschigen Teppich. Max hat etwas Rundes in beiden Händen, es könnte eine große Christbaumkugel sein, Sepp hält ein kleines Metalltablett mit einer großen weißen Kerze darauf, die kleine Rosmarie steht mit einem großen Teddybären, den sie an den Ohren hält, zwischen den beiden Buben. Das Annamierl, ein dickes Wuzerl, steht im Gitterbett, vor dem die anderen drei Kinder stehen, und schaut neugierig und gar nicht verschreckt heraus. Das Gitterbett ist weiß. Alle Kinder sind sehr sorgfältig, ja fast luxuriös gekleidet, sogar im Nachtgewand. So wie es einer großbürgerlichen Geschäftsfamilie entspricht.
Alles auf dem Bild ist sorgfältig, liebevoll und auch gekonnt arrangiert zu einem komponierten Gesamtbild gestaltet. Abschnitt, Schärfe, Belichtung – alles stimmt. Der Vater muß es mit Blitz gemacht haben. Und er hat das sicher den Kindern vorher gesagt, daß bald ein Blitz von der Kamera kommen würde, damit man ein schönes Bild bekommt. „Schaut her alle zu mir, gleich kommt das Vögelchen“, hat er zu uns, auch zu mir, als ich noch klein war, immer gesagt. Gern hat er fotografiert; zu bestimmten Anlässen, aber später auch einfach so. Und da war auch er dann gelöst und froh, was er sonst nicht immer war; vor allem nicht mehr in den späteren Jahren, nachdem der Pepperl, der Sepp, der auf dem Bild die Kerze hält, und aus dem ein fescher junger Mann geworden war, in den Bergen tödlich verunglückt war. Der erste Todesfall in der Familie. Aber auf diesem Bild sind alle glücklich, sicher auch der fotografierende Vater, und die Mutter, die bestimmt dabei war, als das Foto gemacht wurde. Man sieht und spürt das direkt, das Bild vermittelt das. Auf der Rückseite steht in Vaters Schrift als Angabe: „Weihnacht 1929“.

Auf den nächsten Seiten folgen andere Bilder, auf denen sowohl die Kinder selbst als auch deren Anzahl schon größer waren. Manchmal sind auch die Köpfe der einzelnen Kinder ausgeschnitten und als kleine Bildchen auf die schwarzen Seiten des Fotoalbums geklebt. Man merkt auch da, wie liebevoll der Vater mit diesen Bildchen umgegangen ist. Und das ist auch ein Zeichen dafür, daß er seine Kinder – nicht alle gleich, obwohl er das stets betont hatte – sehr geliebt hat.
Natürlich standen meinen Eltern manche meiner Geschwister näher als andere, das war einfach so; vor allem, wenn sie den Eltern auch in ihren Anschauungen, in ihrer Wesensart, ihrem Charakter und ihrer Lebensführung nahe standen. Ich gehörte nicht dazu.
Ich war das Sorgenkind und „das schwarze Schaf“. Manchmal hatte ich den Eindruck, daß sie mich nicht (mehr) mochten, vor allem, als ich erwachsen wurde, mich gegen ihre Anschauungen wandte, Kontroversen mit ihnen hatte, Kritik übte, mich ihrem Willen widersetzte, kurzum: ein eigenes Leben führte, mit dem sie nicht einverstanden waren, vor allem der Vater nicht. „Du bringst uns noch ins Grab“, war dann sein Spruch. Dort ist er nun auch mit meiner Mutter und meinen Brüdern seit langem begraben; ist nur mehr ein Gerippe, etwas, das einmal mein Vater war. Der Mensch lebt sowieso nur in der Erinnerung von anderen weiter, solange sich diese Menschen an ihn erinnern und solange es sie gibt. Und dann wird nicht nur so wie vorher das Leben, sondern auch die Erinnerung an diese Menschen und ihr Leben ausgelöscht. Die schwarzen Fotokartonblätter sind schon so brüchig, daß sie mir unter den Händen zerfallen, auch wenn ich noch so vorsichtig umblättere und alles sorgsam behandle. Sogar die abgebrochenen Teile vom Fotokarton gebe ich wieder in das Album zurück. Dieses Album ist für mich eine Kostbarkeit und bedeutet mir viel; weil so viel Liebe darin steckt. Liebe zu den Kindern, zur Frau, zur Mutter der Kinder, zur Familie.

