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Krodnfeitl, Beitrag 1 von 1
Meine Taschenmesser
von Adolf Katzenbeisser
Als Kind hat man so seine Wünsche. Ein Taschenmesser und ein so genannter "Stecher", eine dicke Stabtaschenlampe, standen an oberster Stelle. Mit der Lampe wurde es so schnell nichts, Batterien waren auch nicht billig. Erst mit dreizehn reichte es für einen Stecher, den ich mir mit dem Verkauf von gesammelten Pilzen verdiente.
Das erste Taschenmesser bekam ich mit sechs Jahren, meine Mutter kaufte es mir nach langem Betteln auf dem Jakobimarkt in Litschau im Waldviertel. Es war nur zirka sieben Zentimeter lang, der wie Perlmutt schillernde Griff hatte Fischform mit angedeuteten Flossen, Schuppen und Augen. Ich sehe es noch heute ganz genau vor meinen Augen. Alle anderen Dinge hatten momentan für mich an Bedeutung verloren. Das Messer hatte am Griffende ein Ringerl, und so konnte ich es an einer Schnur tragen, die am Hosenträger befestigt war. Es war sehr filigran, die Schneide war nicht scharf – zum Glück, sonst hätte ich mich noch öfter und tiefer in die Finger geschnitten. Es taugte gerade zum Federnschleißen, das ein- oder zweimal im Winter in unserer Stube abends stattfand, wo ich länger aufbleiben durfte. Zum Abtrennen des Flaums vom Kiel eignete sich gut so ein kleines Messer. Irgendwann ging das Fischerlmesser verloren.
Mit zehn bekam ich eine neue, halblange Lederhose. Seitlich hatte sie ein angenähtes Tascherl. Und da gehörte selbstverständlich ein Messer mit steifer Klinge rein, wie es andere Buben schon längst hatten. Mit Ersparnissen kaufte ich mir beim nächsten Jahrmarkt einen kleinen Hirschfänger. „Garantiert rostfrei“ war in die Klinge eingraviert. Der Griff war Teil eines Rehkrickerls. Ein braunes Lederetui mit Edelweißaufdruck war dabei, aber das brauchte ich nicht. Die Klinge glänzte, aber sie war alles andere als scharf. Hinter dem Haus unterm Dachvorsprung stand ein primitiver Schleifbock mit einem Sandstein. Das Holzgestell hatte eine Vertiefung, die mit Wasser gefüllt wurde, wo der Stein lief. Auf diesem schliff ich das Messer nach, während mein kleiner Bruder an der Kurbel drehte.
Als ich mir in einer Schulpause ein Stück von einem Apfel abschnitt und dieses ohne Beach-tung der Hygiene mit der Klinge zum Mund führte, kam der Lehrer ins Klassenzimmer und nahm mir den Hirschfänger ab. Nicht zusammenklappbare Messer waren in der Schule strengstens verboten. Am Ende der Stunde bekam ich es wieder zurück. Aber als ich mich im Schulhof beim Messerwerfen auf eine Holzplanke beteiligte, war ich das Messer für immer los.
Das nächste Messer war ein billiger Taschenfeitel. Ich entdeckte ihn in der Auslage eines Gemischtwarenladens. Auf einem Karton waren untereinander mehrere Stücke mit Fäden befestigt. Jeder Feitel hatte einen andersfarbigen Griff, ich entschied mich für einen braunen.
Das Wort Feitel kommt von falten – ein Messer das sich falten, einklappen lässt. Wir sagten damals „Krodnfeitl“. Er war nicht rostfrei, hatte aber eine ausgezeichnete Schneide. Zum Schnitzen von Stecken, Pfeiferln, Pfeil und Bogen, Steinschleudern und sonstigen Basteleien war er bestens geeignet, beim Schwammerlsuchen war er immer dabei. Das Einschneiden von Monogrammen in die Rinde von Bäumen bereitet mir noch heute Gewissensbisse. Die im Bach selbst gefangenen Weißfische und Barsche mussten ausgenommen werden, bevor ich sie zum Braten heimbrachte. Man konnte mit dem Feitel sogar eine Konservendose aufschneiden, ohne dass sich die Klinge verbog oder eine Scharte bekam. Ohne Messer ging’s nicht mehr, außer dem Feitel hatte ich immer ein Trillerpfeiferl und einen Stummel Zimmermannsblei in den Taschen.
2003 besuchte ich die Heimat des Taschenfeitels, den Ort Trattenbach bei Ternberg in der Nähe von Steyr. Neben Enns-Fluss, Eisenbahn und Straße weist das Modell eines zwölf Meter großen Feitels, mit dem man ins Buch der Rekorde kam, den Weg in den idyllischen Ort, ein Museumsdorf mit zahlreichen Wehren, Fluderläufen, Wasserrädern und Hämmern. Der enge, steil ansteigende Graben wird „Tal der Feitelmacher“ genannt.
Das Energie speisende Wasser des Baches war der Grund, warum sich dort vor über zweihundert Jahren ein Mann namens Bartl Löschenkohl ansiedelte und mit der Herstellung einfacher Messer begann. Seine vielen Söhne setzten das Handwerk fort, noch heute dominiert in dem Vierhundert-Einwohner-Ort der Name Löschenkohl.
Trattenbach hat die Blütezeit längst hinter sich. Einst waren es achtzehn Betriebe, die ausschließlich Feitel herstellten. Hauptabnehmer waren afrikanische Länder. Den Todesstoß bekamen die Trattenbacher von den Chinesen, die den Feitel nachbauten und billiger anbieten konnten.
Vier Familien stellen das einfache Messer neben anderen Schneidwerkzeugen heute noch her, wobei ein Betrieb achthundert Stück pro Tag schafft. Jeder Betrieb kennzeichnet seine Erzeugnisse mit einer Prägung an der Klinge, meist ein Buchstabe. Viel hat sich bei der Produktion nicht geändert, es wird noch immer die Wasserkraft ausgenutzt. Jedes Familienmitglied hat sein Aufgabengebiet: Schmieden und härten der Klinge, schleifen, drechseln und schlitzen des Griffes und nieten. Die 84jährige Gisela Löschenkohl war Nieterin. Die greise Frau erzählte, dass sie seit ihrem 16. Lebensjahr in 50 Arbeitsjahren rund zwölf Millionen Feitel zusammengenietet hat.
Auch heute trage ich stets zumindest ein kleines Messer bei mir, und bei Ausflügen habe ich ein Schweizer Armeetaschenmesser mit mehreren Funktionen im Rucksack. Vor Jahren überlegte ich einmal, Taschenmesser zu sammeln. Zum Glück blieb es nur bei der Idee, bei meiner Sammelwut wären sicher Hunderte zusammengekommen.
Vor ein paar Jahren gab es im Volkskundemuseum in der Laudongasse eine Sonderausstellung über Taschenmesser aus aller Welt. Und da entdeckte ich auch wieder ein Fischerlmesser, wie ich es einst, vor fast 60 Jahren hatte.
Meine Taschenmesser
Verfasst von Adolf Katzenbeisser
Auf MSG publiziert im August 2009
In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit
- Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
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- Ort: Niederösterreich, Waldviertel, Litschau, Hörmanns / Oberösterreich, Steyr-Kirchdorf, Trattenbach bei Ternberg
- Zeit: 1947 bis 2009
Anmerkungen
Vorgetragen am 9.6.2005 in der Schreibrunde "Schreiben macht Freu(n)de" im Café Schottenring, Wien 1.
Copyright
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