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Meierei, Beitrag 1 von 1

Bachgasse 42

von Oskar Vladyka

Früher einmal sagten die Leute, dieser Bezirk wäre das größte Wirtshaus der Monarchie gewesen, weil sich dort dicht an dicht Weinhäuser und Schnapsbuden drängten. Und es mangelte ihnen nicht an Kundschaft, war es doch immer ein Arbeiterbezirk und der der armen Leute gewesen, die sich kein besseres Quartier in der Stadt leisten konnten. Dazu gehörten auch meine Mutter und ich, als wir 1946 in das Haus Bachgasse 42 eingezogen waren. Im Dunstkreis der nahen Bierbrauerei gelegen und eingezwängt zwischen einem noblen Mietshaus in der Feßtgasse und einigen uralten, ebenerdigen Häusern, welche sich bis in die Blumberggasse hinein erstreckten. Das wurde meine Welt, die Welt eines 10-jährigen Jungen, der sich hier erst hineinfinden mußte.

Gegenüber war die letzte Wiener Meierei, der „Schmalhofer“, in einem zweistöckigen Haus untergebracht. Vorne der Wohntrakt für Familie und Personal und rückwärts der Kuhstall mit dem Heuboden darüber. Der Chef war ein vierschrötiger Kerl in gesetzterem Alter, der noch fest zupacken konnte, wenn ein überladenes Heugespann von seiner Almwirtschaft in Innermanzing angekommen war und nur mit viel Kraftanstrengung der Knechte durch die enge Hauseinfahrt in den Hof durchgepresst werden mußte. Für uns Kinder ein Mordsspektakel! War der Wagen abgeladen, die Pferde versorgt, dann wurde das Gefährt wie ein Auto auf der Straße geparkt, Platz dafür war damals ja noch genug vorhanden! Dann wurde es ein Spielplatz für meine Freunde und mich. Schmalhofer sah das nicht sehr gerne, weil wir immer die Handbremsen lockerten! Wenn er sich blicken ließ, ergriffen wir die Flucht!

Um die Ecke, in der angrenzenden Wendgasse befand sich ein kleiner Gemüseladen und weiter oben, an die Thaliastraße stoßend, hatte eine ältere Frau ein Lebensmittelgeschäft. An der Ecke Bachgasse/Blumberggasse ist noch ein Milchgeschäft erwähnenswert: der Wenisch! Er war ein kräftig gebauter Mann gewesen, mit unheimlich stark behaarten Händen und einer Glatze. Seine Mutter half im Geschäft aus, wohl immer auf der Suche nach einer Heiratskandidatin für ihren Sohn, der sich noch keine gefunden hatte.

Das war meine Welt im Großen. Die kleinere Welt spielte sich innerhalb des Wohnhauses Nummer 42 ab. Im Keller des Hauses war die Kohlenhandlung von Herrn Heinzl untergebracht. Wenn man eine Bestellung abgeben wollte, mußte man sich über eine steile Treppe in das Innere des feuchten Kellers nach unten begeben. Er versorgte seine Kunden das ganze Jahr über mit dem knappen Brennstoff. Ja, auch den Sommer über war er ein begehrter Mann, denn alle Wohnungen in dem Hause waren, dem Typ Substandard damals entsprechend, mit einem gemauerten Küchenherd ausgestattet, auf den man einen kleineren Kochherd mit der Bezeichnung „Hausfreund“ aufsetzen konnte. Dieser hatte zwar eine wesentlich kleinere Kochfläche, verbrauchte dafür aber weniger Heizmaterial.

Besonders sparsame – und vor allem alleinstehende – Hausfrauen benützten eine noch kleinere

Ausgabe dieser Kochgelegenheit, welche nicht größer war als ein 5-Liter-Kochtopf. Transportable Gasherde kamen erst in den Fünfzigerjahren in den Handel, als sich die Metallindustrie auf friedlichere Erzeugnisse umgestellt hatte. Wenn Heinzl seinen Laden schloß, rollte er seinen Handwagen laut hörbar durch die Hauseinfahrt in den Hof, wo er diesen unter einem Dachgestell abstellte. Dieses und eine sehr wackelige Teppichstange waren die einzigen Utensilien auf diesem Terrain.

Zu wenig, um für einen Jungen, wie mich, interessant zu sein, also mied ich diesen Platz. Er wurde nur dann interessant – auch für alle Bewohner ringsum – wenn sich ein Musikant mit seiner Geige oder seinem Akkordeon einfand, um coram publico sein Repertoire an alten Liedern, verbunden mit seinem lauten und oft rauen Gesang, abzuspulen. Als Lohn durfte er einige in Papier gewickelte Münzen mitnehmen, welche ihm die Zuhörer von den Fenstern aus zugeworfen hatten. Doch die Attraktionen dieser Art wurden immer seltener, vermutlich war der Nachwuchs dafür nicht zu begeistern?

Tür 2 war die Hausbesorgerwohnung und hier residierte die Frau Schott, eine attraktive Witwe, die mit ihrem lauten Organ das ganze Haus zusammen hielt! Wenn irgendetwas nicht passte, dann brauchte sie nur vor ihre Wohnungstüre zu treten, um dort ihrem Unmut freien Lauf zu lassen. Das ganze Haus hörte genau zu und hatte verstanden! Mit ihr wohnte aber auch ihre Tochter, ein bildhübsches Mädchen im heiratsfähigen Alter, das nicht über mangelnde Verehrer zu klagen hatte. Einer davon malte mit kurzen Strichen ein sehr gelungenes Konterfei des Mädchens auf die Wand der Hauseinfahrt – meine erste Begegnung mit der angewandten Graphik, die mich sehr beeindruckte. Und wenn das Haus inzwischen keine neue Malerei des Stiegenhauses erhalten hat, so müßte diese lebensgroße Liebesbezeigung eines unbekannten Künstlers dort heute noch zu bewundern sein!

Der 3. Stock war sozusagen mein Bereich, dort wohnte ich auf Tür 15! Eine schmale, dafür aber lange Küche-Kabinett-Wohnung, gerade groß genug für Mutter und mich, und es erscheint mir unerklärlich, wie dort vor 1914 noch ein Ehepaar mit vier Kindern und einem „Bettgeher“, der untertags eine Bettstelle gegen eine geringe Gebühr benutzen durfte, um sich dort mangels anderer Gelegenheit ausschlafen zu können, wie damals so ein Zusammenleben überhaupt möglich war!

Neben uns wohnte das Ehepaar Svacina. Wie es der Name schon erahnen läßt, waren beide einmal aus der Tschechei nach Wien gekommen und sind hier geblieben. Nun sind sie alt geworden und genießen ihren bescheidenen Ruhestand. Die beiden haben miteinander nur tschechisch gesprochen und im Gespräch mit den Nachbarn war ihr Deutsch sehr stark eingefärbt. Im „Simpl“ hat man darüber jahrzehntelang gute Witze gerissen.

Projektlogo: Ein Bub in kurzer Lederhose und ein Mädchen in weißem Kleid händchenhaltend vor einer Wiener Stadtkulisse
Informationen zum Artikel:

Bachgasse 42

Verfasst von Oskar Vladyka

Auf MSG publiziert im Mai 2016

In: Schreibaufrufe, Orte der Kindheit, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 16. Bezirk
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag entstand im Rahmen des Projekts "Wie war Wien? - Bürger/innen schreiben Geschichte" und wurde bei der Schlussveranstaltung am 24. Februar 2005 im Wiener Rathaus öffentlich präsentiert.

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