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Fräulein, Beitrag 1 von 1

Die Zeit der Fräuleins

von Fritz Pany

Heute darf man eine 17 Jahre alte Alleinstehende nicht mehr Fräulein nennen. Früher gab es viele alte Damen, welche sich so nennen ließen.

Am Hauptplatz 12 lebte noch während meiner Mittelschulzeit ein ältliches „Fräulein“, Mademoiselle Mayerhofer. Sie war eine Freundin meiner Großmutter, sprach fließend Englisch und Französisch und war in ihrer Jugend Erzieherin bei Adeligen in England und Frankreich gewesen. Immer, wenn meine Mutter gebacken hatte, schickte sie mich mit einem Stück Kuchen oder einigen Buchteln zur verarmten, extrem bescheidenen Dame. Diese erzählte interessant von früher und bot sich an, mich in Englisch und Latein zu prüfen, was meine Mutter gerne zur Kenntnis nahm. Eines Tages schenkte sie mir ihre „Heiligtümer“, zwei Bücher in Latein und Englisch und alte englische Ansichtskarten – zuerst wollte ich sie nicht annehmen, aber sie drängte mich dazu.

Sie schrieb auch die englische Doktorarbeit für einen Herrn T., welcher später, nicht in Amstetten, Englisch an einer Mittelschule unterrichtete.

Für ihre Nachhilfestunden in Englisch und Französisch verlangte sie viel zu wenig. Als sie älter wurde, kamen immer spärlicher Schüler. Wenn ich sie besuchte, traf ich nie jemand an. In ihrem Zimmer war ein eigenartiger Geruch zu bemerken, sie war keine besondere Hausfrau. Einmal erzählte sie meiner Mutter, wenn sie etwas Besonderes essen wollte, gab sie auf ein schwarzes Brot Kristallzucker.

Im wahrsten Sinn des Wortes vom Mund sparte Mademoiselle sich die Kosten für das Grab ihrer Eltern am alten Friedhof von Amstetten, in welches sie ebenfalls kommen sollte, ab. Stolz sagte sie, sie habe es auf ewige Zeiten ausbezahlt. Jahre später stand ich bei Friedhofsbesuchen auch immer an ihrem Grab. Doch dann, eines Tages, war ihr Grab verschwunden. Was da passiert war, weiß ich nicht – ich hatte auch keinerlei Beweismaterial, um der Sache nachzugehen, ob sie sich geirrt hatte.

Im Himmel, wo sie sicher einen herausragenden Platz gefunden hat, wird sie das ganz sicher nicht stören. (…)

In Zusammenhang mit Erziehungsregeln aus lang zurückliegenden Zeiten wie: „Kinder soll man sehen, aber nicht hören!“, „Du darfst dir bei der Tante nur zwei Stück Keks nehmen, dann mußt du ‚Nein, danke’ sagen!“, „Red nicht, der Lehrer hat immer recht...“, fällt mir die Familie Drtina ein.

Fräulein Luise Drtina war meine Klavierlehrerin. Sie war eines der damals noch vorhandenen immerwährenden Fräuleins, auf altertümliche Weise gekleidet und etwas abgehoben. Obwohl ich wenig übte, machte ich doch gewisse Fortschritte, wenngleich die Cerny–Etüden, Sonatinen, Sonaten und die Schule der Geläufigkeit stinklangweilig waren – das ganze Programm war jahrzehntealt. Schon meine Mutter hatte bei ihr auf diese Art und Weise das Klavierspielen gelernt, ebenso wie ihre älteren Geschwister Juli und Peppi. Ihr Flügel, mit einer Schutzdecke versehen, stand in einem Zimmer mit alten Porträts an den Wänden und Gipsbüsten von berühmten Musikern.

Die Luft war so abgestanden, daß sie noch aus der Kaiserzeit zu stammen schien. Wenn es um das Fingerrunden ging, kannte Fräulein Luise kein Pardon. Auf jede Hand wurde fallweise ein Geldstück gelegt und durfte während des Spieles nicht hinunterfallen. Manchmal wurde auch ein langes Lineal über beide Hände gelegt und mußte ebenfalls beim Spiel liegenbleiben.

Ganz selten war das Fräulein unpäßlich, dann wurde sie von ihrer Schwester, Frau Aigner, deren Flügel in einem anderen, ebenfalls altertümlichen Zimmer stand, vertreten. Diese, die Güte in Person, war kurz und unglücklich verheiratet gewesen und erzählte gerne, extrem harmlos, von romantischer Liebe. Wenn man voll Anteilnahme das Gespräch mit kurzen zustimmenden Äußerungen vor dem Erliegen bewahrte und dann gar noch Frau Aigner zum Vorspielen brachte, war die Klavierstunde schon gelaufen.

Einmal im Jahr gab es im Ginnersaal ein „Konzert“ sowohl der Drtina- wie auch der zahlenmäßig geringeren Aignerschüler. Der Dunkl-Karl war, zusammen mit den Racz-Schwestern, einer der „Stars“.

Der ältere Bruder der Klavierlehrerinnen war zuletzt Organist in Steyr gewesen. Er komponierte und widmete eines seiner Werke, als es bei uns schon lange keinen Kaiser mehr gab, dem äthiopischen Kaiser. Er bekam von diesem ein Dankschreiben – wahrscheinlich hatte er sich mehr an Ehrung erwartet, wie Mutter meinte.

Ich spielte unter anderem von ihm das Salonstück „An der grünen Ybbs“. Da der große Erfolg ausblieb, komponierte er zuletzt unter dem Künstlernamen „Fred Donar“. Seine Werke waren nicht ganz einfach und recht gefällig – doch gibt es außer mir noch jemand in Amstetten, der sie  gelegentlich spielt?

Auch Fräulein Punzengruber war eine bekannte Klavierlehrerin der Stadt. Ich kannte sie nur in ihrem unabsichtlich offenherzigen Schwimmanzug aus dem alten Amstettner Schwimmbad.

Informationen zum Artikel:

Die Zeit der Fräuleins

Verfasst von Fritz Pany

Auf MSG publiziert im November 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Mostviertel, Amstetten
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag gibt einen Ausschnitt aus dem umfangreicheren episodischen Manuskript "Aufgeschnapptes aus Amstetten (k.u.k Zeit und ihre Nachwirkungen)" von Fritz Pany wieder.

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