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Spiegel, Beitrag 1 von 1

Unser Wirtshaus

von Franz Podest

Meine Eltern übernahmen unser Wirtshaus Mitte der 30er Jahre mangels anderer Verdienstmöglichkeit und führten das Lokal bis zu ihrer Pensionierung im Jahre 1969. Ich war ausersehen, einmal die Nachfolge anzutreten und erlernte deshalb den Kellnerberuf, den ich von 1953 bis 1957 auch darin ausübte.

Unser Gasthaus befand sich im 18. Bezirk, Ecke Canongasse und Schopenhauerstraße, gegenüber dem noch heute existierenden „Café Schopenhauer“. Das Haus, zweistöckig, stammte noch aus Zeiten vor der Gründerzeit. Ich empfand das Gebäude schon damals als völlig veraltet, und heute ist es durch einen Neubau ersetzt. Das Gasthaus führte den Namen „Zum Alten Weichselgarten“, denn ein solcher hatte sich vor der Gründerzeit nebenan befunden. Durch die Canongasse betrieb einst die „WT“ (Wiener Tramwaygesellschaft) ab dem Jahre 1883 sogar eine Pferdetramwaylinie, nämlich Währingerstraße – Schulgasse – Canongasse – Staudgasse – Kreuzgasse.

Der Eingang zur Gastwirtschaft, vor der Tür stehen drei Frauen mit Arbeitsschürzen und ein Mann mit einem weißen, langen Schurz.
Franz Podests Eltern (rechts) vor ihrer Gastwirtschaft in Wien-Währing, Schopenhauerstraße 12 (um 1950)

Das Gasthaus selbst bestand aus einem hellen, freundlichen Gastzimmer mit Bretterboden, einem „feinen“, etwas dunklen Extrazimmer mit Parkettboden und einer großen Küche. Die sanitären Anlagen waren nach heutigem Standard eine Katastrophe. Um das einzige Klosett zu erreichen, mussten unsere Gäste durch die Küche marschieren; es gab nur dieses eine Klo, für Männlein und Weiblein, keine Waschgelegenheit. Als WC-Papier wurde geschnittenes Zeitungspapier verwendet. Im Dritten Reich war es wohl der „Völkische Beobachter“ gewesen, dessen Nachfolge dann das „Neue Österreich“ antrat. Zusätzlich gab es auch ein Herrenpissoir mit entsprechender Duftnote.

Im Keller befand sich die Waschküche, auf deren Lehmboden sich Kartoffel gut und lange lagern ließen. Ausgesprochen positiv für unser Gasthaus war ein recht geräumiger Weinkeller mit gut 20 Eichenfässern, leider ist mir die Lagerkapazität nicht bekannt. Vaters Weinbauern befanden sich im Weinviertel und Burgenland, es wurde „per Fass“ Wein oder Süßmost gekauft, letzterer in unserem Keller vergoren und nach Erlangen der Flaschenreife in Doppelliterflaschen abgefüllt. Dabei war es äußerst hilfreich, dass sich in der nahe gelegenen Michaelerstraße ein Fachinstitut befand. Unser Wein soll damals recht gut gewesen sein, würde aber heutigen Qualitätsansprüchen sicherlich nicht gerecht werden.

Wie bereits erwähnt, war das Gastzimmer hell und freundlich mit Holztäfelungen, ungepolsterten Holzbänken und Kieferholztischen, normalerweise ohne Tischtücher, darauf Salzfasserln. Die Salzentnahme erfolgte mittels Daumen und Zeigefinger, die kleinen Salzbecken mussten von mir öfters glatt gestrichen werden. Pfeffer gab es keinen, da zu teuer, Essig und Maggi auf Wunsch. Die hohen, einfachen Fenster waren zugig, dafür gab es dicke, weinrote Kotzen (Decken) im Winter. Der Bretterholzboden wurde fallweise mit Bürste ausgerieben und geölt. Geheizt wurde mittels Koksdauerbrandofen, im Extrazimmer gleichfalls. Dieses „feine“ Zimmer hatte Tische mit Tischtüchern, dunkle Täfelung und sogar ein Klavier. Es wurde von jenen Gästen benutzt, die sich „feiner“ als der „Pöbel“ des Gastzimmers dünkten.

An der Rückseite der Schank gab es ein hohes Eishaus mit großer Eisblock-Lagerkapazität im ersten Stock. Der begehbare Raum unterhalb wurde für die Lagerung von Speisen und Getränken verwendet.

