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Draußen

von Otti Neumeier

Wenn ich an meine Kindheit denke, so teilt sich der Begriff „Draußen“ in zwei wesentliche Abschnitte, und zwar vor und nach dem Bombenangriff, der unser Heim in Ottakring zerstörte. Bis dahin wohnten wir in Ottakring in der Schellhammergasse, eine dieser Ausläufergassen des Brunnenmarkts, in denen die Blumen-, Kräuter-, Beerenweiberln ohne Verkaufsstand saßen, die angebotene Ware um sich herumgestellt. Manchmal mit einem kleinen Regenschutz, wie ein Zelt aufgestellt, um sich von den Unbilden des Wetters zu schützen.

Dieses „Draußen“ ergab sich schon durch die Wohnverhältnisse. Kleine Zimmer-Küche-Wohnungen brachten es mit sich, dass sich Kinder, um sich bewegen zu können, entweder in den Hof Ball spielen gingen oder draußen auf der Straße mit anderen Kinder „Anmäuerln“ mit ein paar Pferdestollen spielten oder sich mit einem Reifen beschäftigten, der mit einem Staberl angetrieben wurde. Mein „Draußen“ umfasste die Schellhammergasse bis zur Veronikagasse und nach der anderen Seite bis zur Brunnengasse. Das waren gerade zwei Häuserblöcke, und dann gehörte noch der Yppenpark dazu. Eigenartigerweise kann ich mich nicht daran erinnern, was ich dort getan habe.

Der verkehrsarme Zustand zu dieser Zeit erlaubte es, dass wir uns auf der Straße aufhielten, denn der hin und wieder vorbeikommende Bierwagen mit Pferden oder der motorisierte Wagen mit Eisblöcken oder die kleinen dreirädrigen Autos mit Plattform, auf dem mancher Grünzeughändler seine Waren transportierte, brachten uns nicht in Gefahr. Manchmal sammelten wir begeistert die Aluminiumstreifen, die von den Flugzeugen abgeworfen wurden und die so aussahen wie das heutige Lametta, ohne zu wissen welche Bedeutung sie hatten. Im Haus gab es leider außer mir kein Kind, mit dem ich hätte spielen können. Dann gab es noch die Volksschule in der Gaullachergasse und meinen Zitherlehrer, der in der gleichen Gasse wohnte, den ich einmal in der Woche – meine Zither immer mitschleppend – aufsuchte.

fünf Schulmädchen stehen auf der Straße
Die Autorin (2. von rechts) mit Schulkameradinnen in der Gaullachergasse (um 1943)

Außerdem gab es im Winter den Eislaufplatz „Engelmann“ auf der Jörgerstraße im 17. Bezirk, der damals noch auf Straßenniveau war und den ich mit meinen weißen, für mich ungemein eleganten Schlittschuhen befuhr. Ich war fünf Jahre alt, als der Film „Der weiße Traum“ mit dem Olympiasieger Karl Schäfer, Wolf Albach-Retty und Elfriede Datzig auf diesem Gelände gedreht wurde, und danach furchtbar eifersüchtig auf die kleinen Mäderln, die eislaufend mitspielen durften.

Bis heute habe ich mir das Vergnügen an einer süßen Freude der dortigen Kantine bewahrt. Um eine Brotmarke bekam man einen Vanillepudding mit Himbeersaft; den kaufte mir meine Mutter immer, wenn wir hingingen. Es war wunderbar in dieser nicht gerade von Süßigkeiten geprägten Zeit. Als mir die Eislaufschuhe zu klein geworden waren, war es aus mit diesem Vergnügen, denn danach bekam ich erst mit zwölf Jahren sogenannte „Schraubendampfer“ die man auf normale Schuhe anschraubte. Mit denen ging ich im Winter zum „Rottensteiner“ in die Neustiftgasse, der im Winter seine Tennisplätze in Eislaufbahnen verwandelte.

