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schöne Leich, Beitrag 1 von 1

Ruhe in Frieden!

von Otti Neumeier

Es gibt viele Menschen, die es den Teufel was schert, wo ihre letzten, entfleischten Überreste vermodern oder, schöner gesagt, wo sie zur letzten Ruhe gebettet werden. Bei mir ist das durchaus nicht so, und es brauchte einige Zeit, bis ich geklärt hatte, warum ich mich so darauf freue, eines, hoffentlich noch fernen, Tages in dem mir seit Kindheitstagen bekannten Familiengrab zu ruhen.

Nachforschungen in den Niederungen meines Innenlebens ergaben, dass sich bei mir der Gedanke an Friedhöfe unweigerlich mit Heiterkeit verbindet. Nicht, dass ich einem asiatischen Glauben angehöre, dessen Mitglieder sich aufgrund ihres elenden Erdendaseins nur darauf freuen können, endlich in eine bessere Welt zu gehen. Auch meine Vorfahren faszinieren mich nicht so maßlos, dass ich unbedingt mit ihnen vereint sein will, obgleich mich die Möglichkeit, dann endlich meine Großeltern mütterlicherseits kennenzulernen, sicher sehr reizt. Nein, bei mir liegt es am Ringelspiel.

Mädchen auf Karussellpferd
Auf dem geliebten Ringelspiel im Liebhartstal

Zu der Zeit, als ich klein war, fuhr man noch nicht mit dem Auto kilometerfressend in die Lande, sondern begab sich mit der Tramway an den Stadtrand, spazierte zwei, drei Stunden durch den Wienerwald und kehrte zufrieden heim. Da wir in Ottakring wohnten, gehörte es zum Sonntagsritual, mit dem J-Wagen zur Endstation zu fahren, am Ottakringer Friedhof die Verstorbenen zu besuchen und dann in das Liebhartstal zu wandern.

Für meine Eltern mag das ja ein beschauliches Vergnügen gewesen sein, aber mir kleinem Menschen war der ständig gleiche Weg fad, und nur das mich erwartende Vergnügen versetzte meine Eltern in die Lage, mich ohne drakonische Maßnahmen zu diesem Ausflug zu bewegen. Am oberen Ende des Friedhofs stand ein kleiner Prater, bestehend aus einem Ringelspiel mit Holzpferden, die man vor- und zurückschwingen konnte, zwei Schaukeln, einer Bude, bei der man Soda- oder Himbeerwasser und weiße und rote Kracherln mit einer Kugel als Verschluss erstehen konnte, und dieser Prater war mein Ziel. Noch sehr viele Jahre danach weigerte ich mich standhaft, das Liebhartstal aufzusuchen. Dem Ringelspiel war ich entwachsen, den steilen Weg bis zur Steinhofer Mauer hatte ich satt, zu oft war ich ihn gegangen; aber unvermindert blieb meine fröhliche Einstellung zu Friedhöfen, denn auch dort gab es vieles, das meine kindliche Phantasie beflügelte.

Mädchen steht vor einem Grab auf einem Friedhof
Am Familiengrab auf dem Ottakringer Friedhof (um 1941)

Die Gasser-Gruft, einer kleinen Kapelle ähnelnd, war auch damals schon sehr verfallen, aber die drei Stufen, die hinaufführten, machten sie für mich zu meinem Dornröschenschloss. Am nicht weit davon entfernten Brunnen mit seiner viereckigen Ummauerung blickte ich immer mit einem leisen Schaudern in die undurchdringlichen Fluten und erwartete jeden Moment, dass der Froschkönig auftauchen würde. Die Krone der dramatischen Erlebnisse aber war, wenn es eine „schöne Leich“ gab. Diese, meistens vom Veteranenverein veranstalteten Begräbnisse, waren das absolute Maximum an Prunk, mit dem man den letzten Weg antreten konnte. Der Sarg wurde damals natürlich noch auf den Schultern der schwarz-silber-tressenverzierten und mit einem Zweispitz behüteten Pompfüneberern getragen, ihnen voran schritten ebenso gekleidete Kollegen, die mit Kerzen erleuchtete Glaskandelaber trugen, der Kreuzträgerbube, danach der Pfarrer und dann das Wichtigste von allem, die Blaskapelle.

Der Klang dieser mit schwerer Wehmut vorgetragenen Trauermärsche war am ganzen Friedhof zu hören und lockte von weit und breit die Friedhofsbesucher an. Wenn der Trauerzug dann endlich am Grab angelangt war, hatten sich die „trauernden Angehörigen“ vervielfacht, was aber viele von ihnen nicht hinderte, durch die schwermütigen Töne der Kapelle sensibilisiert, einem völlig Unbekannten tränenreich nachzuweinen. Sie hatten das gute Gefühl, einer „schönen Leich“ beigewohnt zu haben, ohne persönliche Trauerempfindungen nach Hause mitnehmen zu müssen.

Auch die Ehrengräber-Straße, von mir respektlos Gruftenallee genannt, war für mich eine Auffahrt zu meinem Schloss, und die mit schweren Ketten oder kleinen, schmiedeeisernen Zäunen umrahmten Ruhestätten waren in meiner Phantasie geschmückte Kaleschen, die mich in meinem Schloss besuchen kamen.

