Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > Worte der Kindheit > S: 63 Beiträge

Seid einig, Beitrag 1 von 1

Das Freidenkerkind

von Erika Thiel

Es liegt in einer mit Stiefmütterchen (dem Zeichen der Freidenker) geschmückten Wiege, die Eltern bringen den vom Rathaus ausgestellten Geburtsschein, und es ist eine große Ehre für den Großvater, daß ein führendes Mitglied des Freidenkerbundes an der Namensgebung seines ersten Enkelkindes teilnimmt.

eine größere Menschenansammlung, Männer, Frauen, Kleinkinder, festlich gekleidet im Hof eines Wiener Gemeindebaus
Namensgebungsfeier des Freidenkerbundes im Winarskyhof, Wien-Brigittenau (ca. 1927)

Aus einer Namensliste hat man den Namen Erika gewählt, denn wir gehen einer neuen, besseren Zeit entgegen, selbst ein Vorname soll nicht mehr an die Monarchie oder irgendwelche Heilige der katholischen Kirche erinnern.

In diesem Sinne lernt das Kind nach und nach, daß der Spruch: "Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott" nicht wirklich Gültigkeit hat; man kann sich immer nur selbst helfen oder auf die Hilfe der Familie oder von Freunden vertrauen. Freunde findest du, wenn du ehrlich und offen auf Menschen zugehst, hilfsbereit bist, immer bei der Wahrheit bleibst und dich in deinem Tun nicht vom rechten Weg abbringen lässt. Denn wir Freidenker haben keinen Gott an unserer Seite der uns etwaige Sünden – das sind Fehler, die wir begehen – verzeiht, wenn wir sie auch noch so bereuen. Das Motto meines Großvaters, "Tue Recht und scheue niemand!", begleitet mich bis heute. Großvater war Bildungsrat bei den Kinderfreunden, und so durfte ich schon mit fünf Jahren an deren Heimnachmittagen teilnehmen.

Erst als ich in die Schule kam, wurde mir bewusst, daß ich irgendwie ein Außenseiter bin. In der Klasse waren außer den römisch-katholischen Kindern nur zwei evangelische Schülerinnen und ich war konfessionslos, was für die anderen etwas Unbekanntes war. Das ging gut bis 1934, und ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt übersiedelten wir nach Stadlau. Die dortige Mädchen-Volksschule hatte nur sechs Klassen, deren Schülerinnen der Herr Oberlehrer bestens überwachen konnte. Mädchen war es verboten, in der Schule Hosen zu tragen (es bestand sozusagen Kleiderpflicht), und um 7.45 Uhr bezog der Herr Oberlehrer seinen Posten beim Eingangstor, um zu kontrollieren.

Die meisten von uns hatten einen Schulweg von einer halben Stunde und auch mehr, und wir waren froh, wenn wir im Winter, die meist kalt und schneereich waren, diesen Weg so warm als möglich verpackt hinter uns bringen konnten. Viele hatten überhaupt kein Winterkleid geschweige denn einen Wintermantel, aber trotzdem gab es arge Strafpredigten für alle Mädchen, die sich mit Hosen (oft schon von älteren Geschwistern übernommen) in die Schule wagten. Ganz arg wurde es aber dann für jene, die sich das vorgeschriebene Jugendabzeichen "Seid einig!" nicht leisten konnten. Da gingen die Meinungen meiner Mutter und die meines Verfolgers sehr auseinander. Er meinte: „Nascht halt einmal nichts!“ Sie war der Überzeugung: „Wenn ich übrige 20 Groschen habe, dann kaufe ich dir lieber eine große Schokolade.“

Als Konfessionslose seinen Attacken besonders ausgesetzt, erfand ich einen neuen Schulweg: Ich kraxelte über den Zaun bei der Bubenschule, ging durch den Hof und leise über die Kellerstiege der Mädchenschule hinauf, und wenn der Oberlehrer mit seinen Vorträgen und Bissigkeiten abgelenkt war, rannte ich so schnell wie möglich in den ersten Stock in meine Klasse. Dort waren wir sicher, die Lehrerin war nett, und ich denke heute noch gerne an sie. Schön war es, als dann zum neuen Schuljahr die Überstellung in die Hauptschule kam, dort ging es uns besser; das war eine große Schule mit vielen Klassen, und der Direktor hatte anderes zu tun, als Kinder einzuschüchtern.

Als 1938 Hitler einmarschierte, ging der Herr Oberlehrer mit einer Hakenkreuzbinde am Arm und ließ sieh als Illegalen feiern, der Hauptschuldirektor wurde ausgetauscht, und erst viele Jahre später habe ich erfahren, daß er Jude war.

Aber auch ich machte 1938 eine neue Erfahrung. Bisher nur konfessionslos, jetzt war ich, da ohne Taufschein, verdächtig, ich könnte vielleicht mosaisch sein. Also, Taufschein des Vaters einbringen, um Deutsche werden zu dürfen. Dieser Taufschein mit dem Stempel "Nur zum Nachweis der arischen Abstammung" ist noch heute in meinem Besitz. Bis heute ist Gott für mich der Begriff für Schöpfung (= Natur), und ich freue mich über jedes kleine Blümchen, jeden Baum, und ich achte sogar darauf, unsere kleinsten Lebewesen am Boden nicht zu zertreten. „Der Wald ist unsere Kirche“, war der Ausspruch meines Großvaters, und so wurde Natur fast etwas Heiliges für uns Kinder. Trotzdem denke ich manchmal darüber nach, ob sich wirklich gläubige Manschen durch ihr Gottvertrauen ihr Leben nicht leichter gestalten können, wissen sie Gott doch immer an ihrer Seite, der ihnen hilft, immer das Richtige zu tun. Manchmal beneide ich sie fast.

Informationen zum Artikel:

Das Freidenkerkind

Verfasst von Erika Thiel

Auf MSG publiziert im Oktober 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 20. Bezirk / Wien, 22. Bezirk, Stadlau
  • Zeit: 1925 bis 1938

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.