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Meine Zeit als Modistin und in der Biskuiterzeugung

von Olga Postmann

Die Bürgerschule hatte ich mit gutem Erfolg abgeschlossen, so kam ich dann nach einer Aufnahmsprüfung in eine dreijährige Haushaltsschule in Wien 5, Wiedner Gürtel. Natürlich war das mit einem hohen Schulgeld verbunden. Als ein Jahr verstrichen war und die Eltern das Schulgeld nur schwer aufbringen konnten, da die allgemeine Lage nicht gut war, verließ ich die Schule, und wir suchten eine Lehrstelle.

Schulklassenfoto
Die Autorin (mittlere Reihe, rechts außen) in der ersten Bürgerschulklasse (1923/24)

Dies war nicht leicht, es herrschte große Arbeitslosigkeit, man musste oft noch bezahlen, um eine Lehrstelle zu bekommen. So waren wir froh, etwas gefunden zu haben. Es begann eine dreijährige Lehrzeit als Modistin. Da ich immer gerne Handarbeiten gemacht habe und auch in der Schule einen Einser hatte, war ich zufrieden. Die Lehrstelle befand sich in Wien V, Blechturmgasse. Die Chefin hieß Fini Glücklich, ihr Mann war Notar und ein Sohn war Student.

Die Wohnung hatte ein Vorzimmer, eine Küche und zwei Zimmer. Das eine war unsere Werkstatt und wurde als „Salon für handgearbeitete Modellhüte“ bezeichnet. Es wurde auch alles händisch gemacht; nicht einmal für das Hutfutter gab es eine Nähmaschine. Eine Gesellin war für alles zuständig, und da ich beim Nähen keine Schwierigkeiten hatte, gab es auch keinerlei Probleme.

Lernen musste ich erst mit Filz umzugehen. Der Filzstumpen wurde total eingeweicht, dann über einen Holzkopf gespannt, mit Dampf aufgebügelt und so lange gezogen, bis er die Form fest umschloss. Dann wurde er mit einer Spirale befestigt und beim Ofen zum Trocknen aufgestellt. Anschließend wurde die Kopfform abgeschnitten und die Krempe ebenfalls feucht auf eine Sparterieform aufgebügelt, getrocknet und mit unsichtbaren Stichen auf die Kopfform genäht. Der damaligen Mode entsprechend wurde der Hut schließlich mit Bändern, Blumen oder Federn geschmückt.

War einmal keine Arbeit, musste ich etwas anderes tun. Hände in den Schoß legen gab es nicht. So vergingen die Lehrjahre zwischen 5. November 1928 und 5. Mai 1931. Mein Lohn im dritten Lehrjahr war gerade so viel, dass ich mir die Wochenkarte für die Straßenbahn selbst bezahlen konnte. Die Gesellenprüfung machte ich mit ausgezeichnetem Erfolg. Der Gesellenbrief – das Einzige, was ich noch aus dieser Zeit habe – war sehr dekorativ.

Leider wurde ich danach entlassen, was vorauszusehen war, denn für zwei Gesellinnen war kein Geld da. Es kostete fast nichts, ein neues Lehrmädchen zu nehmen, und Anwärter auf eine Lehrstelle gab es ja genug. Auch an eine andere Stellung war nicht zu denken, es gab zu viele Arbeitssuchende.

So sagte Vater: „Bleib bei uns und hilf im Geschäft bei der Biskuiterzeugung, da hast du es immer warm!“ Es war mir recht, obwohl es weder Lohn noch Versicherung gab. Ich konnte bei meinen Eltern sein und ihnen helfen. Es war genug zu tun – nicht, weil das Geschäft so gut ging, sondern weil die Erzeugung von Biskotten so aufwendig war. Es gab nur eine Schlagmaschine, alles andere musste händisch gemacht werden. Drei Liter Eier aufschlagen, Mehl und Zucker sieben, Kessel, Dressiersack und alle Geräte reinigen. Die Formen mussten mit einer starken Bürste in der Schmierkiste geputzt werden, dann kamen sie in die nächste Kiste, in der ölgetränkte Schrotkörner waren. Dort wurden sie geschmiert, dann in der Mehlkiste gestaubt, abgeklopft und aufs Blech gelegt, wo der Vater dann stundenlang in gebückter Haltung dressieren musste.

