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Fliegenpicker, Beitrag 1 von 1

Fliegenpicker

von Riki Ludvicek

Es war in der Zeit der russischen Besatzung. Ich war damals fünf Jahre alt, meine Mutter und ich wohnten im 14. Bezirk in der Einwanggasse. Mein Vater war in russischer Gefangenschaft.

Ich bekam damals nur die Überlebensängste und Aggressionen der Erwachsenen mit, aber dass es mit den schmuddeligen Soldaten in unserer Umgebung zu tun hatte, wusste ich. Dieses Gefühl der Unfreiheit und Unterdrückung spürte ich.

Um meinen unguten Gefühlen Platz zu machen, half ich mir, indem ich jedes Mal, wenn ein russischer Soldat in meine Nähe kam, halblaut oder leise vor mich hinmurmelte: "Fliegenpicker!" Das war für mich Ausdruck höchster Verachtung und verschaffte mir gleichzeitig Erleichterung. Das Wort war Bezeichnung für die schmutzig, dreckigen, grünlichen Uniformen und die unverständliche, laute Sprache, die in mir Angst auslöste.

Informationen zum Artikel:

Fliegenpicker

Verfasst von Riki Ludvicek

Auf MSG publiziert im August 2009

In: Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 14. Bezirk
  • Zeit: 1940er Jahre

Anmerkungen

Es ist eine sehr deutliche Erinnerung, die mich aber mit Zufriedenheit erfüllt, weil ich mich als kleines Kind getraut habe, Protest von mir zu geben, wenn auch nur leise.

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