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Kino-Erinnerungen

von Otti Neumeier

Jene Generation, die noch nicht mit dem Fernsehapparat in der Wohnung groß geworden ist, wird sich genau erinnern, welch wichtige Rolle das Kino früher im Leben spielte. Um relativ wenig Geld konnte man „großes Theater“ vom Lustspiel bis zum Drama sehen und war den verehrten Schauspielern ganz nahe. Eltern konnten ihre Sprösslinge in die Kindervorstellung schicken und damit ein paar Stunden frei sein, oder man entfloh einfach der Enge der Wohnverhältnisse. Ganz wichtig aber war, speziell für die Jungen, dass man im Dunkeln mit seiner „Liebe“ in aller Öffentlichkeit eng aneinandergeschmiegt beisammen sein konnte.

Ich verbinde meine ersten Filmerinnerungen mit den Kindervorstellungen um 1940 im Weltspiegel-Kino am Gürtel, in dem ich noch so manchen Stummfilm sah. Aber ebenso entzogen wir uns auf ein paar Stunden dem Krieg, denn im Kino spielte der Alltag keine Rolle. Theater konnten wir uns nicht leisten, aber wir sahen ja alle Großen die wir liebten auf der Leinwand, den Willy Fritsch, den Wolf Albach-Retty, den Hans Holt, die Paula Wessely, später die Maria Andergast und ganz besonders den Hörbiger und den Moser.

In manchen Filmen gab es auch Wienerlieder, die wir ganz automatisch in uns aufnahmen und die zu den Schlagern dieser Zeit zählten wie die Reblaus oder I riech an Wein schon kilometerweit. Das Lied Heut’ kommen d’ Engerln auf Urlaub nach Wean regte meine kindliche Phantasie an zu glauben, dass die aus Wien stammenden gefallenen Soldaten durch ihren „Heldentod“ zu Engerln geworden waren und vom lieben Gott Urlaub erhielten, um wieder für ein paar Stunden auf die Erde kommen zu können. Einige dieser Melodien erreichten ungeheure Popularität, wurden zu unvergesslichen Schlagern und gelangten in das Repertoire der Heurigenmusiker, andere wieder gerieten in Vergessenheit, wie es so manchem Wienerliedern ebenfalls erging.

Ich erinnere mich an die Nachkriegszeit, in der ich mit meinen Eltern zweimal in der Woche ins Kino ging. Einmal ins „Bellaria“ und einmal ins Hermann-Kino (heute Atelier-Theater), beide im 7. Bezirk, wo wir wohnten. In beiden hatten wir stets die gleichen Plätze und waren sehr ungehalten, wenn man sie nicht für uns reserviert hielt. Die Preise waren in diesen kleinen Kinos erschwinglich und die Vorstellungen bestens besucht.

Es gab keine Garderobe – oder man benutzte sie nicht, weil es etwas gekostet hätte; wenn man es tat, kam man sich schon ganz luxuriös vor. Also behielt man meist seinen Mantel an oder hielt ihn auf dem Schoß. So ergab sich im Laufe der eineinhalb Stunden dauernden Vorstellung ein sehr intensives Luft-Konglomerat – besonders wenn es geregnet hatte –, welches den Sauerstoff fast verschwinden ließ. Zur Verbesserung ging dann der Billeteur mit einer Flitspritze herum, versprühte „Perolin“ und erzeugte damit die Illusion von Frischluft.

Von 1930 bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts hielt der Tonfilm seine Unterhaltungs-Vormachtsstellung. Das Fernsehen brachte Bequemlichkeit und die Einsparung der Kinokarten, aber mit dem Sterben dieser „Lichtspieltheater“ ging auch ein Stück Kulturgeschichte und Lebensgefühl verloren. Die heutigen Kinos haben in keiner Weise etwas mit den früheren „Floh“-Kinos gemeinsam. Sie sind groß, selten voll besetzt, haben beste Luftqualität, von jedem bequemen Platz sieht man brillant, die Filmqualität ist störungsfrei, der Ton gut, wenn auch durchwegs zu laut, und man müsste eigentlich, abgesehen von manchem Preis, hochzufrieden sein.

Aber so wie man sich in einem halbleeren Theater oder auf einem nur spärlich besuchten Fußballplatz nicht wohlfühlt, entbehrt man in einem Kino, in dem nur in jeder dritten Reihe zwei Menschen sitzen, ein wesentliches Element, nämlich das kollektive Erlebnis. Niemand teilt mit einem dicht an dicht das Lachen, die Spannung, die Trauer oder die zärtlichen Gefühle. Das haben die alten Kinos getan und haben damit ihre Filme in einen unvergänglichen Erinnerungsglanz getaucht, der nur manchmal zerstört wird, wenn man einen geliebten Film heute wieder sieht, und leidvoll bemerken muss, wie schwach er in Wirklichkeit war ...

Informationen zum Artikel:

Kino-Erinnerungen

Verfasst von Otti Neumeier

Auf MSG publiziert im April 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 7. Bezirk / Wien, 16. Bezirk
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

Anmerkungen

Dieser Beitrag ist die Einleitung zu einer von Otti Neumeier erstellten Studie über "Das Wienerlied im Tonfilm".

"Einige Wienerlieder aus diesen alten Filmen, mit ihren Komponisten, Textdichtern und Interpreten sollen mit dieser Dokumentation dem Vergessen entrissen werden."

Restexemplare dieser Dokumentation sind noch zum Abverkaufspreis von 2 Euro (+ Versandspesen) bei der Autorin erhältlich. (Bestellung: o.neumeier@chello.at; Tel. 0676/6351263)

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