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Muschipuppe, Beitrag 1 von 1

Meine liebste Puppe

von Otti Neumeier

Mädchen mit Puppe auf einem Balkon vor großstädtischem Hintergrund
Mit meiner Muschipuppe auf einem Wiener Innenstadtbalkon (um 1938)

Ich hatte einige Puppen, habe aber nie sehr gerne mit Puppen gespielt. Eine davon war eine schöne Porzellanpuppe, wie man sie heute in Museen sieht, mit echten Haaren und Schlafaugen, aber sie war kalt, und ich musste sehr auf sie aufpassen, weil sie so wertvoll war. Mit mir aufgewachsen ist ein „Steiff“-Teddy-Bär, blond, mit Plüschfell, der brummte, aber er war auch sehr hart gefüllt. Er wohnt heute noch, hochbetagt, bei mir.

Meine liebste Puppe war die Muschipuppe – heute kennt sie kaum jemand. Sie war weich gestopft, hatte einen angenähten blauen Overall mit einem rosa gestreiften Leiberl an und große Augen, die hin und her klapperten. Sie konnte man so richtig knutschen. Später erfuhr ich, dass die Grotesktänzerin Josephine Baker, mit ihren riesengroßen Augen, die in den 30er Jahren durch ihre Auftritte im Bananenröckchen berühmt wurde, als Vorbild diente. So weiche, kuschelige Puppen und Tiere, wie es sie heute gibt, gab es damals nicht.

Sonst hatte ich an Spielsachen noch einen Kinderwagen, den ich stolz herumführte, bunt emailliertes kleines Küchengeschirr, das ein Muster der Firma Austria-Email war. Einen heißersehnten Kaufmannsladen oder ein Puppenhaus bekam ich ebenso wie einen Tritton (Tretroller) nie. Was ich sehr liebte, war mein „Mensch-ärgere-Dich-nicht“-Spiel, das als Besonderheit bunte Kegel und Würfel aus Glas hatte. Sehr liebte ich auch meinen bunten Kreisel, der zu singen begann, wenn man ihn mit seinem Stößel durch Auf- und Ab-Bewegungen zum Drehen brachte. Auch liebte ich mein Kaleidoskop vom Kalvarienberg, das mit seinen bunten Glassteinchen immer neue Formen bildete, und wenn ich heute am Weihnachtsmarkt eines sehe, kann ich nicht widerstehen durchzusehen. Auch ein „Bamkraxler“ und eine Papierkrone von diesem Markt zählten zu meinem Stolz.

Informationen zum Artikel:

Meine liebste Puppe

Verfasst von Otti Neumeier

Auf MSG publiziert im September 2010

In: Lebensgeschichtliche Fotorevue, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein kleiner Ausschnitt aus einem im Jahr 2000 entstandenen umfangreicheren lebensgeschichtlichen Manuskript der Autorin mit dem Titel "Eine Kindheit im Krieg, 1936-1950".

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