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Menagekanderl, Beitrag 1 von 1

Das Fabriklerkind

von Rosa Erler

Es war auf dem Heimweg aus der Schule. Nachdem wir uns aus der Tür gedrängt hatten, als brenne es hinter uns lichterloh, hatten wir es auf der Straße nicht mehr so eilig. Es war damals nicht so, dass wir gesittet links oder rechts oder über den Zebrastreifen gehen mussten. Nein, die Straße gehörte sozusagen uns.

Also balgten wir uns zankend und einander neckend den Heimweg entlang. Weil mir ein Schulkamerad die Mütze vom Kopf riss und sie in eine Pfütze warf, stieß ich ihm gegen das Schienbein, und schon war die schönste Rauferei im Gange. Weil aber der Streithahn meinen starken Fäusten nicht gewachsen war, schrie er mir wütend ins Gesicht: „Von dir lass ich mir nichts gefallen, dein Vater ist ja nur ein Fabrikler, ein Stundenklopfer, ein Glockenarbeiter", und er versuchte mich anzuspucken.

Dieser Zornausbruch hat meine Fäuste sinken lassen. Also so war das. Ich schaute prüfend in die Runde, um wie viel die anderen besser dran waren als ich. Da standen die Buben und Mädchen vom Metzger, vom Bäcker, vom Schneider, auch von Bauern und auch die vom Taglöhner und von den Fabriklern. Wo war da der Unterschied?

Wenn ich an den Metzger dachte, stieg Ekel in mir auf, weil er so viel Vieh schlachten musste. Der Bäcker? Er musste mitten in der Nacht in die Bachstube, um für alle Leute Brot zu backen, und seine Frau musste dann im Geschäft hundertmal im Tag „Bitt schön“ und „Dank schön“ zur Kundschaft sagen.

Der Handwerker musste sich plagen, gar der Taglöhner, und wie bitter hatte es der Arbeitslose, wenn er um Almosen Schlange stehen musste? Warum schaute man auf den Fabrikler von oben herab? Warum wurden da Unterschiede gemacht? Seit jenem Vorfall beobachtete ich unsere Familie mit wachsamer Aufmerksamkeit, um herauszufinden, was an einer Fabriklerfamilie schändlich sei.

Meine allerfrüheste Kindheitserinnerung ist tatsächlich eine bittere. Vater und Mutter mussten nämlich schon um sechs Uhr früh auf ihrem Arbeitsplatz sein, und so wurde ich, schon eine halbe Stunde früher zu einer Frau in Obhut gebracht.

Diese wohnte zwar in der gleichen Straße in einem großen Haus, aber jedes Mal, wenn ich diese große dunkle Spitzbogentür sah, begann ich bitterlich zu weinen, und ich wollte absolut nicht da hinein. Das war im Vorschulalter. Eigenartigerweise erinnere ich mich nicht an den Tagesablauf, nicht einmal an die Pflegeperson, sondern nur an diese dunkle Spitzbogentür, welche mich mitleidlos von meiner Mutter trennte.

Im Schulalter war es dann so, dass ich mit den Eltern bis zum Fabriktor ging und von da dann in die Kirche zur Schulmesse. Es war allerdings noch viel zu früh. Mir war oft sehr kalt, und ich kämpfte mit dem Schlaf, ehe der Messner kam, um die Kerzen anzuzünden. So war ich in vielen heiligen Messen, während andere Kinder noch schlafen durften.

Am Schulranzen der Fabriklerkinder hing auch ein sogenanntes Menagekanderl, ein Blechgeschirr, mit welchem man mittags einen Schöpfer warme Suppe in der Fabriksküche holen durfte. (Das war nicht immer so, das war schon ein sozialer Fortschritt!)