- Die Wiplinger-Kinder – Haslach, ca. 1937 Max, Sepp, Rosmarie, Annemarie, Gilbert, Fridolin, Mariandl und Liesl
Nach und nach, in regelmäßigen Abständen, nach der Stillzeit und neun Monaten, wird die Anzahl der Kinder immer größer und größer, so wie die Kinder eben auch. Da gibt es dann plötzlich größere Geschwister und kleinere Geschwister, und die jüngeren mußten den älteren in Stellvertretung der Eltern gehorchen, was aber eine Selbstverständlichkeit war. Respekt hatte man nicht nur seinen Eltern, sondern auch anderen Autoritäten gegenüber, so wie der Kirche, der Schule, den Älteren im Ort, und eben auch den älteren Geschwistern. „Wenn man dir was sagt, dann tu das auch gefälligst!“ wurde ich immer wieder ermahnt. Und dann wurde oft hinzugefügt: „Hör überhaupt auf alles, was man dir sagt!“ Vater meinte damit Gehorsam; etwas, das mir schwer fiel und später ganz unmöglich wurde, weil ich dem Gehorsam immer ablehnender gegenüberstand. Ich zweifelte diese Autoritäten nicht nur an, ich lehnte mich gegen sie auf: „Wer sagt denn, daß die recht haben, nur weil sie ein paar Jahre älter sind oder Lehrer oder Pfarrer“, sagte ich dann später. Und da begann mein eigener Denkprozeß, schon sehr früh. Ich wollte mir „meine eigene Welt“ aufbauen, was ich dann ja auch tat. [...]

Und da ist das von mir oft angesehene und geliebte Bild: Meine lachenden Eltern mit ihren ersten drei Kindern im Garten bei der selbstgebauten „Hutschen“ (Schaukel). Wer kennt heute noch das Wort „Hutschen“? Viele Kinder und Jugendliche kennen es nicht mehr. Denn auch die Worte verschwinden mit der Zeit, nicht nur die Menschen.

- Fronleichnamsprozession in Haslach im Mühlviertel (um 1935)
Und immer wieder gibt es die in jedem Jahr gemachten Fronleichnamsfotos. Die Kinder ganz in Weiß mit den aus blühendem Kuttelkraut (Thymian) und Gänseblümchen selbstgeflochtenen Kränzen auf den Köpfen. Ich liebte dieses Fest. Wir Kleinen gingen in der Kinderreihe am Anfang des Zuges. Alle hatten wir kleine Körbchen mit Blütenblättern, meist von roten Pfingstrosen, die wir zur Verehrung des Allerheiligsten ausstreuten. Die älteren Geschwister gingen mit den in getrennten Reihen gehenden Burschen und Mädchen hinter uns. Mein Vater ging in der Zeit, als er Bürgermeister war, immer ganz vorne, gleich nach den Priestern unter dem „Himmel“.
Die Mutter ging mit den Goldhauben-Frauen. Und die Fanni, ihrem Stande als Dienstbotin entsprechend, in der Reihe der Frauen, ziemlich am Ende der Prozession. Die Musikkapelle spielte, der Kirchenchor sang, die Leute beteten, der Pfarrer sprach laut seine Gebete und segnete die Menge an allen vier Altären, die es im Ort gab. Der ganze Ort war mit frischen Birken geschmückt. In den Fenstern standen Marienstatuten, Christusbilder, Heiligenbilder, Kruzifixe, von brennenden Kerzen und Blumen umgeben. Bei der Mariensäule am unteren Ende des Marktplatzes war der Hauptaltar aufgebaut. Dort war die Schlußfeier.
Der Herr Pfarrer verkündete singend das Evangelium, der Kirchenchor sang, der Weihrauch duftete. Alle sangen dann das Fronleichnamslied „Deinem Heiland, deinem Lehrer ...“. Dann ertönte das Kommando des Feuerwehrkommandanten, darauf das des Bürgergardemajors, der im scharfen Befehlston rief: „Habt Acht!“ „Zum Gebet!“ Die Fahnen wurden gesenkt. Die Uniformierten salutierten. Die Offiziere zogen die Säbel und stießen sie mit erhobenen Armen zum Himmel empor. Dann schossen die Bürgergardisten mit Platzpatronen in die Luft. Alle knieten nieder. Dann rief der Oberkommandierende nochmals laut das Kommando „Achtung!“ „Zum Gebet!“ „Feuer!“ Und der Priester segnete alle mit der Monstranz. Wir Ministranten läuteten beim Segen mit unseren Schellen, so laut und fest wie wir konnten. Dann erhoben sich die Niedergeknieten und sangen zum Schluß feierlich und oft voll Rührung das Te Deum, das „Großer Gott, wir loben Dich!“
All das hat sich in der gleichen Weise Jahr für Jahr wiederholt, mit Ausnahme der Nazizeit. Da ging man nur um die Kirche hinten herum. Aber ansonsten war es immer das gleiche Festtagsritual. Und mittags gab es das beste Essen: Schöberlsuppe, Schnitzel mit Erdäpfeln, Reis und Preiselbeeren, Salat, und als Nachspeise eine Torte. Wir bekamen an diesem Tag auch jeder ein Eis; entweder wurde eines vom Zuckerbäcker Kolarz geholt oder mit unserer Eismaschine selber gemacht. Und dann saßen wir nach dem Mittagsschlaf am späten Nachmittag alle zusammen auf unserer Terrasse, an deren Geländer ebenfalls kleine Birken angebunden waren. Rührung steigt in mir auf, wenn ich an diese Fronleichnamsfeste und an unsere damalige Familie denke. Am schönsten war es, als die beiden Ältesten aus Krieg und jahrelanger Gefangenschaft zurückgekehrt waren und Sepp noch gelebt hat. Eine glückliche Familie waren wir. Erst später fielen die Schatten auf unser Leben und uns.

