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Öffentlicher Verkehr

von Gustav Lackinger

Im Laufe der Jahre habe ich die Änderungen im Straßenverkehr persönlich erlebt. 1920 im 9. Bezirk in Gürtelnähe auf die Welt gekommen, hatte ich das Glück, mit meinen Freunden gemeinsam am Gürtel die Jugend zu verbringen. Der Verkehr bestand hauptsächlich aus Pferdefuhrwerken, der Anteil an Motorfahrzeugen war verschwindend gering.

Der Gürtel entlang der sogenannten Stadtbahn bot in seinen mit Bäumen bestandenem Teil einen idealen Spielplatz. Der vorherrschende Verkehr war keine Gefahr für spielende Kinder.

Ein besonders typisches Motorfahrzeug war der Eislieferwagen, dessen Kraftübertragung mit Hilfe einer außen liegenden Kette vorgenommen wurde. Der bei der Fahrt erzeugte Lärm war entsprechend groß.

Besonders beeindruckend waren jedoch die Kaps-Pferdegespanne. Vor einem zweirädrigen Karren, dessen Aufbau einen Kubikmeter Fassungsraum hatte, war ein Pferd gespannt. Ein Kutscher, der immer neben dem Gespann herging, führte zwei solcher Kaps, wobei die Pferde hintereinander hergingen. Der gesamte Erdaushub bei Bau des Karl-Marx-Hofes in Heiligenstadt wurde auf diese Weise abtransportiert – bemerkenswert!

Weitere ebenso interessante Pferdegespanne waren der Bierlieferwagen und der Weinbauer, der im Herbst in die Gasthäuser den neuen Wein lieferte. Der Bierwagen hatte die Fässer seitlich angehängt und die Sodawasserwasserflaschen in Kisten oben aufgeladen. Für uns Buben war es ein Vergnügen, zu dem Zeitpunkt, wo der Kutscher im Gasthaus war, bei diesen Sodawasserflaschen den Druckhebel zu bedienen und Sodawasser abzuspritzen. Der Weinbauer lieferte den Wein in großen Fässern. Der Wein wurde dann von der Straße in Schläuchen in den Keller abgeleitet und dort wieder in Fässer gefüllt. Auch die Müllabfuhr hatte einen mit zwei Pferden bespannten Wagen. Der Aufbau des Wagens hatte seitlich angeordnete Schuber, durch die der Fahrer die "Mistkisterln" entleerte, die ihm die Hausfrauen brachten. Die Zulieferung von Eisblöcken oder Teilen davon durch den Eislieferanten erfolgte ebenfalls mit einem Pferdefuhrwerk. Der "Eismann" hatte einen groben Jutesack auf den Kopf gestülpt und trug auf der Schulter die Eisblöcke zu den jeweiligen Verbrauchern.

Neben diesen Verkehrsmitteln gab es noch die Straßenbahn und die in den 1920er-Jahren elektrifizierte Stadtbahn. Die Wiener Straßenbahn hatte für mich immer eine große Bedeutung: Meine Mittelschule befand sich in Döbling (Krottenbachstraße), und diese konnte ich nur mit der Straßenbahn erreichen, da ich ja bei der Volksoper wohnte.

Die zu meiner Zeit fahrenden Züge der Linie 38 bestanden aus einem Triebwagen und zwei Wagen. Diese Wagen hatten hinten und vorne eine offene Plattform – man stand also völlig im Freien. Im Sommer ein Vergnügen, im Winter weniger. Als junger Schüler war es nun ein ganz besonderes Vergnügen, auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Dazu bezogen wir etwas außerhalb der Station Stellung. Nach Abfahrt des Zuges versuchte man, durch schnelles Laufen neben dem Zug sich am Haltegriff beim Einstieg festzuhalten und sich auf das Trittbrett zu schwingen. Meist ist es gelungen. Es konnte auch schlecht ausgehen, wenn der Zug plötzlich schneller wurde und man den Halt verlor. Die Folge war ein kapitaler Sturz auf die Straße. Natürlich verbunden mit Hautabschürfungen oder sonstigen Blessuren.

Eine weitere Besonderheit dieser Wagen, die aber nur im Sommer eingesetzt wurden, war, dass sie auch seitlich völlig offen waren. Bei heißen Sommertemperaturen ein Vergnügen. Leider wurde das Vergnügen oft durch plötzlich auftretende Gewitter mit Starkregen gestört. Denn dann regnete es, bedingt durch den Wind, in den Wagen hinein. Schutz boten Planen die seitlich aufgerollt waren und die im Falle von Regen herabgelassen wurden.

