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Skubanki, Beitrag 1 von 1

Die Sommerergasse

von Richard Des Balmes

Wenn man im Freundeskreis oder auch öfters im Gespräch mit wildfremden Menschen an seine Kindheit erinnert wird, scheint es manches Mal so, als öffne sich ein Bilderbuch, ein Fenster in die Vergangenheit, dem Momentaufnahmen, Eindrücke, Gerüche, Geschmäcker oder Geräusche wie der Duft einer Kaffeetasse entsteigen.

Als ich Kind war in der Sommerergasse in Ober St. Veit in Wien, gab es öfter Tante Annis Skubanki. Diese böhmische Arme-Leute-Mehlspeise hinterließ in der Nachkriegszeit bei uns Kindern – vor allem bei mir – einen unvergesslichen Eindruck, obwohl sie „nur“ aus Erdäpfeln und Mehl bestand. Sicher, man brauchte auch etwas Schmalz zum Herausbacken und zum Drüberstreuen Mohnzucker oder Zuckerbrösel. Nun, die Zeiten wurden besser und es gab das Arme-Leute-Essen, die Skubanki, nicht mehr, aber damit verbunden sind eben die Geschichten von damals.

Bleistiftzeichnung: Außenansicht des Hauses Sommerergasse 8, im Vordergrund ist ein hölzerner Zaun zu sehen, zwischen Haus und Zaun ist eine Straße
Sommerergasse 8, Wien 13

Die Sommerergasse, das war das gut 250 Jahre alte Haus mit den unwahrscheinlich dicken Mauern, dem abblattelnden Fassadenverputz und dem Holzbohlenboden im Eingang mit den hervorstehenden Astknubbeln und den Nägeln; das war der Geruch, der einem entgegenschlug, wenn man das Eingangstor öffnete, das riesengroß und grün war und entsetzlich quietschte, wenn man es aufmachte; das war der Geruch nach Essen und nach Wohnen, nach Leben und nach was weiß ich noch allem; das war der Hof mit Senkgrube, Bassena und Gemüsegarten, mit den Schupfen, in denen alles Mögliche und auch Unmögliche aufgehoben wurde – man wusste ja nicht, wofür man die Dinge einmal brauchen konnte –, und die für uns Kinder reine Schatzkästen waren. Das war auch der fürchterlich schwarze, kalte, tiefe, nasse und so geheimnisvolle Keller mit seinen teils aus dem Felsen gehauenen Stufen, die weit in die Erde hinunterführten, wo ständig das Wasser von der aus glitschigen Ziegeln bestehenden Decke und von den Wänden tröpfelte. Das war die Pawlatsche im Hof, von der man so gut runterspucken konnte, um sich dann schnell zu verstecken, der geheimnisvolle warme Dachboden, voll mit altem ausrangierten Gerümpel, der nur so zum Herumstöbern einlud. Das alles war einmal, aber noch lebt es weiter in meiner und vielleicht auch noch in der Erinnerung anderer ehemaliger Haus- und Gassenbewohner.

Das am weitesten Zurückliegende, an das ich mich erinnern kann, ist eine dicke Pelzhaube links und rechts mit flatternden Ohrwascheln zum Festbinden und der dazugehörige Sirenenlärm, wenn Fliegeralarm war. „Angsthaube“ sagten die Erwachsenen dazu. Ich glaube, man schrieb das Jahr 1945 und Wien wurde im März von schweren Luftangriffen heimgesucht. Reichsstatthalter Schirach verhängte über Wien das Standrecht und erklärte bald darauf die Stadt zum Verteidigungsbereich. Die Truppen der Roten Armee näherten sich Wien und die Schlacht um die Stadt begann. Bei einem Großbrand in der Inneren Stadt fing der Stephansturm Feuer. Das ungefähr war mein Wien um diese Zeit. Aber von alldem wusste ich nichts. In meinen Gedanken haben sich nur Dinge aus der näheren und ganz nahen Umgebung eingegraben. Für das Interesse um die Begebenheiten draußen und in der weiten Welt mussten noch sehr viele Jahre vergehen.  

