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Spiegelgrund, Beitrag 1 von 1

Mein Stadtrand

von Irmi Novak

Ich bin an einem der Ränder von Wien aufgewachsen – in der Gemeindesiedlung am Spiegelgrund. Diese in der Zeit des Roten Wien um 1926 errichteten Siedlungshäuser waren für viele Familien damals – vor allem wegen der Kinder – kleine Paradiese. Die Betonung liegt auf KLEIN! Die Grundfläche jedes dieser kleinen Häuschen war nur rund 20 Quadratmeter groß – dafür aber auf vier Ebenen: Keller, Erdgeschoß, erster Stock und Dachboden. Vorne ein winziger Garten (circa 4,5 mal 3 Meter), hinten ein etwas größerer Schlauchgarten (circa 4,5 x 8 Meter).

Eltern und Tochter sitzend auf langer, schmaler Betonstiege vor Siedlungshaus am Spiegelgrund in Wien-Ottakring Älterer Mann in kurzer Hose auf einer Betonstiege am Eingang vor einem Siedlungshaus am Stadtrand

Meinen Eltern und mir wurde im Jahr 1946 vom Wohnungsamt ein solcher Siedlungsgrund zugewiesen, weil wir in der Ottakringer Hippgasse ausgebombt waren und mein Vater im Mai 1945 nach 18-monatiger Haft aus dem KZ Mauthausen (wegen „Hochverrats“) zurückgekommen war.

Und was ich heute noch an diesem Rand der Stadt (an dem ich immer noch wohne) sehr schätze: Hinter unserer Wohnhausanlage, gebaut 1965 (vorher waren da Brachwiesen und „Gstätten“) erstreckt sich bis zum Rand des Wienerwalds das große Spitalsgelände „Am Steinhof“. Die Luft hier ist demgemäß immer noch sehr gut. Außer bei Ost- oder Südostwind ...

Ich möchte einen typischen Gegenstand aus dieser Randlage von Wien vorstellen: zwei „Spiegel“, nach denen die Gegend hier  der „Spiegelgrund“ benannt wurde. Sie wurden beim Umgraben in unserem Garten gefunden. Es sind Teile von Muscheln, die von Ottakringer Knopfdrechslern wohl am Ende des 19. Jahrhunderts verwendet wurden. Die Stanzlöcher der (Hemd)Knöpfe sind auf den beiden Muschelstücken deutlich zu sehen und machen den "Charme" der beiden Fundstücke aus.

zwei Perlmuttbruchstücke wie im Begleittext beschrieben

Das kleinere stammt aus dem Hintergarten der Sieldung Scariaweg 25 und ist in ungefähr 1,20 Metern Tiefe bei der Herstellung der Fundamente für die Betonstiegen, die auf dem einen Foto zu erkennen sind, auf der Schaufel meines Vaters gelegen. Es dürfte sich dabei allerdings nicht um eine primäre Lagerung handeln, denn beim Bau der Siedlungen ist wohl ein Teil der ursprünglichen Erdschichten "umgekrempelt" worden. Aber immerhin, so haben wir ein authentisches Stück vom Spiegelgrund.

Der größere Teil stammt aus einem Garten am Wilhelminenberg, der meinem geschiedenen Mann gehört. Den habe ich selber aus dem Boden "geholt", als ich einen großen Fleck der Wiese durch Umstechen und gründliches Ausreißen vom "Hedern" (Unkraut, das sich ungeheuerlich hartnäckig vermehrt) befreit habe. Aber das ändert nix an der Tatsache, dass die Ottakringer Knopfdrechsler seinerzeit ihre Abfälle über den Flötzersteig auf die Brachen geschüttet haben...

Der Stadtrand meiner Kindheit ist in unmittelbarer Nähe durch Grabeländer und Schrebergärten gekennzeichnet gewesen – und ist es zu einem beachtlichen Teil immer noch. Dort wo heute die Müllverbrennung am Flötzersteig „prangt“, waren Grabeländer [Grabeland] – kleine, von der Stadt gepachtete Grundstücke (eigentlich waren sie im Krieg gekapert worden!), auf denen Gemüse und Obst angebaut wurden, um die Not im und nach dem Krieg zu lindern ...

Informationen zum Artikel:

Mein Stadtrand

Verfasst von Irmi Novak

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Orte der Kindheit, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 16. Bezirk, Am Spiegelgrund
  • Zeit: 1945 bis 2008

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