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Spennadler, Beitrag 1 von 1

"Im Ziaglteich is ana dasoffn"

von Erich Weinmüller

Im Tagebuch meines Gedächtnisses ist jene Gegend, wo sich die Triesterstraße – nach der Spinnerin am Kreuz – in die Ebene von Wiener Neustadt senkt, zwischen den letzten großen Wohnhäusern von Favoriten und den ersten kleinen Häusern von Inzersdorf besonders gut vermerkt.

Im Osten befand sich in den Dreißiger- und bis in die Sechzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts ein aktiver Lehmabbau. Zuoberst kratzten Eimerkettenbagger das sandige, für die Ziegelproduktion ungeeignete Material weg, und eine für Jugendliche ungeheuer interessante Feldbahn führte es auf eine Abraumhalde am Rande des Bergbaugebietes. Auf den tiefer gelegenen Terrassen wurde Lehm abgebaut und mit einer langen Materialseilbahn in das am Rande von Inzersdorf gelegene Ziegelwerk gebracht.

An der tiefsten Stelle des Gebietes befanden sich zwei Gruben in denen sich die Lehmgewinnung nicht mehr lohnte, da sie zu tief waren. Regenwasser und Oberflächenwasser aus dem Hang, wo noch Lehm abgebaut wurde, hatten diese Gruben gefüllt, und so waren Ziegelteiche entstanden.

Natürlich war es Unbefugten streng verboten, das Bergbaugelände zu betreten. Aber gerade deshalb war es für Kinder besonders verlockend, sich im Weidengestrüpp der Ufer und im Schilfgürtel am Rande der Teiche ungesehen herumzutreiben.

Man konnte Muschelschalen suchen, Pfeiferln oder Pfeile und Bogen aus Weidenholz schnitzen und aus Holunderzweigen Wasserspritzen bauen. Aus dem harten Sumpfgras banden die Mädchen Puppen und flochten kleine Körbe. Umweltfreundliches Spielzeug gab es gratis.

Wer so wohlhabende Eltern hatte, dass er ein Taschentuch besaß, konnte damit Spennadler fangen. Das waren kleine, ein bis zwei Zentimeter lange, fast durchsichtige Fische unbekannter Herkunft. Ein Spennadler lebte bei mir zu Hause in einem Marmeladeglas. Er fraß gerne Brot, Semmelkrümeln und Extrawurst. Seine Haltung war sicher nicht artgerecht, aber er lebte einige Jahre bis ihn die Druckwelle einer Bombenexplosion im Wahnsinn des Krieges zerriss.

Im Westen der Triesterstraße war die Lehmgewinnung bereits eingestellt. Ein alter, ungenützter Ringofen war das beliebte Ziel kindlicher Entdecker. Am Grunde einer tiefer gelegenen, windgeschützten Ebene befand sich ein Ziegelteich in der Größe eines Fußballplatzes, Sein Wasser war mehrere Meter tief.

Für die Bevölkerung der am Stadtrand gelegenen Arbeiterbezirke waren die Ziegelteiche im Sommer ein Badeparadies. Nach Einbruch der Dunkelheit wurden die Zustände in der warmen Jahreszeit so paradiesisch, dass das Leben manches zukünftigen Bürgers dort seinen Anfang nahm. Die Geburtenrate dürfte neun Monate nach der Badesaison signifikant höher gewesen sein.

Für die Kinder waren die steilen Wände, die den Teich umgaben, ein beliebtes Kletterparadies und manchmal auch Grund für eine lautstarke Aufregung, wenn ein Kind nicht mehr vor und zurück konnte und weinend in der Wand hing. Da einzelne Wände fünf bis sechs Meter hoch waren, war die Sache nicht ganz ungefährlich. Einerseits konnte man sich mit den Fingern kleine Griffmulden auskratzen, andererseits waren solche Griffe nicht sehr verlässlich und zerbröselten oft, wenn man sich an ihnen hochziehen wollte. Die geäußerten Kommentare und Ratschläge reichten von „Wer hoch steigt, fällt tief“ über „Die Eltern sollte man strafen, weil sie nicht auf die Kinder aufpassen“ bis „Er oder sie wird schon herunterkommen, oben geblieben ist noch keiner“, oder kurz und bündig: „Spring!“ 

Den  Kindern  wurde auch manche weise Lehre erteilt. „Wärst du nicht hinaufgestiegen, wärst du nicht heruntergefallen, geschieht dir ganz recht!“, und Ähnliches. Kinder, die allein  waren, hatten es besser, weil ihnen elterliche Versprechungen, an deren Erfüllung aus Erfahrung kein Zweifel bestehen konnte, erspart blieben. Zum Beispiel: „Du kannst etwas erleben, wenn du herunten bist!“ Manchmal folgten auch detaillierte Beschreibungen des angedrohten Erlebnisses. Von Watschen, Hieben und Prügeln war da die Rede. Das Kind in der Lehmwand wurde noch nervöser und fand nun erst seine Situation wirklich ausweglos. Hinunter, in die Hände des Erziehers,  wollte es angesichts der zu erwartenden Folgen nicht, hinauf  konnte es nicht. Es schien keine gute Lösung zu geben.