Bleistiftzeichnung: Eingang zum Keller mit der Kellerstiege und dem Kellergewölbe
Keller 1944

Da war der tiefe, schwarze Keller mit seinen steilen, lehmigen, glitschigen, fast lebensgefährlichen Stufen; den Holzverschlägen, in denen um diese Zeit Matratzen und Decken lagen; dem rohen Felsgemäuer, der stickigen, abgestandenen Luft vom Kerzen- und Fackellicht, das einen schwarzen Rauch erzeugte, der fast nicht abziehen konnte. Es bedeutete, nicht schreien zu dürfen und still zu halten, still in den Gängen oder in den Verschlägen zu kauern und zu warten, zu warten und dann Gott sei Dank einzuschlafen. Einzuschlafen und nicht mehr die Sirenen zu hören, nicht das Gewinsel und Gebrumme der Fliegermotoren zu vernehmen und vor allem nicht die Einschläge der Bomben mitzubekommen. Aufzuwachen, aufzuwachen, wenn alles schon vorbei war, die Wärme und Geborgenheit des dich haltenden Menschen zu spüren, Licht zu sehen, in Sicherheit zu sein. In Sicherheit bis zum nächsten Mal, wenn es wieder, nachdem man alles liegen und stehen gelassen hatte, fluchtartig in das dunkle schwarze Maul hinein und hinab ging. Aber für ein Kind in dem Alter gab es nur das „Jetzt“, und eben war „Jetzt“, und im Moment war Geborgenheit angesagt.

Zurückblickend waren da noch die Kinder, mit denen man im Hof spielte. Die zwei Cousinen, eine älter, eine jünger, der Hausmeisterbub und noch einige andere. In dem Alter war der Hof unser Paradies. Später verlagerte sich der Spieldrang auf die Gasse und noch später auf die Straßen der näheren und weiteren Umgebung. In diesem Hof gab es unwahrscheinlich viel Erde, die bewegt werden musste, und wir waren den ganzen Tag über damit beschäftigt. Im Sommer hatten wir nicht viel oder gar nichts an, mit Bekleidung ging man damals sehr sparsam um. Man kann sich vorstellen, in welchem Zustand die Mütter ihre Sprösslinge abends einsammelten. Nach meiner Erinnerung gab es damals warme Sommer und die viele Erde, in die wir uns hineinwühlten, und dann war da noch die Bassena, wo wir uns kübelweise Wasser holten, um einen richtig schönen, weichen, sämigen, warmen Gatsch zu erzeugen, der sich zu allem Möglichen gebrauchen ließ. Diese Momente blieben auch in meinem Gedächtnis haften. Abends wurden wir in die Waschküche verfrachtet, dort standen schon die Waschtröge mit warmem Wasser gefüllt und warteten auf uns Nackedeis. In den zwei gemauerten Öfen dampfte in großen Kesseln noch genug Wasser für das große Spritzen, das nun unter Lachen, Gekreische und Gekicher einsetzte und für uns acht Kinder das Baden zum Vergnügen machte. Der Hof, welcher an einen wunderschönen, gepflegten Villengarten grenzte – später, als ich größer war, immer eine Versuchung ihn zu erforschen –, bildete die ersten Jahre eigentlich den Mittelpunkt in meinem Leben, ob es stürmte, schneite, regnete oder die Sonne schien. Entlang des Hauses lief im ersten Stock ein Balkon, Pawlatsche sagt man in Wien, von dem einige Eingänge in die Wohnungen im ersten Stock abgingen. Eben unter dieser Pawlatsche spielten wir bei Schlechtwetter.

Bleistiftzeichnung: Außenansicht des Hauses Sommerergasse 8, im Vordergrund ist ein hölzerner Zaun zu sehen, zwischen Haus und Zaun ist eine Straße
Ein Parkplatz, dahinter eine halb hohe Mauer und die Rückseite eines Hauses; die Mauer ist zum Teil bewachsen
Der Platz, den dem das Haus Sommerergasse 8 stand

Die Sommerergasse – ungepflastert und staubig, mit Unkraut überwuchert, im Frühjahr voll mit Veilchen und Primeln und Löwenzahn am Gassenrand, Palmkatzerln, Forsythien und Steinbrech entlang der Zäune und Planken, staubig im Sommer, gatschig im Herbst und ein Traum für uns Kinder im Winter. Ein Stück bergauf und im oberen Teil eher ein schmaler Weg, warm und sonnig, mit einem Geruch nach Erde und den frisch gestrichenen Holzplanken links und rechts, so habe ich sie in Erinnerung. Irgendwann, so um 1975 packte mich das Heimweh, und ich fuhr zum Ort meiner Kindheit. Mein Haus, Sommerergasse 8, stand noch, aber rundherum hatte sich alles schon verändert. Als ich dann einige Zeit später noch einmal vorbeischaute, stand auch das Haus, in dem ich meine Kindheit verbracht hatte, nicht mehr.

Informationen zum Artikel:

Die Sommerergasse

Verfasst von Richard Des Balmes

Auf MSG publiziert im Dezember 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe, Orte der Kindheit, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 13. Bezirk, Sommerergasse 8
  • Zeit: 1940er Jahre

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