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Eiskeller, Beitrag 1 von 1

Feuer im Eiskeller

von Erwin Barilich

Im letzten Kriegsjahr und einige Jahre nach Kriegsschluss waren wir Buben in Ermanglung anderer Spielsachen an Waffen jeder Art sehr interessiert, teils, weil die deutschen Soldaten in unserem Gebiet viele Übungen abhielten, wobei immer Platzpatronen verloren gingen und von uns aufgelesen wurden, teils, weil nach dem Krieg die verschiedensten Waffen  und auch Munition überall herumlagen. Erfahrung im Umgang mit Waffen erhielten wir offiziell am „Tag der deutschen Wehrmacht“, wo an verschiedenen Ständen diverse Waffen gezeigt, sowie Funktion und Wirkungsweise derselben uns erklärt und vorgeführt wurden. Wir Buben durften auch mit Kleinkalibergewehr, mit Maschinenpistole, mit  Gewehr und Sturmgewehr auf Ziele schießen.

Nach dem Krieg langweilten sich die Soldaten der russischen Kommandantur des Öfteren und führten verschiedene Experimente mit Waffen und Schießpulver durch. Wir Buben waren oft dabei. So füllten sie zum Beispiel Strohhalme mit Schießpulver aus Gewehrpatronen, die, wenn man sie anzündete, wie kleine Raketen in die Luft flogen. (...)

Am Klausenberg gab es damals viele Wildkaninchen. Da diese eine willkommene Aufbesserung unserer kargen Verpflegung gewesen wären, hätten wir ein Jagdgewehr gebraucht, um sie erlegen zu können. Wir Buben vermuteten, dass eventuell in einem aufgelassenen Eiskeller in unserer Nähe Bauern ihr Jagdgewehr vor dem Einmarsch der Russen versteckt haben könnten. Da es damals keine Kühlschränke gab, haben die Fleischhauer Eiskeller mit Natureis angelegt.

So ein Eiskeller befand sich großteils unter der Erde und bestand aus einem Vorraum und dem Eisraum in der Größe von 5 mal 5 Meter und einer Tiefe von circa 4 Meter. Im Winter wurden von den Teichen Eisblöcke herausgeschnitten und mit Pferdewagen in den Eisraum gebracht. Sie schmolzen zwar langsam ab, reichten aber bis zum nächsten Winter.

Dieser Eiskeller war schon seit Jahren aufgelassen und am Boden befand sich allerlei Gerümpel, er wäre als Versteck für ein Gewehr gut geeignet gewesen. Daher beschlossen wir, Nachschau zu halten und ihn zu durchsuchen. Da es im Eisraum stockfinster war, bereiteten wir einige Fackeln vor, indem wir trockenes Gras zu Zöpfen flochten. Nun kletterte ich an der unverputzten Steinmauer hinunter zum Grund der Eiskammer und begann unter dem Gerümpel zu suchen. Ich fand dabei eine Menge Maschinengewehrmunition und warf einige Gurte hinauf. Die Grasfackeln waren aber bald verbrannt und ich stand im Dunkeln.

Meine Freunde holten neuerlich dürres Gras, drehten es nur etwas zusammen, zündeten es an und warfen es hinunter. Es fiel jedoch auf dürres Reisig, das zu brennen begann. Somit hatte ich wieder Licht, stöberte noch eine Zeit herum und begann dann, das Feuer auszutreten, was mir zwar großteils gelang, aber es gab eine enorme Rauchentwicklung, so dass ich es für notwendig hielt, sofort hinaufzuklettern. Ich war schon ziemlich nervös, rutschte auf den sandigen Steinen aus und fiel wieder hinunter. Ein zweiter Versuch misslang ebenfalls, meine Hände zitterten schon.

Ich rief meinen Freunden zu, sie mögen von den nahen Bauernhäusern schnell einen Strick holen. Zum Glück kam über den Boden des Vorraumes Frischluft in den Eisraum, der Rauch zog nach oben ab, so dass ich wenigstens noch atmen konnte. Als meine Freunde weg waren, begann mein Hund Lumpi jämmerlich zu winseln und sprang zu mir in die Grube, nun war auch er in Gefahr. Endlich kamen meine Freunde zurück, nachdem sie im nahen Weingarten einen längeren Draht abmontiert hatten. Sie ließen mir das eine Ende herunter, ich band ihn Lumpi um die Brust, hielt ihn, so hoch ich konnte und befahl meinen Freunden, zu ziehen. Lumpi half mit, indem er an der Mauer hochkrabbelte und war gerettet.

Nun band ich mir den Draht um die Brust, kletterte ebenfalls an der Mauer hoch, während meine Freunde so stark als möglich am Draht zogen. Es war höchste Zeit, denn das Feuer hat sich weiter ausgebreitet. Wir liefen auf den Klausenberg und beobachteten von dort die aufsteigende Rauchsäule. Das Feuer hatte nun die Maschinengewehrmunition erreicht, die unter heftigsten Geknatter explodierte. Das ganze Unternehmen hätte bös ausgehen können, aber für mich, für Lumpi und für die Wildkaninchen war das Überleben gesichert.

Informationen zum Artikel:

Feuer im Eiskeller

Verfasst von Erwin Barilich

Auf MSG publiziert im September 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Burgenland, Nord, Neusiedl, Jois
  • Zeit: 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein Ausschnitt aus einem umfangreicheren lebensgeschichtlichen Manuskript des Autors mit dem Titel "Meine Kindheit und Jugend, 1933 bis 1953. Bilder einer anderen Zeit".

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