Der Backofen wurde noch mit Koks geheizt und musste drei Stunden vorher auf die nötige Temperatur gebracht werden. Die dressierten Bleche mussten von der untersten in die oberen Röhren geschoben werden, je nach Hitzegrad. Schließlich kamen sie in die Trockenstellage. Ich musste dann die Ware einräumen, in Kartons mit vorgeschnittenem Einlagepapier, zu 150 oder 75 Stück.

Die Bestellungen waren oft nicht groß genug, um alle Tage den Ofen anzuheizen. Die Ware wurde per Straßenbahn ausgeliefert. Oft musste die Mutter wegen einem Karton bis Stadlau oder Floridsdorf fahren und wurde noch mit der Bezahlung aufs nächste Mal vertröstet.

Es gab auch bessere Zeiten, aber das war früher. Jetzt musste Mutter oft die Butter bei kleinen Greißlern einkaufen, weil wir so kleine Mengen nicht bei Großhändlern bekamen.

Als Kunde hatten wir immer schon eine kleine Konditorei, welche von drei älteren Damen geführt wurde. Diese hatten nie Bargeld, schrieben uns aber das Geld gut. Sie hatten im Waldviertel ein Zimmer, wo wir dafür im Sommer wohnen konnten, ohne zu zahlen. Das war auch der Grund, warum wir überhaupt vierzehn Tage Urlaub machen konnten.

Da waren wir drei Kinder und vier große Kartons mit Bettwäsche und Geschirr unterwegs ins Waldviertel, Ober-Plank 7. In Unter-Plank angekommen, musste Mutter immer zählen, ob Kinder und Schachteln vollzählig waren und nichts im Zug vergessen wurde.

Das Erste war gleich zum Greißler, um einen großen Laib Landbrot zu kaufen. Dann ging’s über die Brücke nach Ober-Plank. Ein großes rundes Holztor bildete den Eingang Nr. 7. Rechts war das kleine Haus der drei Damen, links befand sich ebenfalls ein Haus, welches der Besitzerin gehörte und auch vermietet war. Einst hatte das ganze Anwesen den drei Damen gehört, jetzt besaßen sie nur das eine Haus, wo wir unser Quartier hatten.

Links vom Eingang war unser Zimmer mit zwei Betten. Die Strohsäcke hatten seitlich einen Schlitz und waren mit Kukuruzblättern gefüllt; diese Füllung konnte man jeden Morgen nach dem Schlafen wieder aufschütteln.

In der Küche stand ein Herd, auf dem Mutter kochen konnte, natürlich nur Eintopf. Rechts anschließend befand sich das Zimmer der drei Damen. Im Hof war ein kleiner Stall mit einer Kuh, diversen Hühnern und rechts vor dem Stadel ein Schweinestall mit einem Schwein. Gleich dahinter, in der Scheune, war das Plumpsklo, wo oftmals, wenn wir es gerade benutzten, das Schwein zu sehen war.

Die Besitzerin, Frau Scheiflinger, hatte einen Mann, der in Unter-Plank als Müller beschäftigt war, außerdem drei Kinder, ein Mädchen und zwei Buben, die immer nur bloßfüßig, mit rotziger Nase und einem großen Schmalzbrot in meiner Erinnerung geblieben sind.

Zum Scheunentor hinaus war eine große Wiese mit Obstbäumen und gleich rechts ein schmales Wegerl direkt zum Kamp hinunter, wo wir jederzeit baden gehen konnten. Uns Kindern gefiel es dort ausnehmend gut. Es war alles, wie man es sich nur erträumen konnte – ein bescheidener, aber wunderschöner Urlaub.

Informationen zum Artikel:

Meine Zeit als Modistin und in der Biskuiterzeugung

Verfasst von Olga Postmann

Auf MSG publiziert im Oktober 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 15. Bezirk / Niederösterreich, Waldviertel, Plank im Kamptal
  • Zeit: 1920er Jahre, 1930er Jahre

Anmerkungen

Olga Postmann schrieb ihre Kindheitserinnerungen vor ungefähr zehn Jahren im Alter von 90 Jahren nieder. Mit der Veröffentlichung einiger Textausschnitte in unserem interaktiven Erinnerungsalbum gratulieren wir der Autorin herzlich zum 100. Geburtstag am 25. Oktober 2012!

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