Meist fand das Kind dann doch den rettenden Griff und floh nach oben, wo es blitzschnell davonrannte um den versprochenen Erziehungsmaßnahmen zu entkommen. Im schlimmsten Fall fiel es hinunter und in die Hände seiner Erzieher. Das war mit Sicherheit schmerzhaft, sei es aufgrund einer Verletzung durch den Fall oder durch die eingelösten Versprechungen seitens der Erwachsenen.

Diese lagen meist im Gras und wollten nichts als ihre Ruhe. Da viele arbeitslos waren, konnten sie Familienausflüge machen. Eine dünne Decke, eine Einkaufstasche mit ein wenig Essen, meist nur trockenes Brot und eine Flasche Wasser, das war alles. Bademode gab es nicht. Die Männer, Burschen und Buben trugen eine schwarze Klothhose. Ein universelles Stück der Herrenbekleidung. Es war Turnhose, Badehose und Unterhose in einem. Die Frauen, trugen Unterhosen aus massivem Stoff, knielang, Busenhalter und darüber eine „Kombinesch“. Schwimmen gingen Frauen selten, denn mit der Kombinesch war es unbequem und nur mit Unterhose und Busenhalter war es doch zu genant. So saßen die meisten Mütter auf ihrer Decke und teilten Brot und gute Ratschläge aus. Es gab immer mehr Ratschläge als Brot.

Kleine Mädchen durften nur am Rande des Wassers spielen. Üblicherweise trugen Mädchen unter ihren Kleidchen keine Unterhose. Ganz nackt zu baden galt als unanständig und ein Kleid war viel zu kostbar, als dass die Mädchen damit hätten ins Wasser dürfen. Meist waren die Kleider aus billigsten Stoffen von den Müttern genäht, was ziemlich mühsam war, da kaum eine Frau eine Nähmaschine besaß.

Viele Menschen in diesem Armenviertel waren unterernährt, so auch die Männer an den Ziegelteichen. Mancher hatte mehr Stolz als Kraft. In jedem Sommer kam es vor, dass einer hinausschwamm, einen schmerzhaften Wadenkrampf bekam und seine Wade zu massieren versuchte. Dabei bekam er einige Schlucke Wasser in den Mund und einige Tropfen davon in die Luftröhre. Der nun folgende Hustenreiz löste eine Panik aus, in der der Mann wild um sich schlug und gurgelnd „Hiiilfeee!“ rief, unterging und wieder auftauchte und immer mehr Wasser in Magen und Lunge bekam, bis ihn eine wohltätige Ohnmacht umfing und er unterging. Die Leute machten einander lautstark auf die sich anbahnende Tragödie aufmerksam. Rettungsschwimmer gab es keine. Solche Kurse kosteten Geld und waren somit etwas für Reiche. Die aber gingen nicht wild baden, sondern in richtige Bäder mit als Rettungsschwimmer ausgebildeten Bademeistern.

War der um Hilfe Rufende untergegangen, so rief man die Kinder zusammen und erteilte ihnen den Auftrag einen Polizisten, der damals noch Wachmann hieß, zu suchen und ihm zu sagen, dass am Ziegelteich einer ertrunken sei. Stolz auf die Wichtigkeit des ihnen erteilten Auftrages liefen die Kinder davon. Bald ließ das Gefühl für die Besonderheit des Auftrages nach, und sie begannen Fangerl und Versteckerl zu spielen. Trafen sie einen Polizisten, so teilten die Mutigsten diesem mit, dass auf dem Ziegelteich einer ertrunken ist. Der Polizist fluchte und ging zurück in sein Wachzimmer, teilte das Gehörte seinem Postenkommandanten mit, der ebenfalls zuerst einmal fluchte, dann aber seinem Kommissariat telefonisch von der Meldung Mitteilung machte. Auch dort wurde zuerst geflucht und dann die nächstgelegene Feuerwache  verständigt.

Der für die Ziegelteiche zuständige Feuerwehrstützpunkt war in einem ebenerdigen Häuschen in der Neilreichgasse untergebracht und bestand aus einer Garage und einem Aufenthaltsraum für die Mannschaft. Der diensthabende Teil des Personals bestand aus vier Männern. Einer war Kommandant und Chauffeur. Neben dem Fahrersitz war eine Kiste mit Werkzeug. Dahinter befanden sich die Schläuche  Ein Mann hatte seinen Sitz auf dem Einsatzfahrzeug gleich hinter dem Fahrer. Er musste den Verkehr beobachten und verschaffte seinem Kommandanten freie Fahrt, indem er auf seiner Signaltrompete eine mehr oder minder reine Terz – traaa-raaaa – blies. Die  übrigen beiden hatten ihre Sitze etwas weiter, hinten, links und rechts vom Löschwasserkessel, der den meisten Raum einnahm. Er war etwa zwei bis drei Meter lang, von ovalem Querschnitt und so wie das ganze Fahrzeug rot lackiert. Nur Teile der Lenkung und die schön geschwungenen Armstützen an den Sitzen waren aus blank poliertem Messing. Über dem Wassertank lag auf einem Gestell eine zweiteilige Schiebeleiter und darauf eine Zille mit dem Boden nach oben. Daneben zwei Feuerhaken und einige lange Stangen.

