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Eisstoß, Beitrag 1 von 1

Es war einmal...

von Ella Gams

Zwei Kinder und ein Mann stehen an der Donau, die Eisbrocken mit sich führt. Links die überdeckte Reichsbrücke.
Der Eisstoß in Wien bei der Reichsbrücke, 10.2.1929 (Erinnerungsskizze)

In den zwanziger und dreißiger Jahren gab es noch „richtige“ Winter mit viel Schnee zur „richtigen“ Zeit – schon zu Nikolo war es weiß! Ein besonders strenger Winter war 1928/29. Da gab es den Eisstoß auf der Donau. Am 10.2.1929 fuhr mein Vater mit uns zur Reichsbrücke, um den Eisstoß anzusehen. Die Donau war "ohne Wasser" - nur von unendlich vielen Eisschollen bedeckt. Das war für meinen Bruder und mich ein großes Erlebnis, besonders weil die Eisbrocken auch "tanzten" und großen Krach machten. Imposant!

Beim Heimfahren gab es noch einen kleinen „Schrecken“: Ich stand, wie es Kinder gerne tun, vorne beim Fahrer. Unser Zug stand gerade, da kam uns eine Straßenbahn entgegen und fuhr direkt auf uns zu! Doch welch Glück, knapp vor uns schwenkte sie seitlich ab auf ein zweites Gleis. Ich fuhr das erste Mal auf einer eingleisigen Strecke mit Ausweichstellen und kannte daher dieses Manöver noch nicht!

Erinnern kann ich mich auch noch an ein weiteres Erlebnis in diesem Winter. Ich hatte fast einen Kilometer durch die Kobenzlgasse zum 38er zu gehen. Meist hatten ja die Wachleute die säumigen Hausbesorger schon früh herausgeläutet, um den Gehsteig zu putzen. Aber einmal, als es besonders arg schneite, war dies noch nicht geschehen, und plötzlich stand ich vor einer hohen Schneeverwehung quer über die Gehsteige und die ganze Straße. Umkehren und nach Hause gehen? – Nein! Ich kämpfte mich durch den tiefen Schnee, der mir bis zur Brust reichte, denn ich war ja noch klein! So kam ich wohl nass, aber stolz, in die Schule, wo ich bald wieder trocken wurde.

Ein Mann steht auf einer Leiter und zündet eine Straßenlaterne an
Der Gaslaternen-Anzünder Bogner, Grinzing in den 30er Jahren (Erinnerungsskizze)

Ich bin in Grinzing aufgewachsen. Zu meiner Kinderzeit war es noch ein romantisches „Dorf“. Abends ging täglich unser Laternanzünder (Bogner war sein Name) von Laterne zu Laterne, legte eine Leiter an, stieg hinauf und entzündete das schummrige Gaslicht. Besonders stimmungsvoll war das natürlich im Winter, wenn es im Tanz der Schneeflocken ein märchenhaftes Bild abgab! Es war einmal...

Ein sitzender Kesselflicker bei der Arbeit. Neben ihm ein Werkzeugkasten, Töpfe und Pfannen
Der (böhmische) Rastelbinder, Grinzing, 1920er/30er Jahre (Erinnerungsskizze)

In den 20er und 30er Jahren kam immer wieder ein "Rastelbinder" zu uns. Der Sprache nach kam er wohl aus Böhmen, und es wartete bestimmt ein Reindl oder eine Pfanne mit Loch auf ihn - damit er es wieder flickte! Er flickte gut, es war dann alles dicht und wieder in Ordnung. Und weil er immer zur Mittagszeit erschien, konnte er auch gestärkt weiterziehen.

Drei Mädchen holen mit Eimern und einem Leiterwagen Wasser bei einer Quelle
Wasserholen auf der Krapfenwaldl-Wiese, Mai 1945 (Erinnerungsskizze)

Auch gab es ein paar Wochen lang kein Wasser! Da hieß es mit dem Leiterwagerl mit Häfen und Kübel entweder hinunter nach Grinzing fahren – da gab es einen Brunnen, aber auch viele Leute, die ebenfalls Wasser wollten –, oder hinauf zur Krapfenwaldl-Wiese gehen. Dort rann ein dünnes Rinnsal aus einem kleinen Rohr, und es dauerte lange, bis man zehn Liter „gefasst“ hatte! Daheim hieß es natürlich: „Wasser sparen!“

Ich kann mich noch gut erinnern, als ich aus einem „offenen“ Wasserhahn in der Wohnung plötzlich Wasser rinnen hörte. „Das Wasser ist da!“, rief ich jubelnd. Aber die Freude wurde bald getrübt, das Wasser war verschmutzt, was jedoch nicht sichtbar war, und wir bekamen alle die Ruhr – scheußlich! Es gab keine Medikamente – was tun? Irgendjemand, wer weiß ich nicht mehr, gab uns einen guten Rat: „Man nehme Rosskastanien, reibe und esse sie!“ Das schmeckte scheußlich, aber es half! Alle wurden wir kuriert. Es war zum Glück gerade „Kastanien-Zeit“.

Zwei Frauen mit Rucksäcken und Taschen voll mit Leinen
Die schlesischen Leinen-Frauen, 30er Jahre (Erinnerungsskizze)

In den 30er Jahren kamen von Zeit zu Zeit die Frauen aus Schlesien schwer beladen mit Rucksack und Taschen und boten handgewebtes Leinen an. Es war preiswert und von guter Qualität, so dass meine Mutter ihnen immer etwas abkaufte, schon als Heirats-Aussteuer für meine Schwester und mich gedacht. Die Qualität war so gut, dass noch heute Reste verwendbar sind, obwohl alles viel gebraucht wurde!

Eine Frau mit Kopftuch beladen mit Taschen und Körben voll Flaschen, im Hintergrund ein Baum
Die Burgenländer Saft-Frau, 60er Jahre (Erinnerungsskizze)

In den 60er Jahren kam öfters eine Frau aus dem Burgenland und brachte viele Flaschen voll Saft mit - alles selbstgemacht! Am liebsten kaufte ich ihr den Spitzwegerich-Saft ab, den ich sonst noch nirgends gesehen hatte und der uns besonders gut schmeckte.

Informationen zum Artikel:

Es war einmal...

Verfasst von Ella Gams

Auf MSG publiziert im November 2009

In: Lebensgeschichtliche Fotorevue, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1920 bis 1970

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