Mein Vater war Straßenbahnschaffner. Ein Beruf, den es seit Einführung der automatischen Türen bei den öffentlichen Verkehrsmitteln nicht mehr gibt. Dieser Schaffner war nicht nur für den Verkauf der Straßenbahnfahrscheine zuständig, sondern auch für die ordnungsgemäße Abfertigung des Zuges in den Stationen. Wenn die Fahrgäste den Wagen betreten oder verlassen hatten, gab er durch ein Klingelzeichen an den Motorführer das Signal zur Weiterfahrt. Bestand der Zug aus einem Triebwagen und zwei Anhängern, musste der im mittleren Wagen befindliche Schaffner auf das Signal aus dem letzten Wagen warten und durfte dann erst sein Signal weitergeben. Zur Signalübermittlung gab es in jedem Wagen an der Decke einen ledernen Klingelzug, der von Plattform zu Plattform gespannt war. So viel zur Tätigkeit eines Straßenbahnschaffners.

Durch die Diensteinteilung gab es für Vater oft freie Nachmittage. Die wurden dann immer für Ausflüge in den Wienerwald genützt. Da für uns die Straßenbahnfahrt kostenlos war, konnten wir solche Ausflüge leicht unternehmen. Ebenso gab es sehr schöne Badetage im Straßenbahnerbad, am Gänsehäufel an der Alten Donau. Meine Vorlieben für Wanderungen und den Aufenthalt im Freien führe ich auf diese Ausflüge mit den Eltern zurück. Man muss bedenken, dass Wanderungen zum „Grüaß di’ a Gott“-Wirt oder auf die Jägerwiese bereits ein Tagesausflug waren. Bei diesen Ausflügen wurde die Verpflegung, meist in Form von Schnitzel und Gurkensalat oder Erdäpfelsalat, mitgenommen. Denn ab der Endstelle der Straßenbahn mussten alle Wege zu Fuß zurückgelegt werden. Die Umgebung Wiens habe ich auf diese Art kennengelernt.

Nach Mödling konnte man mit dem 360er fahren. Die Fahrdauer betrug mindestens eine Stunde. An den Sonntagen war die Straßenbahn immer sehr voll, denn sie war das einzige Verkehrsmittel, um aus der Stadt hinauszukommen. Noch dazu musste man in Mauer vom 60er in den 360er umsteigen, was meist zu heftigem Gerangel führte. Ebenso haben wir den Bisamberg mit der Tram bezwungen. Mit dem 32er fuhren wir bis zur Endstelle in Strebersdorf. Über den Klausgraben zum Sender, dann über den Bergrücken zur Elisabethhöhe und durch die Allee, heute Pragerstraße mit Doppelfahrbahn, zurück nach Strebersdorf. Es waren sehr schöne Ausflüge, an die ich mich heute noch gern erinnere.

Familie auf Sonntagsausflug im Grünen unter einem Baum sitzend
Auf einem Ausflug ins Grüne (um 1930)

Nach Ende des Weltkrieges waren viele Straßenbahnwagen zerstört. Das machte sich natürlich unangenehm bemerkbar. Die Straßenbahn war schließlich das einzige Verkehrsmittel, das zur Überwindung längerer Strecken zur Verfügung stand. Jeweils in den Morgen- und Abendstunden zu Beginn und Ende der Arbeitszeit war es oft sehr schwer, einen Platz in einem Waggon zu finden. Wenn der Zug in die Station einfuhr, hingen bereits Trauben von Menschen auf den Trittbrettern, so dass ein Einsteigen fast unmöglich war. Oft genug musste man sich dann ebenfalls mit einem Platz am Trittbrett zufriedengeben, besonders wenn man müde nach der Arbeit möglichst rasch nach Haus wollte. Auch war es, je nach Arbeitskleidung (die man an der Arbeitsstelle nicht wechseln konnte), zum Beispiel als Maurer, nicht ratsam, sich im Inneren des Wagens auf einen Sitz zu setzen.

Mit zunehmendem Verkehr wurden viele Straßen zu Einbahnen erklärt, so auch der innere und äußere Gürtel. Die Bequemlichkeit, in beide Fahrtrichtungen zu fahren, war damit unterbunden. Ebenso wurden Straßenbahnlinien eingestellt. Die am Gürtel fahrende Linie 8 wurde durch die U-Bahn ersetzt. Die Straßenbahnlinie 40 wurde aufgelassen und an ihrer Stelle übernahm die Autobuslinie 40 A den Betrieb.

Wenn man heute in der Nachmittagszeit das Verkehrsaufkommen am Gürtel betrachtet, kann man sich nicht vorstellen, dass man einmal auf dieser Straße gefahrlos Ball spielen konnte.

Informationen zum Artikel:

Öffentlicher Verkehr

Verfasst von Gustav Lackinger

Auf MSG publiziert im Oktober 2012

In: Schreibaufrufe, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 9. Bezirk, Gürtel / Wien, 19. Bezirk, Gürtel, Krottenbachstraße
  • Zeit: 1920er Jahre, 1930er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag entstand in Zusammenhang mit einem Gesprächskreis zum Thema "Bewegung in der Stadt" im Wien Museum im Herbst 2012.

Copyright

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