Mein „Draußen“ wurde erweitert, wenn meine Mutter mit mir in die Stadt ging. In den Stephansturm bis zum Türmerzimmer hinauf, bis in die Katakomben hinunter zu den Skeletten und natürlich in den Dom selbst. An den Besuch im Museum in der Laudongasse kann ich mich noch gut erinnern, aber wir waren sicher auch noch in anderen Museen. Dazu gehörten auch die seltenen Praterbesuche, die tiefe Eindrücke in meiner phantasievollen Seele hinterließen. Benutzte ich doch jede freie Innen-Zeit zum Lesen.

Für das weitere „Draußen“ war mein Vater zuständig, der für meine sportliche Wissenserweiterung sorgte. Er fuhr mit mir – nicht ganz uneigennützig – ins Radstadion in den Prater oder zum Traben in die Krieau. Besonders liebte ich es, auf seinen Schultern sitzend am Vogelweidplatz den Boxkämpfen zuzuschauen oder am Redstar-Platz den Fußballmatches. Wie seinerzeit der sogenannte Schmelz-Friedhof diesen Sportstätten weichen musste, so gibt es dort heute längst die Stadthalle und keine Spur mehr von dem, was früher dort war. Ja, und dann gab es noch den wöchentlichen Religionsunterricht am Elterleinplatz, zu dem ich natürlich alleine ging.

Einmal im Jahr gab es auf diesem Weg das schönste „Draußen“, den Kalvarienbergmarkt. Auf dem Weg zum Elterleinplatz kam ich dort sowieso vorbei und konnte ungestört bei all den wunderbaren Sachen verharren. Papierschirme und Papierkronen musste ich jedes Jahr haben. Dann diese zauberhaften Kaleidoskope – noch heute schaue ich bei passenden Gelegenheiten auf Märkten hinein und finde, dass keines so schöne und viele Steinchen hat, die bei der Bewegung ihr Bild verändern, wie die meiner Kindheit. Bamkraxler bekam ich auch einmal einen, aus Metall, aber als er kaputt war, gab es keinen mehr. Zum Naschen gab es kaum etwas, für alles brauchte man Marken.

Im Sommer gab es noch das Vergnügen des Kinderfreibades am Hofferplatz. Auch dorthin war ich allein unterwegs und plantschte ganze Nachmittage selig im Wasser herum, bis die Lippen blau wurden.

Das alles fand sein Ende, als wir im November 1944 ausgebombt wurden und nach einiger Zeit eine Untermiete im 7. Bezirk fanden.

Der Krieg war in vollem Gange, mein Weg zur Schule im Pädagogischen Institut dauerte nur fünf Minuten, und auf der Straße zu spielen war in der Burggasse damals genauso unmöglich wie heute. Ab diesem Zeitpunkt gab es kein „Draußen“, außer Mutter und ich liefen zu den Kellern bei der Ulrichskirche oder zu den Mechitharisten, um vor den Bomben Schutz zu suchen.

Als der Krieg 1945 beendet war und langsam wieder normales Leben einzog, kam ich im Herbst in die Hauptschule des Pädagogischen Instituts in der Stiftgasse. Neu war allerdings, dass wir eine gemischte Klasse mit Buben und Mädeln waren. Wenn heute darüber geklagt wird, dass im 7. Bezirk zu wenig Grünflächen für Kinder sind – also bei uns gab es überhaupt keine. Der Maria-Theresienpark war der einzige in der Nähe, der eine Grünfläche hatte. Die war aber nur zum Anschauen – betreten war absolut verboten!

Wir gingen dorthin, um „Fotschi“ (= Fangen) zu spielen oder auf den Denkmälern herumzukraxeln, was aber auch gefährlich war, denn der lauffreudige Parkschani war unser gefürchteter Gegner. Die Hausmeisterin des Kunsthistorischen Museums keppelte immer aus ihrem im Parterre befindlichen Fenster heraus, weil wir so viel Wirbel machten, und schimpfte uns Mädeln „Buama-Menscher“, man war es noch nicht gewohnt, dass Mädchen unseres Alters, zwischen elf und vierzehn Jahren, mit Buben rauften oder herumtollten.