Anfang der Fünfzigerjahre hatte noch kaum jemand einen Kühlschrank daheim, im Sommer waren aber trotzdem kühle Getränke höchst erwünscht. Obwohl mein Vater von seinem Naturell kein „richtiger Wirt“ sein konnte, war er doch sehr erfinderisch. Er baute für das Kühlhaus eine wasserdichte, nach oben offene Kiste und führte durch diese die Bierleitung. Dieser Behälter wurde mit gehacktem Eis angefüllt, das Resultat war eiskaltes Bier, selbst wenn man es in Kannen oder Krügen weit nach Hause getragen hatte. Die Schank hatte eine lange Theke mit Wasserfächern zur Kühlung für weitere Getränke und zum Waschen gebrauchter Gläser, die niemals warmes Wasser oder ein Spülmittel kennen lernten. Da stand auch die uralte NCR-Kassa fürs Geld. Telefon gab’s keines, telefonieren konnte man gegenüber im Hüttel im Beserlpark. Ebenso wenig gab es bei uns Kaffee, den gab es gegenüber beim Kaffeesieder („Café Schopenhauer“).

Zu meinem Leidwesen hatten wir auch einen Gasthausgarten. Dieser befand sich an der Hofseite des Hauses, Tische und Stühle mussten vom Dachboden herab- und wieder hinaufgeschleppt werden. Von der Schank zum Garten und zurück waren es etwa 100 Meter, wie viele Kilometer wir da laufen mussten? Unsere Hausbewohner hassten den Gartenbetrieb wohl genau wie ich.

Auf der anderen Seite der Gartenmauer lustwandelten die Diakonissinnen zwischen dem damals noch kleinen Krankenhaus und ihrem Wohnheim, an dessen Pforte es in der Nachkriegszeit noch die Klostersuppe für Bedürftige gab.

Die Küche war ziemlich groß und eher dunkel. Der große Gasthausherd wurde mit Steinkohle beheizt, er lieferte auch das Warmwasser. Eine ganz wichtige Einrichtung war der Gasrechaud. Sein im Durchmesser 30 Zentimeter großer Brenner lieferte im Nu große Hitze, unsere Wiener Schnitzel schwammen im heißen Fett ähnlich der heutigen Fritteuse und hatten dadurch eine besondere Qualität. Einen Geschirrspüler gab es auch, sie hieß Julie und kam aus Böhmen.

In der Küche vor und um den Herd stehen zwei Buben in kurzen Lederhosen und fünf Frauen, alle mit einer weißen Schürze.
In der Küche der eigenen Gastwirtschaft, von links nach rechts: Großmutter Gregor, Franz Podest, die Mutter (im Hintergrund), ein älterer Bruder, eine Tante und eine Bedienstete (Mitte 1944)

Das Personal bestand aus meinen Eltern und meiner Großmutter, bis zum Kriegsende arbeitete noch meine Tante mit, danach eine gute Fee, unser Kindermädchen und Mädchen für alles. Für sie gab es „viel Arbeit und wenig Lohn“, bis ich dann zur Fronarbeit herangereift war.

Großmutter holte sich täglich Gottes Segen in der Sechsuhrmesse in Währing, bevor sie ihre Einkäufe am Kutschkermarkt tätigte und in zwei schweren Taschen ins Wirtshaus schleppte. Dann besorgte sie das Kochen und Backen und das Anrichten der Speisen des Mittaggeschäfts. Vater kümmerte sich ums Fleisch und die Getränke. Mutter war überall zu finden und bei unseren Gästen äußerst beliebt.

Die Arbeitszeiten im Wirtshaus sind der reinste Horror: Großmutter von 7 bis 21 Uhr, Mutter von 8 Uhr bis 22 Uhr, Vater von 8 Uhr bis Mitternacht, ich von 9 Uhr bis etwa 21 Uhr oder bis Mitternacht, je nach Bedarf. Die Älteren nutzten den flauen Nachmittag zu einem Schläfchen, so zwischen 15 und 17 Uhr. In den ersten Jahren hatte es aus Ertragsgründen keinen Ruhetag gegeben. Ab 1938 wurde Dienstag als Ruhetag eingeführt, da das Geschäft plötzlich gut lief. Ab 1950 entschloss man sich, Sonntag Ruhetag zu halten, wir waren ja nun vier Kinder, und das kärgliche Familienleben profitierte davon ungemein.