- Max und Rosa Wiplinger mit Kindern und Enkelkindern (Juni 1972)
Die Fotoalben liegen vor mir. Ich blättere sie durch. Ich erkenne mich, meine Eltern und meine Geschwister; später dann deren Kinder. Irgendwann, ich setze diese Zeit mit dem Tod seines Sohnes, meines Bruders Sepp, fest, hat Vater aufgehört zu fotografieren; und zu lachen, fröhlich zu sein. Jetzt und später fotografierten andere, die Großen, seine Söhne und Schwiegersöhne. Jetzt sieht man ihn oft selber auf den Fotos. Diese aber erscheinen mir belanglos. Die Bilder sind nicht mehr als eben Fotos; festgehaltene Augenblicke und Personen zu dieser oder jener Zeit. Auf manchen Bildern sehe ich dann auch mich, sehe an den Bildern, wie ich langsam erwachsen geworden bin. Heute bin ich jenseits der siebzig.
Was wird mit diesen Bildern einmal geschehen? Ich muß mir das überlegen. Niemand von den vielen, vielen Nichten und Neffen, von dieser Großfamilie, auf die meine Eltern in späten Jahren so stolz waren, hat mich jemals darauf angesprochen, auf diese Fotos und Fotoalben, auf dieses Familienbuch in Bildern. Niemand scheint sich mehr dafür zu interessieren. Ihnen ist das alles sowieso fremd. Sie würden kaum noch jemandem auf den Fotos erkennen und wenn, dann würde sie das wahrscheinlich ziemlich gleichgültig lassen. Die haben „ihre eigenen Sorgen“, die leben in ihrer eigenen Welt und längst in einer anderen Zeit.
Ich räume die Fotoalben wieder an ihren Platz neben der Schachtel mit den uralten Glasplatten und den alten Negativen und neben der großen Zuckerldose, die ich noch aus unserem Geschäft habe, und in der meine Fotos aus meiner Jugend und von später liegen. Auch ich fotografierte dann gerne, mein Fotoarchiv umfaßt viele Ordner und Schuhschachteln und Diajournale, wie man sie in den Museen hatte. Manche der alten Fotos habe ich einscannen und auf eine CD-ROM brennen lassen. Aber wer braucht das schon. Und doch denke ich: Was soll ich mit all diesen Fotos einmal machen; vor allem mit Vaters Fotos. Wem oder wohin könnte ich sie geben, damit sie nicht ganz verloren gehen und ich sie nicht umsonst gerettet habe vor der Vernichtung. Ja gewiß: Alles geht einmal vorbei. Aber manches sollte doch bleiben, wenigstens in der und für die Erinnerung. Ich schließe die Tür hinter mir zu, gehe hinaus in den Regen. Es ist Sommer. Aber im Lebensherbst bin ich schon angekommen. Es ist an der Zeit, daß diese Fotos dahin kommen, wo sie weiterhin aufbewahrt werden und gesichert sind, als Lebens- und Zeitzeugnis in Bildern von dem, was es längst nicht mehr gibt.
Vaters Fotografien
Verfasst von Peter Paul Wiplinger
Auf MSG publiziert im Mai 2011
In: Lebensgeschichtliche Fotorevue, Erinnerungsbücher, Worte der Kindheit
- Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
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- Ort: Oberösterreich, Mühlviertel, Haslach
- Zeit: 1920er Jahre, 1930er Jahre, 1940er Jahre, 1970er Jahre
Anmerkungen
Der Beitrag ist ein Textausschnitt aus dem Erinnerungsbuch "Lebenswege - Geschichten aus der Erinnerung", Grünbach 2011, S. 40 ff.
© Edition Geschichte der Heimat - Verlag Franz Steinmaßl
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