Als ich dann lesen konnte, gaben mir die goldenen Inschriften auf den protzenden Steinen der Vergänglichkeit Auskunft über manch imposante Persönlichkeit vom Grund. Die „Sauerkräutler- und Hausbesitzersgattin“ zeugt ebenso vom Stolz der Bürger, die es zu etwas gebracht hatten, wie „Betty Standfest, bürgerliche Fleischhauersgattin und Restaurateursgattin am Steinhof“, oder die „Selchermeistersgattin“, der „Stechviehhändler“ und der „Milchmeier und Hausbesitzer“, aber auch der „Oberrevident der K. u. K. Staatsbahnen, Hausbesitzer und Waisenrat der K. u. K. Reichshauptstadt und Residenzstadt Wien“. Nur der „Obsthändlerssohn“, der im 23. Lebensjahr und die „Hausbesitzerstochter“, die mit 19 Jahren verblich, entbehrten der Eigenständigkeit, sie waren eben nur der Sohn des Obsthändlers und die Tochter eines Hausbesitzers gewesen.

Zu etwas gebracht hatte es auch der „Altweltmeister der Schwerathletik, Privatier und Hausbesitzer“, allerdings dürfte seine Stärke wohl mehr in den Muskeln gelegen sein, obgleich er auch tüchtig gewesen sein musste, sonst hätte er es nicht zum Privatier und Hausbesitzer gebracht gehabt.

Diese Allee der stolzen Grabsteine mit Obelisken, Kandelabern, lebensgroßen weinenden Engeln geschmückt, die Gruften selbst mit wuchtigen Deckeln und schweren Eisenringen bedeckt, führte steil hinan und irgendein Arm des Ottakringerbaches scheint dort bergab zu fließen und so konnte ich einmal als Zeuge einer „schönen Leich“ mit eigenen Augen sehen, wie sich der Sarg nicht plangemäß friedlich am Grunde zur Ruhe setzte, sondern in der noblen Ausschachtung einem fröhlichen Schifflein gleich in den Fluten des gestauten Wassers tanzte und der Spruch „Erde zu Erde, Staub zu Staub“ zumindest nicht unmittelbar zutraf. Hier fühlte ich das erste Mal Befriedigung darüber, dass wir nicht zu den reichen Leuten gehörten, denn in unserem schlichten Erdhügel würde mir dieses feuchte Schicksal erspart bleiben.

All diese Erlebnisse scheinen die Ursache zu sein, dass ich mich auch auf anderen Friedhöfen wohlvergnügt umsehe und mit Schmunzeln die oft kindlich-naiven Grabinschriften studiere. Einer meiner Lieblinge ist jener zu St. Peter in Salzburg, aber auch der in Traunkirchen wäre fast in der Lage, mich in meinem Entschluss, in Ottakring dem Jüngsten Tag entgegenzuschlafen, wankend zu machen, denn zu schön ist die Aussicht dort. Die Friedhofsmauer fällt direkt in den Traunsee, der Traunstein und die Schlafende Jungfrau auf der anderen Seite des Sees, der Johannisberg im Rücken und die Lieblichkeit der kleinen, gar nicht protzigen Schmiedeeisenkreuze vermitteln den Frieden der Ewigkeit.

Wenn ich nun so bei meinen Vorangegangenen sitze, blicke ich weit über Wien, sehe links an den Hängen des Wilhelminenberges den Wein wachsen, der an lauen Sommerabenden in nur Eingeweihten bekannten Heurigen ausgeschenkt wird und wohin sich nie ein Fremder verirrt, zu versteckt liegen sie; sehe im Geist das Ringelspiel, das längst dem Zahn der Zeit zum Opfer fiel; sehe das rote Kracherl mit der Glaskugel, die ich mit meinen kleinen Fingern hineindrücke, um an das ersehnte Nass heranzukommen; sehe die Liliom-Schaukel, in der ich vor Vergnügen quietschend stehe, wenn sie mein Vater hoch hinaufschwang; sehe rechts das Wilhelminenspital, das sinnigerweise nur durch Straßenbreite vom Friedhof getrennt ist und wo schon manchem Erkrankten der Blick auf die zahlreichen Kreuze zeigte, wie kurz der Weg vom Hier zum Dort sein kann; fühle den Hauch des Wienerwaldes und freue mich stillvergnügt darauf, dass diese Umgebung, die mir, seit ich meine ersten Schritte tat, so sehr vertraut ist, einst mein letztes Bett umhüllen wird, während meine Seele, von ihrer irdischen Hülle befreit, in die Weite des Himmels einem anderen Leben entgegenschwebt.

Informationen zum Artikel:

Ruhe in Frieden!

Verfasst von Otti Neumeier

Auf MSG publiziert im November 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 7. Bezirk / Wien, 16. Bezirk
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

Anmerkungen

Dieser Beitrag stammt aus der von Otti Neumeier 1990 herausgegebenen Erzählsammlung "Der Pompfuneberer. Heiteres und Nachdenkliches aus Wien", S. 7 ff.

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