In den Sommern 1946 und 1947 war ich Gast bei meiner Tante am Cobenzl. Sie war Krankenschwester für die in Baracken und auch im teilweise zerbombten Schloss untergebrachten Sudetendeutschen. Bei ihr bekam ich Milchreis zu essen und war daher etwas besser versorgt als in der Stadt. Und es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich sozusagen am Land lebte.

Da ich schon im Mai und Juni bei ihr war, ging ich zu Fuß den Reisenberg hinunter nach Grinzing. Es war immer besonders schön, den Weingärten entlang bergab zu schlendern, fuhr mit dem 38er, einem Ringwagen und dem 48er, der damals noch eine Straßenbahn war, zur Stiftgasse. Nach der Schule ging es umgekehrt. Damals gab es noch keinen Bus zum Cobenzl, also kannte ich alle die Höhenstraße querenden Wege, und mit den paar Kilos, die ich wog, war das für mich eine Kleinigkeit.

Dort hatte ich dann ein paar Freundinnen, aber es waren sehr stille und nicht sehr zugängliche Menschen, diese Sudetendeutschen, vermutlich, weil sie viel mitgemacht hatten. Daher konnte ich auch nur allein ins Krapfenwaldlbad gehen, um mich im eiskalten Wasser zu erfrischen. Von den Mädchen durfte keines mit.

Als ich einmal mit einer dortigen Freundin ins Schloss kam, wo sie wohnte – ich war halt neugierig, wie sie lebten –, war der Eindruck für mich trotz allem, was ich während des Krieges erlebt hatte, erschreckend. Wir mussten einige riesengroße Zimmer durchqueren, die von mehreren Familien belegt waren, bis wir zu ihrem kamen. Auch sie wohnte in diesen Verhältnissen. In den Baracken waren die Zimmer kleiner und die Familien unter sich, aber das sah ich auch nur einmal. Ich unterdrückte daraufhin meine Neugierde, denn ich sah, dass es ihnen peinlich war, und das wollte ich vermeiden. Heute sind auf diesem Gelände Tierstallungen, und vom Schloss ist keine Spur mehr zu sehen. Aber manchmal fahr ich noch hin und erinnere mich gerne an diese Zeit.

In diese Zeit fällt der von der Schule durchgeführte Schwimmunterricht. Ich war zwölf, und wenn ich ins „Kongressbad“ nach Ottakring fuhr, waren sicher immer ein paar Schulkollegen dort, die natürlich alle Anstalten trafen, um mich in das große Bassin hineinzuschmeißen. Meine Angst war riesig, aber das hatte nun nach dem Schwimmunterricht ein Ende. Wir lernten tauchen und ordentlich schwimmen, und bis heute gehört es zu meinen größten Vergnügen.

Mein Religionsunterricht, der nun in der Kirche der Alt-Katholiken in der Wipplingerstraße 8 stattfand, erweiterte meine Stadtkenntnisse. Der Weg dorthin war nur zu Fuß möglich, also die Burggasse hinunter, den Volksgarten entlang, rechts der Heldenplatz und die Hofburg, bis zur Minoritenkirche, die in ihrer dunkelbraunen Farbe und mit dem abgeschnittenen Turm gegen andere Kirchen fremd und eigenartig dastand. Die Gässchen nach dem Minoritenplatz – eine davon heißt heute Leopold-Figl-Gasse – hatten die untersten Wände mit Holzbrettern verschalt, und man konnte ahnen, dass darunter etwas Kostbares war. Was? – Keine Ahnung. Viele Jahre später zeigt eine Wand ein nun wunderschön renoviertes Mosaikbild – das hatte man also während des Krieges versteckt.

An einem der Eckhäuser, an denen ich danach vorbeikam, war ein Kosmetikinstitut, das ein Foto der Miss Austria 1948, nämlich Nadja Tiller, in der Auslage stehen hatte. Darauf beschloss ich Kosmetikerin zu werden, vermutlich weil ich glaubte, dann so schön wie sie zu werden, aber dieser Berufswunsch ging nicht in Erfüllung. Ich kam, wenn ich manchmal den Weg ein wenig abänderte, auch an einem großen imposanten Gebäude vorbei, das einmal was Besonderes gewesen sein musste. Aber auch seine Fenster und Türen waren verschalt, und erst viele Jahre später zeigte es sich nach einer Renovierung und Neueröffnung in seiner ganzen Pracht, das Café Central im ehemaligen Palais Ferstl.