älterer Bursche legt seinen Arm um die Schulter eines etwa 10-jähriges Mädchen, dahinter Hauswand mit Fenster
Das Fabriklerkind und sein um 10 Jahr älterer Halbbruder (um 1933)

Wenn dann die Nachmittagsschule endlich aus war und auch die Eltern aus der Fabrik heimkamen, saßen wir zufrieden und glücklich um den Tisch, und es wollte mir nicht in den Sinn, warum Fabrikler weniger angesehene Menschen sein sollten. Warum nur?

An eine Begebenheit, die sich jeden Freitag wiederholte, denke ich ganz genau zurück. Nach dem Essen legte Vater sein Lohnsackl auf den Tisch, Mutter legte das ihre dazu, dann wurde besprochen, was bezahlt werden muss, ob es reicht, ob man vielleicht sogar einen Schilling sparen kann? Und des Öfteren fügte Vater hinzu: „Gott sei Dank bin ich nicht abgebaut worden.“ Diese Rede hatte sich mir besonders eingeprägt. Es klang in diesen Worten Angst und Sorge mit.

Vater war Maschinschlosser bei den Zigarettenmaschinen, und Mutter fertigte mit sehr flinker Hand Zigarren. Es wurden von jeder Zigarrenmacherin pro Tag 400 bis 600 Stück gemacht, je nach Sorte: Havanna, Cuba, Portorico, Virginier, Großglockner, Zigarillos. Es gab vielerlei Zigarrensorten, und es brauchte wirklich große Geschicklichkeit, diese anzufertigen.

Zur Weihnachtszeit hätte ich mit keinem Kind im ganzen Städtchen getauscht, denn da gab es in der Fabrik eine Weihnachtsfeier. In einem riesigen Saal stand eine riesige Tanne mit vielen elektrischen Kerzen – eine Sensation in jener Zeit!

Jedes der Fabriklerkinder hatte eine Blechkanne mit, denn es gab pro Kind einen Liter Kakao und eine Rolle Keks dazu und – man höre und staune – Barchentstoff für ein Kleidchen oder ein Bubenhemd, rot-blau oder rot-grün kariert – für meine Augen wunderschön!

Wir sangen Weihnachtslieder, welche eine ältliche Frau mit dürftigem Haar und spitzer Nase auf einer Gitarre mehr oder minder falsch begleitete. Ich fand die Lieder im wahrsten Sinne des Wortes himmlisch, und die Frau – nun ja, sie meinte es sicher gut.

Nebenbei hörte man aus der Fabriksküche das Klappern und Scheppern der Blechkannen, welche gerade mit dem besten Kakao, den ich je getrunken habe, gefüllt wurden

Herr Direktor schritt durch die Reihen, richtete ein paar gönnerhafte Worte dahin und dorthin, fragte mich tatsächlich, wie ich heiße und wer meine Eltern sind. „Meine Mutter ist die Zigarrenmacherin Marianna Lechner und mein Vater der Maschinenschlosser Josef Lechner – meine Bubenbrust schwoll in Stolz.

„Brav, brav“, meine der Herr Direktor, „da hast du aber brave Eltern.“ – „Ja, das weiß ich“, und der Herr Direktor ging erhobenen Hauptes weiter. Ich war aber sooo stolz auf meine Eltern, die Fabrikler. Hätte ich den Schulkameraden, der mich so beleidigt hatte, zur Hand gehabt, ich hätt’ ihm noch einmal auf das Schienbein geschlagen, so stolz war ich auf meine Eltern.

Die Jahre vergingen, und das Leben lehrt jeden so manches. Unter anderem hat es mich gelehrt: Unterschiede zu sehen ist ungut. Geht es dem Fabrikler gut, geht es dem Metzger, dem Bäcker, dem Schuster, dem Schneider etc. gut, denn eine Hand wäscht die andere, und die Arbeit ist die Verbündete alles Guten.

Informationen zum Artikel:

Das Fabriklerkind

Verfasst von Rosa Erler

Auf MSG publiziert im Februar 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Tirol, Unterland, Schwaz
  • Zeit: 1930er Jahre

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