Wie war der Geschäftsgang unseres Beisels? Vater war sehr unzufrieden und gab dem Standort die Hauptschuld. Im Grätzl wohnten Beamte, Angestellte und damals schon viele Pensionisten, alles Leute, die gerne zu uns essen kamen. Aber am Essen verdient der Wirt nicht viel, obwohl es äußerst arbeitsintensiv ist. Man denke nur an die Zubereitung frischer Gemüse und Salate, warmer Mehlspeisen. Die schönen Verdienstmargen werden beim Getränkeverkauf lukriert. Trinkfreudige Gesellen wie Kutscher, Taxler und Arbeiter sind in Währing Mangelware. An ihrer Stelle frequentierten uns viel zu viele alte Weiblein, deren Konsumation aus Suppe, Gemüse mit zwei Kartofferln und einem Achterl Obi bestand. Dazu wollten sie noch vorzugsweise allein an einem Tisch sitzen. Da waren uns schon hungrige und durstige Arbeiter lieber: ein großes Gulyas, zwei resche Semmeln und zwei Krügel Bier. Das Rindsgulyas hatte ja damals noch den sogenannten Spiegel, eine Mischung aus Schweins- und Rindsfett, den man mit Semmeln so wunderbar auftunken konnte. Heiß musste gegessen werden, sonst schmierte sich das Fett am Gaumen. Das Gemüse wurde damals durchwegs eingebrannt zubereitet. Als ich in der Schule erstmals von Gemüse hörte, das auf „englisch“ (also natur) zubereitet wurde, war mir diese Garungsart gar nicht vorstellbar.

Eine A4-Speisekarte, zum Teil vorgedruckt, zum Teil handgeschrieben

Deshalb war der Getränkeverkauf natürlich das Liebkind der Eltern. Wir hofften auf heiße Sommer, die es leider höchst selten gab. Es konnte dann schon vorkommen, dass sich bei der Schank Warteschlangen bildeten. Man rufe sich in Erinnerung: Getränke kaufte man ausschließlich beim Wirt. Er war es auch, bei dem man seinen Weihnachtsgeschenkswein abholte. Wie meine Eltern später mit der Umstellung des Marktes zurechtkamen, als dann auch die Milchfrau und der Fleischer Wein im Angebot hatten, habe ich nicht mehr miterlebt. Im Jahre 1957 sagte ich der Gastronomie ade und wanderte nach Kanada aus. Mein Verhältnis zu meinem Vater war niemals gut gewesen, ich sah keinerlei Perspektiven in Österreich.

Zu Mittag verkauften wir hauptsächlich ein Tagesmenü und hatten eine Menge „Stammgäste“, Regierungsräte, Doktoren, Professoren, oftmals besonders heikel; man bestellte die gewünschte Fleischgüte gleich mit, wie mager, unterspickt, mürb, saftig etc. Wehe, wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden konnten! Zwischen Mittag und Abend gähnte eine Lücke, ich döste hinter der Schank und las ein Buch. Warme Küche gab es ab 18 Uhr wieder. Die Frequenz war sehr unterschiedlich, manchmal war gar nichts los, es gab aber Abendgesellschaften, Kartenpartien, einen Sparverein, das Fernsehen verdarb ja noch nicht das gesellige Zusammensein. An besonders gemütlichen Abenden holte mein Vater seine Zither hervor und unterhielt seine Gäste, manchmal lud er zu einer Kellerpartie ein, mit Weinverkostung ab Fass. Sicherlich ein schöner Höhepunkt für den Wirt und seine Gäste. Die Sperrstunde musste eingehalten werden, denn schräg gegenüber befand sich eine Polizeiwachstube.

Im Jahre 1969 erreichte mein Vater sein 69. Lebensjahr. Der Versuch, das Geschäft zu verkaufen, scheiterte an den Forderungen des Hausherrn an mögliche Nachfolger. Alles Inventar samt Weinfässern musste entsorgt und das Lokal besenrein übergeben werden. Die Räumlichkeiten beherbergten später das Büro einer Maschinenfirma, die kleine Geschäftswohnung eine „Kontakt suchende“ Dame. In unserem Häuserblock schlossen ihre Pforten für immer: drei Gasthäuser, drei Greißler, zwei Schneider, ein Fleischer, eine Milchfrau und eine Farbenhandlung. Da selbst die Tschecheranten abhanden gekommen sind, schloss man auch die Wachstube.

Informationen zum Artikel:

Unser Wirtshaus

Verfasst von Franz Podest

Auf MSG publiziert im August 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Orte der Kindheit, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 18. Bezirk, Schopenhauergasse 12
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre, 1950er Jahre, 1960er Jahre

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