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Geräusche, Gerüche und Heimat-Gefühle I: Unser Gasthaus

von Elisabeth Lopéz-Semeleder

Erste Erinnerungen an meine Großmutter (um 1950), die immer am oberen Ende des Tisches Platz nahm, welcher in der Gasthausküche stand, die quasi unser Wohnzimmer war. Ich auf ihrem Schoß.

Abends stiegen mein Bruder, Gerhard, der Enkel einer Mieterin im Hause, und ich auf eine umgedrehte Holzkiste (Podium) und sangen Kinderlieder und ließen uns applaudieren.

In der Küche befand sich ein Gas-Rechaud mit drei Flammen, der große Kohlenherd, daneben stand die Kohlenkiste für Hartholz, Weichholz und Kohle, einer unsrer liebsten Sitzplätze. Gebadet wurde einmal pro Woche, mein Bruder und ich im hölzernen Waschtrog, mit angezogener Unterhose. Nur allzu oft kam es zu Überschwemmungen in der Küche, da das Wasser durch das rissige, trockene Holz sickerte, oder uns der Stöpsel im Weg war und einfach herausgezogen wurde.

Hinter einem verandaartigen Verschlag: ein Sofa, auf dem mein Onkel Franz schlief, und Stellagen für Vorräte wie Trockenei, Zucker, Mehl, Brösel etc.

Im Gasthaus der Großmutter – später gehörte es meinen Eltern – kamen Gäste schon früh an: die ersten waren zwei aus Siebenbürgen, die in Baracken am Fuße des Küniglberges hausten. Im Ohr hatten sie goldene Ohrstecker (heute Flinserl), sie waren gekleidet mit Anzug, Hut, kragenlosem Hemd, und tranken Negus, ein Gemisch aus Rum und Kräuterschnaps. Später kamen Herr Mann, Frau Sedlacek etc. und berichteten das Neueste, oft wurde auch gestritten, besonders nach einigen Achtel Wein – schon in der Früh.

Zu Mittag gab es Menü in besonderen Tellern, ein Abteil für die Beilage, ein größerer Teil für die Hauptspeise, oder à la carte, wobei alles separat auf Tellern angerichtet wurde. Herrlich roch es nach Schweinsbraten, Sauerkraut, Gans und Ente, je nach Jahreszeit. Der Geruch von Negus in aller Herrgottsfrüh war weniger „berauschend“, ebenso das abgestandene Bier, das sich in einer Wanne unter dem Zapfhahn sammelte.

Die Fußböden wurden nach dem Waschen eingeölt, so dass es roch wie in einer Tankstelle. Der Rauch von Virginier und Dreier verpestete die Luft; die Vorhänge und die Kleidung meines Vaters waren sehr schnell verfärbt von Rauch und Nikotin, Staub etc. Obwohl mein Vater nie rauchte, stank er nach Zigarettenrauch. Zog er sich am Abend aus und deponierte sein „Gewand“ im Vorzimmer, roch es dort nach „Gasthaus“. Sein grauer Steireranzug war bald braungrün.

Wiener Gasthauswirt hinter der Schank

Es gab eine Speisekammer und einen Erdäpfel-, Kohlen- und Weinkeller. Erdäpfel und Zwiebel lagerten im kleinen, finsteren Abteil, im größeren Teil Kohle für uns, die Kohle der Mieter wurde in einem Schupfen („Schuppen“ hätte Tante Elly aus Westfalen gesagt) untergebracht, vis-à-vis der Klos, zwei Gästeklos, ein Privatklo, mit einem Schild „Abort“ gekennzeichnet. (Was ist ein Ab-ort? Wir haben es nicht herausgebracht, was da ab-geht.)

Herr Murowatz pflegte am Klo zu rauchen, selbstgestopfte Zigaretten. Der Duft war nicht unangenehm. Durch die löchrigen Türen des Klos steckten wir die Ranken von Wildem Wein und ärgerten so die Gäste und Hausmitbewohner. Waren die Klos sauber, blieb Klopapier zur Verfügung, waren sie schmutzig, war es nur gevierteltes Zeitungspapier. Übrigens: zwei meiner Arbeitsstellen, für 7 und für 17 Jahre, fand ich auf Seiten, die sich am Klo befanden.