Hatte die Männer die Nachricht, dass jemand auf dem Ziegelteich ertrunken ist, erreicht, so stürzten sie in besonnenem Dienstschritt in die Garage und  setzten unterwegs ihre Helme auf. Der Kommandant nahm hinter dem Lenkrad Platz, einer öffnete das Garagentor, einer  warf mit einer Kurbel den Motor an, einer prüfte, ob die Ausrüstung komplett ist. Dann ertönte das erste Traaa-raaaa.

Am Ziegelteich angekommen ließ sich der Kommandant schildern, was passiert war. Als die Feuerwehrmänner die Zille zu Wasser gelassen hatten, stieg für die Teichbesucher die Spannung ins Unermessliche. Dort wo die Zuschauer meinten, dass der Mann untergegangen war, stießen die Feuerwehrmänner ihre Feuerhaken ins Wasser bis auf den Grund und versuchten eventuell vorhandene Gegenstände heraufzuziehen. Es kamen die verschiedensten Dinge ans Tageslicht: Inrusabetten, Kinderwägen, Töpfe, schrecklich stinkende tote Hunde oder andere Haustiere. Ziegelteiche waren nicht nur Erholungsgebiete, sondern wurden auch als Entsorgungsanlage missbraucht. Hingen Teile einer Badehose oder eines menschlichen Körpers an den Haken, so versuchte man, mit den Haken auch den Rest der Leiche zu bergen. Schwieriger war es, wenn der Teich so tief war, dass man den Grund mit den Feuerhaken nicht erreichen konnte. Dann wurden an Leinen befestigte Haken über den Teichboden gezogen. Gab es einen Widerstand, wurde die Last hochgehievt, meist mit demselben Erfolg wie bei der Verwendung der Feuerhaken. Wurde nach ein bis zwei Stunden keine Leiche, Leichenteile oder Kleidungsstücke gefunden oder konnte die Leiche nicht geborgen werden, so wurde die Aktion eingestellt.

Inzwischen war auch schon ein Wachmann eingetroffen, der erklärte, dass das Baden in den Ziegelteichen verboten sei. Mit einem Tintenstift, dessen Spitze er immer wieder mit der Zunge befeuchtete, notierte er die Aussagen einiger Augenzeugen, sowie deren Namen und Adressen in sein Notizbuch. Das war nicht ganz einfach, denn von den Erwachsenen wollte plötzlich keiner etwas gesehen oder gehört haben. Alle waren erst durch die Kinder auf das Unglück aufmerksam gemacht worden. Aussagewillige Kinder wurden mit dem Ruf: „Geh her, wir haben mit der Polizei nichts zu tun!“, zurückgerufen, was der Polizist mit einem geknurrten „Das werden wir erst sehen …“ beantwortete.

War die Feuerwehr und der Polizist weg, gingen auch die meisten Leute und Kinder nach Hause. Nur wenige, die den Kitzel des Grausigen liebten, blieben.

In den umliegenden Wohnhäusern machte das Ereignis bald seine Runde. Der Tratsch zeigte seine ganze Kunst als großer Romancier. Bis zum nächsten Tag waren mehrere Menschen gleichzeitig oder auch nacheinander ertrunken, darunter ein unglückliches Liebespaar, ein schwangeres Mädchen, eine Mutter mit ihren Kindern, ein Vater im Vollrausch und einige Nichtschwimmer.

Die in jeder Menschenmenge vorhandenen Propheten hatten es schon immer gewusst, dass da einmal etwas geschehen würde, die Lokalhistoriker erinnerten sich an die Badeunfälle der letzten Jahrzehnte, wobei einer immer grausiger war als der andere, die Moralapostel wollten das Baden überhaupt verbieten, und alle schimpften auf die Obrigkeit, die nichts gegen so schreckliche Zustände unternahm.

Neue Allianzen wurden geschlossen und neue Feindschaften begründet, mit einem Wort: „Das Leben ging ganz normal weiter, und die Wasserliebhaber gingen wieder baden.“

Informationen zum Artikel:

"Im Ziaglteich is ana dasoffn"

Verfasst von Erich Weinmüller

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Orte der Kindheit, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 10. Bezirk, Laaer Berg, Ziegelteiche
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

Anmerkungen

Dieser Erinnerungstext wurde bei einem "Lesenachmittag" unter dem Motto "An den Rändern der Stadt" am 6. November 2008 im Wien Museum Karlsplatz vorgetragen.

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