Wenn ich die Herrengasse querte, kam ich am ersten Hochhaus von Wien vorbei, das erst seit 1932 stand. Als Teenager war ich oft im obersten Stock, in dem sich ein Café befand, und genoss die Aussicht. Aber etliche Jahre später war das Café Privatwohnungen gewichen. Vorbei am Esterhazykeller, über die Bognergasse hinüber zum Hof, rechts die Kirche „Zu den 7 Chören der Engel“ und links das total zerbombte Gebäude der Feuerwehr. Der Schuttkegel lag jahrelang in die Straße hinein. Dann über den Judenplatz, wobei mich die Geister der verbrannten Juden, von denen mir meine Eltern erzählten hatten, erschaudern und schneller gehen ließen.

Und dann war ich endlich in der Wipplingerstraße im „Alten Rathaus“. Wenn Zeit war, träumte ich mich im Hof in das Relief über einem Brunnen hinein. Eine an einen Felsen gefesselte, fast nackte Frau wird von einem herbeieilenden Helden gerettet, das war schon was, um meine Phantasie anzuregen. Heute weiß ich, dass es „Andromeda und Perseus“, von Raphael Donner geschaffen, darstellt.

Die Kirche selbst war nicht allzu groß, war es doch eine ehemalige Privatkapelle. Der linke Ausgang war wieder geheimnisvoll, weil er immer verschlossen war. Erst viele Jahre später erfuhr ich, dass er in die Hauptstraße des ehemaligen Judenviertels führte. Den Heimweg nahm ich manchmal über den Stephansplatz. Am „Stock im Eisen“ blieb ich stehen, blickte zu dem mit Nägeln bedeckten Baumstamm und dachte an mein geliebtes Buch der „Wiener Sagen“, in dem die Geschichte von der Entstehung dieses Denkmals stand.

Manchmal fuhr ich vom Stephansplatz mit der Straßenbahn bis zum Ring und lief an den Museen und Maria Theresia vorbei Richtung Burggasse. Einer meiner Schulkollegen wohnte in einem der Biedermeierhäuser des Spittelbergs. Einmal durfte ich ihn besuchen und war von der ungemein wohnlichen Anlage der Zimmer, quadratisch mit passenden Fenstern, begeistert. Eine andere Schulkollegin wohnte im kleinsten Haus von Wien, Ecke Burggasse Breite Gasse, bei ihr war ich oft. Steinstiegen führten wie eine Wendeltreppe in den zweiten Stock, aber die Räume waren klein und ohne jeden Komfort.

Auf meinem Weg zum Religionsunterricht kam ich in der Zeit von 1945 bis 1950 an vielen wichtigen und schönen Gebäuden vorbei, die unglaublich devastiert waren. Trotzdem war es mir auch als Kind klar, dass ich bedeutende Bauten sah. Nach vielen Jahren, als die Stadt wieder aufgebaut und renoviert war, ging ich diesen Weg immer wieder. Genoss die nun sichtbaren Schönheiten der ehemals desolaten Häuser und sah mich als Kind, das sich vor vielen Jahren durch eine demolierte Stadt träumte. Meine Leselust und viele Bücher brachten mich zum Bereisen vieler Länder und Orte und erweiterten ständig mein „Draußen“ bis ins Erwachsenenalter.

Informationen zum Artikel:

Draußen

Verfasst von Otti Neumeier

Auf MSG publiziert im März 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Orte der Kindheit, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 16. Bezirk / Wien, 1. Bezirk, 7. Bezirk
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

Anmerkungen

Dieser Beitrag entstand im Februar 2013 in Zusammenhang mit einem Treffen des Gesprächskreises im Wien Museum, bei dem Kindheitserinnerungen zum Thema "Draußen" gefragt waren.

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