Der Erdäpfelkeller war uns unheimlich, es roch feucht und es war dunkel, fallweise gab es Mäuse. Kohle aus dem benachbarten Kohlenkeller mussten wir manchmal holen; es war wie eine Strafe. Der Weinkeller war schon besser. Es gab hier Licht und Wasser, die Ziegelwände waren angelaufen, und von ihnen strömte ein eigener Geruch aus. Der Wein wurde von den Fässern in Flaschen abgefüllt. Das besorgte Jakob. Jakob war ein Kriegsinvalide aus Böhmen (nach dem Ersten Weltkrieg) mit gefrorenen Fingern, er konnte nur Daumen und Zeigefinger besser bewegen, zapfte ab, und nicht nur in die Fasche. Stank sein „Gewand“ schon mangels Pflege, so spritzte er sich beim Piperln aus dem Schlauch an, und war um einen Geruch reicher. Es wohnte im Invalidenheim. Einmal begleiteten wir ihn zum Geldholen; diese Art von Kanzleimief existiert leider heute noch, trotz Deo, 1A Waschmittel. Es war ein Graus.

Jakob war unser Kinderherr und ging mit uns an die „frische Luft“ – Flieder fladern, Stollwerk kaufen (10 Groschen pro Stück), Brot und Semmeln fürs Gasthaus holen, einkaufen etc. Der Theaterkritiker, der in der Zeitung das perfekte Böhmakeln des Peter Simonischek als „Der Unbestechliche“ im Burgtheater lobte, hat wahrscheinlich nie richtig böhmakeln gehört. Unser Jakob konnte es, Peter Simonischek nicht.

Wenn wir einkaufen gingen, wussten die Kaufleute, was auf dem Gasthausspeiseplan stand. Der Gulaschduft und Kohlduft setzte sich in den Kleidern fest, war doch die Gasthausküche unser Wohnzimmer.

Für den „Eiskasten“ kamen Eismänner ins Geschäft, die Eisquader brachten, die in Blechwannen gelegt wurden. Darauf lagerten Bier-, Wein-, Limonadeflaschen. Als Coca Cola aufkam, bekam mein Vater Kostproben, die ich probieren durfte. Vor lauter Schreck spuckten viele den Probeschluck aus. Offensichtlich war mein Vater sehr fortschrittlich, er kaufte Coca Cola. Werbebleche für Biere und Coca Cola, Kinoprogrammtafeln, am Gartenzaun angebracht, brachten zusätzliches Einkommen!

Das Bier wurde auf Pferdewagen verladen und zugestellt, bevor man auf LKWs überging. Ich erinnere mich an die freundlichen Herren von Schwechater, die für uns Kinder immer nette Worte hatten. Mit altem Brot fütterten wir die Pferde. Der Pferdemist wurde sofort von Nachbarn aufgekehrt und in ihre Blumengärten verfrachtet.

Fernsehen gab es noch nicht. Ein Radio mit Lautsprechern übertrug für die Gäste ins Freie: das Wunschkonzert, Fußballmatches.

Meine Mutter, die Chefin als Köchin, machte Zimmerstunde von 2 bis 3 Uhr nachmittags. Das Wunschkonzert begeisterte uns Kinder. Herz-Schmerz, Tritsch-Tratsch, warum das Kaffeehäferl von der Großmutter z’ammghaut werden muss, verstanden wir nicht, ebenso „Mei Oide sauft so vü wia i ...“. „Das kleine Café in Hernals“ war uns aus der Sendung bekannt, was dort passierte, nicht. Heinz Conrads’ „Was gibt es Neues?“ und „Die große Chance“ mit Maxi Böhm beglückten uns. Später als Schüler waren wir fasziniert von den Hörspielen, ob Klassik oder Krimis („Gestatten, mein Name ist Cox“), der dramatisierte Sonntagsroman (Rebecca), Operetten (Die goldene Meisterin), Ratesendungen etc. – heute kann kaum eine Fernsehsendung so beeindrucken wie damals einige Radiosendungen.

