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Das Freidenkerkind lernt Jesus kennen

von Erika Thiel

Für meine Großmutter, die Mutter meines Vaters, eine richtig gottesfürchtige Frau, muß es eine arge Enttäuschung, fast eine kleine Katastrophe, gewesen sein, als zu dieser Zeit (1922) meine Eltern nur standesamtlich heirateten. Standesamt? Eine Trauung hatte in der Kirche stattzufinden, und da dies nicht der Fall war, konnte es schon ein Grund dafür gewesen sein, daß sich Schwiegermutter und -tochter nicht richtig mochten, denn meine Mutter stammte aus einer Freidenkerfamilie.

Auch meine Geburt (1925) dürfte an diesem Zustand nichts geändert haben. Wohl war ich das Kind ihres Sohnes, hatte aber den Mangel, nicht römisch-katholisch getauft zu sein, und oft spürte ich, als Enkelkind nicht richtig angenommen zu sein. Der Umgang mit den anderen sechs Enkelkindern war ein anderer, vertrauterer als mit mir; ich konnte es nicht ausdrücken, hatte aber immer das Gefühl „daneben zu stehen“. Nie hat sie mich persönlich angesprochen und nur zu meinem Vater gesagt: „Sag ihr, sie soll - sag ihr, sie soll das nicht - mach ihr, tu ihr usw.

In ihrer Wohnung war es mir unheimlich; auch wir hatten keine schöne Wohnung, aber meine Mutter versuchte, so viel Licht als nur möglich in unsere vier Wände zu bringen. Wir hatten helle Vorhänge, ein buntes Tischtuch, es war einfach freundlich. Bei Großmutter war alles dunkel, die Fenster verhüllt, die Malerei düster; sie selbst eine kleine Frau, ganz in grau. Mein Großvater starb, als ich vier Jahre alt war, ihn habe ich nur einmal gesehen, als er sehr krank im Bett lag.

Das einzig Helle in ihrem Zimmer war ein kleiner Hausaltar, der auf einem praktischen Schubladenkasten stand. In diesem Möbelstück waren fünf große Laden, in denen alle Wäsche, Hauswäsche, Hemdkragen, Hosenträger und vielerlei Krimskrams Platz hatten – eine komplette Ordnung –, was mir sehr imponierte. Und auf diesem Möbelstück stand der Gegenstand meines Interesses.

Ein großer Glaskasten mit wunderschönen Kerzen, mit verschiedenen Figuren auf kleinen gehäkelten Deckerln, Kreuze aus unterschiedlichen Materialien und in allen Größen, und absolut im Mittelpunkt stand eine große Figur mit einem wunderschönen, milden Gesichtsausdruck durch deren Hemd ein rotes Herz leuchtete und strahlte.

Ich Fünfjährige war überwältigt von diesem Anblick und flüsterte nur leise: „Papa, wer ist denn das?“ Mein abtrünniger Vater antwortete: „Das ist der Jesus, der erste Sozialdemokrat.“ Hatte er schon früher nachgedacht, wie er mir die Existenz von Jesus nahebringen könnte, sollte ich einmal danach fragen? Er gab mir diese Antwort nämlich binnen Sekunden.

Meine Großmutter sagte gar nichts dazu. Ich hatte erwartet, daß sie nun vielleicht erklären würde, wen die anderen Figuren, die ich für Verwandte von Jesus hielt, darstellen, doch ich hatte mich getäuscht, und selbst zu fragen, habe ich mich nicht getraut. Vielleicht hat sie sich auch nicht getraut, mir Gedanken mitzugeben, die meiner Mutter nicht gefallen könnten.

Bis heute frage ich mich, warum unsere Situation so total verfahren war: Meine Großmutter eine gute Katholikin, meine Mutter eine glühende Verehrerin der Freidenker, das passt eben nicht zusammen. Kinder haben ein feines Gefühl; obwohl erst fünf Jahre alt, spürte ich diesen Zwist und dachte mir, sie müssten miteinander reden. Später als Erwachsene fragte ich einmal meinen Vater, warum meine Großmutter mich nicht mochte. Er sagte nur: „Erika, sag das nicht, sie ist eine herzensgute Frau.“

Geschrieben im Juli 2009

Informationen zum Artikel:

Das Freidenkerkind lernt Jesus kennen

Verfasst von Erika Thiel

Auf MSG publiziert im Oktober 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1920er Jahre, 1930er Jahre

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