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Fluder, Beitrag 1 von 1

Die größten Abenteuer passieren im Kopf ...

von Sonja Raab

In früherer Zeit existierte hinter unserem Haus ein Steinbruch. Auch heute noch rollen Steine ohne menschliches Zutun gelegentlich vom Hang herunter und haben erst kürzlich ein Loch in unser Garagendach geschlagen. Einer der Felsbrocken von diesem Steinbruch ist neben der Straße liegen geblieben als Erinnerung und wurde, nachdem an dieser Stelle einmal ein Unfall passierte, als Bildstock umfunktioniert, der heute noch dort zu sehen ist.

Als ich ein Kind war, habe ich oben im Wald immer gespielt zwischen einigen großen Felsbrocken, die dort auch heute noch herumliegen. Es war immer ein verzauberter Ort für mich. Da habe ich meinen ersten halb verwesten Fuchsschädel gefunden und stolz nach Hause gebracht - und wurde auch sofort wieder verjagt damit, und beim Indianer- und Cowboyspielen habe ich oben im Wald „Lager“ gebaut und hätte mich wegen der Spinnen doch nie getraut, mich wirklich dort hinzulegen und zu schlafen.

Zwischen den riesigen Felsbrocken wuchs Moos, weiches Laub lud förmlich dazu ein, sich hineinzulegen. Ich kletterte herum, suchte nach Eidechsen und hoffte, die Stimme meiner Mutter möglichst lange nicht zu hören, die mich abends wieder nach Hause rief.

Die größten Abenteuer passieren im Kopf, und so wurden aus meinen kindlichen Wanderungen durch Wald, Kuhwiesen und Bäche in meiner Phantasie wunderbare Amazonas-Überquerungen und Forschungsreisen auf andere Kontinente. Der Specht, der an die Bäume klopfte, verwandelte sich in ein schreckliches Klopf-Monster, das bestimmt Kinder fraß, und im „Graben“ hinter dem Haus war sowieso Spielverbot wegen dem Geröll, aber gerade dort hatten wir eine tolle Fels-Ritterburg.

Natürlich war es keine richtige Ritterburg, im Grunde war es nur ein riesiger Felsen mitten im Geröll - aber mit ein wenig Phantasie war es eine tolle Burg, hinter deren Wand sich die Nachbarkinder versteckten, die mein Bruder und ich dann mit Tannenzapfen beschießen konnten. Es war auch unheimlich genug im Graben, um heimlich dort zu spielen.

Sehr interessant waren auch die Bienenstöcke meines Großvaters, die man über einen langen steilen Weg durch den Wald erreichte, aber an die habe ich mich damals nicht so nahe herangetraut. Und ich war überzeugt davon, dass Opa nur deshalb nie gestochen wurde, weil seine Haut so dick und voller Schwielen war. Imkeranzug trug er jedenfalls nie einen, und meine Mutter regte sich immer fürchterlich auf, wenn zu Hause bei Oma und Opa Zuckerwasser für die Bienen gekocht wurde, dann hatten wir nämlich das ganze Haus voller Bienen, und das war irgendwie nicht so gut für uns „Nicht-Lederhäutige“.

Neben unserem Haus befand sich ein Holzstoß, unter dem sich lange Zeit eine kleine Igel-Familie aufhielt, die wir abends mit kleinen Schüsseln voller Milch hervorlockten und fütterten. Das Holz hatte Opa fein säuberlich und in einer geraden Linie aufgeschlichtet, und dann mit Dachpappe abgedeckt und mit Steinen beschwert.

Wenn wir „Holzschneide-Tag“ hatten, dann half die ganze Familie zusammen. Opa und Papa trugen die schwere Tischkreissäge von der auf einer kleinen Anhöhe stehenden Holzhütte runter zum Haus, meine Oma schnitt das Holz, meistens trug sie dazu eine Stoffschürze und ein Kopftuch. Die Säge war sehr schrill und man konnte sie sehr weit hören. Es war ein sehr unangenehmes Geräusch, weil man sofort wusste, dass dieses Geräusch mit sehr viel Arbeit verbunden ist.

Wenn Oma das Holz geschnitten hatte, warf sie es in eine Scheibtruhe, und meine Mutter fuhr dann mit der Scheibtruhe den Weg zu unserem Kellerfenster hinunter, wo wir Kinder schon warteten und die einzelnen Holzscheiter durch das Fenster in den Holzraum warfen.

ziemlich dicke Frau in traditioneller ländlicher Hausfrauenkleidung vor einem Anwesen
Hermine, meine Großmutter, in ihrer Zeit als Magd auf dem Anwesen des "Schwarzen Grafen" in Opponitz, man sieht die Gebäude im Hintergrund

Auf der anderen Seite des Hauses gab es ein kleines Rinnsal, das meine Oma immer liebevoll „Fluder“ nannte. Dort wurden schon die Stoffwindeln meines Vaters gewaschen und auch meine Windeln - und später konnte ich den absichtlich verloren gegangenen Wäschestücken auch schon nachlaufen, um sie stolz ein Stück weiter wieder aus dem Wasser zu fischen und zurückzubringen.

Als modernere Zeiten anbrachen und wir eine Waschmaschine bekamen, wusch Oma trotzdem noch eine Weile im Fluder und war ein wenig sauer, weil ihre Leistung einfach durch ein „modernes Kastl“ ersetzt werden sollte.

Sie ging davon aus, dass dieses moderne Teufelszeug Blödsinn wäre und nie so sauber waschen könnte wie sie. Doch irgendwann hat sie den Kampf aufgegeben und doch auch mit der Waschmaschine gewaschen. Und ich glaube, sie war schnell überzeugt davon, dass die Waschmaschine doch nicht so blöd war.

Am Wäscheplatz hatte Opa einen Holzkasten mit Glasdeckel stehen, in dem sich Bienenwaben und etwas Honig befanden, er kratzte mit einer Spachtel immer darin herum, und ab und zu gab es ein Stück klebrige Waben mit Honig zu kauen für mich; das war der erste Kaugummi, den ich kannte.

Informationen zum Artikel:

Die größten Abenteuer passieren im Kopf ...

Verfasst von Sonja Raab

Auf MSG publiziert im Juni 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Mostviertel, Ybbstal, Opponitz
  • Zeit: 1970er Jahre, 1980er Jahre

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