Familienbild: Eltern mit zwei Töchtern links und rechts
Die Autorin (recht) mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester

Jahreszeitliche Feste

Ostern war geprägt durch den Speiseplan. Fastenspeisen in der Fastenzeit. Ostersonntag und -montag Kalbsbraten. Schweinsbraten und Geflügel.

Pfingsten: ebenfalls üppige Braten und Mehlspeisen.

Umgang zu Fronleichnam: In aller Herrgottsfrüh wurden die Fenster mit Blumen, Kerzen und Kruzifix geschmückt, die Hausmauern mit Birkenstämmen. Jasmin, Lilien, Rittersporn, Rosen dufteten um die Wette. Die Musikkapelle unter Julius („Der Julius, der Julius, das war ein toller Musikus …“) spielte vor den Honoratioren von Hetzendorf und kassierte für die Ständchen. Während der Prozession der Weihrauchgeruch von den Ministranten. Am Nachmittag spielten die Musikanten im Gasthausgarten und bekamen Essen und Trinken frei. Der Blumenduft war verduftet, es blieb der Geruch von verschüttetem Bier und Wein in den Kleidern der Rauschigen.

Gaukler und Feuerschlucker beehrten das Publikum mit ihren Darbietungen, wobei der, der Ketten sprengte, mich in einen unangenehmen Zustand versetzte.

Zigeuner kamen und wollten ihre Teppiche ausstellen. Dies war für meinen Vater mit Geld verbunden, also stellten sie aus. Jeder bekrittelte sie – dick, dunkel, falsch, mit Gold behängt – und ihre Ware; am Ende kauften fast alle etwas.

Allerheiligen: Friedhofsbesucher frequentierten das Gasthaus. Marktstandeln in der Hervicusgasse mit türkischem Honig, Wachsgeruch ließ an Weihnachten denken. Tante Poldi kam vom 20. Bezirk und half in der Küche aus. Onkel Franz aus dem 14. Bezirk half in der Schank. Tante Poldi, Beamtin im Post- und Telegrafenamt, brachte Rumpastillen mit, die wir Kinder auch essen durften. Onkel Franz brachte nichts mit, wirbelte uns aber über die Schulter, bis wir keine Luft mehr bekamen. Er war Maler und Anstreicher und roch immer gut nach Farbe und Lack. Er hatte schon einen Fernseher, und wir Kinder scheuten nicht die weite Reise in den 14. Bezirk, um am Montag um 21.30 Uhr die Perry-Como-Show zu sehen. Was das jung verheiratete Paar dazu sagte? Wir wissen es nicht. Am nächsten Montag waren wir wieder da.

Weihnachten, wegen des Geschäfts kein geruhsames Fest, selbst der Heilige Abend wurde gestört durch Nachbarn, die „über die Gasse“ noch schnell etwas fürs Fest (Gumpoldskirchner, Traiskirchner – schwere Südbahn-Weine) kaufen wollten.

Zu den Feiertagen gab es gefülltes Hendl, Gans, und den damals vielgeliebten gerollten Kalbsnierenbraten. Alle mussten mithelfen, wie zu Allerheiligen.

Aber die Kerzen am Christbaum und der Duft der Vanillekipferl waren durch nichts zu vermiesen. Mir selbst gelang es später nie, Vanillekipferl so herzustellen, wie ich sie „auf der Zunge“ habe.

Zeitungsausschnitt über 50-jähriges Bestandsjubiläum des Wirtshauses Waschkuchlwirt in Wien-Hetzendorf

Informationen zum Artikel:

Geräusche, Gerüche und Heimat-Gefühle I: Unser Gasthaus

Verfasst von Elisabeth Lopéz-Semeleder

Auf MSG publiziert im Februar 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 12. Bezirk, Hetzendorf, Rosenhügelstraße
  • Zeit: 1950er Jahre

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