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Wiener Wohngewohnheiten II

von Norbert Rast

In fast allen Wohnungen waren Kriegsschäden festzustellen, bei jeder Übersiedlung waren Möbelstücke dabei, die durch Bomben oder Granateinschläge hervorgerufene, zum Teil schwere Beschädigungen aufwiesen.

Ich kann mich erinnern, dass mir damals viele Menschen immer wieder versicherten, sie würden sich, auch wenn sie zu viel Geld kämen, nicht von ihren alten Möbel trennen: "Wissen Sie, diesen Trumeaukasten hat meine Großmutter zu ihrer Hochzeit machen lassen, ich kenne ihn, seit ich denken kann." Diese Menschen kannten fast jeden Kratzer auf jedem ihrer Möbel und kontrollierten bei den Übersiedlungen sehr genau, ob keine Beschädigung dazugekommen sei. War dies trotz größter Vorsicht doch passiert, gab es große Aufregung und Verwünschungen.

Man darf nicht glauben, dass es sich bei diesen alten Möbeln immer um Stilmöbel heutiger Bezeichnung handelte. Am häufigsten bestanden die Wohnungen aus Zimmer und Küche, eventuell noch ein Kabinett, mit Gang-WC, Gang-Bassena (Wasserleitung). Die Schlafzimmer waren mit Historismus-Möbeln, und zwar meistens zwei Betten, zwei Nachtkästchen und einem Waschtisch, jeweils mit Marmorplatte, und zwei zweitürigen Kästen eingerichtet. Manchmal fand sich auch der bereits erwähnte "Trumeaukasten", ein ca. 150 cm hoher und einen Meter breiter Schubladkasten, zwischen den Fenstern stehend.

Wie mir mein Schwiegervater, Herr Robert Fretska, Jahrgang 1900, einmal erzählte, war es in ärmeren, kinderreichen Familien manchmal üblich, dass die kleinsten Kinder in den Laden dieses Trumeaukastens schlafen mussten, da weder Platz noch Geld für eigene Kinderbetten zur Verfügung stand. Auch in seiner Familie war dies der Fall, für einige Zeit hatte er seinen Schlafplatz in einer solchen Lade.

Seltener konnte man noch weitere Betten und hin und wieder auch Nachtkästchen, aus Messingrohren gefertigt, vorfinden, vor den Gittern der Betthäupter und Fußteile hingen meistens Baumwollvorhänge, blütenweiß und schön.

Etwas seltener stand vor den Ehebetten ein sogenannter "Diwan", ein schmales Ruhebett mit gedrechselten Beinen und einer "Schlummerrolle" an einer Seite. Oftmals war gerade bei diesem Möbelstück aus Geldmangel die Tapezierung mehrmals übereinander geflickt, aus verschiedenfarbigen Stoffresten zusammengestellt und vielleicht gerade aus diesem Grund irgendwie heimelig. Alle diese Einrichtungsgegenstände waren überwiegend nussfurniert, manchmal – bei billigerer Ausführung – auch Buche.

Die noblere Ausfertigung, der „Plüsch-Diwan“ mit hoher Rückenlehne und walzenförmigen Armpolstern war eine richtige Heimstätte für Wanzen, da kaum eine Möglichkeit zur richtigen Reinigung bestand. Dieses Möbel wurde im Volksmund deshalb gerne als „Wanzenburg“ bezeichnet.

Skizze einer "Wanzenburg" bzw. eines Plüschdiwans wie im Text beschrieben
(Skizze von Norbert Rast)

Ober den Waschtischen, meistens mit ihnen verschraubt, war ein Spiegel angebracht, umgeben von alten Fotografien von lieben Angehörigen, man steckte sich eben ein Bild oder einen Brief "hinter den Spiegel". Auf den Marmorplatten stand ein Porzellanwaschbecken, das sogenannte "Lavoir" (sprich „Lawur“) und ein Porzellankrug. Bei einfacheren Leuten waren die Waschutensilien meistens aus emailliertem Blech und die Waschtische aus lackierten Eisenrohren.

In den Nachtkästchen fand sich fast immer je ein Nachttopf, der auch noch verwendet wurde, da sich das WC ja auf dem Gang befand und in der Nacht ein Weg dorthin, besonders im Winter, vermieden wurde.

Außerdem war das Gang-WC in den allerseltensten Fällen elektrisch beleuchtet, Taschenlampen fast nie vorhanden, man musste sich also mit einer Kerze behelfen.

Aus Erzählungen meiner Mutter weiß ich, dass früher (auch noch um 1920) in ärmeren, kinderreichen Familien ein sogenanntes "Pischpolsterl" verwendet wurde. Auf diesen Polster ließen die kleineren Kinder in der Nacht ihren Harn ab, und zwar ohne ihr Bett zu verlassen, und ersparten sich auf diese Weise den unangenehmen, oft weiten Weg zum Gang-WC. Dieser Polster lag immer im Bett der Kinder zu ihren Füßen und weil meistens mehrere Kinder in einem Bett schlafen mussten, wurde er auch von mehreren benützt. Eine Freundin meiner Mutter hatte ihr in ihrer Kindheit von diesem Brauch, der in ihrer Familie üblich war, erzählt, meine Mutter, zwar ebenfalls aus einer armen Familie stammend, war jedoch über diese Zustände entsetzt; diese Art der Hygiene war ihr unbekannt.

In einer Ecke des Zimmers standen noch der kleine Ofen, wienerisch "Piperlofen" genannt, und der Kohlenkübel, daneben lag etwas Holz.

Bei Wohnungen mit Kabinett wurde dieses meist als zusätzlicher Schlafraum (für Kinder oder Verwandte, die ständig in der Wohnung wohnten) verwendet. Zusätzlich allerdings auch als Abstellraum, aber äußerst selten als Aufenthaltsraum. Der am meisten benützte Raum, in dem gelebt, gegessen, gebügelt, in dem Hausaufgaben gemacht und Radio gehört wurde, in dem man am Abend plaudernd beisammen saß, war die Küche. Hier wurden die Familienprobleme besprochen, der Haustratsch weitererzählt, hier spielte sich überhaupt fast das ganze Leben der Familie ab.

Dabei waren diese Küchen nach heutigen Gesichtspunkten alles andere als wohnlich eingerichtet. In einer Ecke stand der gemauerte Herd, allerdings nur mehr selten in Verwendung. Er diente meistens nur mehr als Untersatz für das "Gasrechaud", ein zweiflammiges Kochgerät und das "Backrohr", ein Blechgehäuse mit dem ungefähren Ausmaß von 35 x 35 x 45 Zentimeter. Die Wiener sagten immer "Reschoo" und verwendeten nie einen deutschen Ausdruck. Beide Geräte waren mit Gummischläuchen an das Gaszuleitungsrohr angeschlossen, das heißt, diese Schläuche waren auf das Gasrohr aufgesteckt, was oft zu Todesfällen führte, da die Schläuche undicht wurden oder von dem Rohr herunterrutschten bzw. absichtlich abgezogen wurden (Selbstmord). Da das in Verwendung stehende Leuchtgas äußerst giftig war, war dies eine häufige Todesart.

An den gemauerten, ehemaligen Küchenherden konnte man noch häufig die kunstvoll ausgeführten Schließvorrichtungen, Warmwasserkessel aus blitzendem Messing und die, trotz nicht mehr bestehender Verwendung noch immer blanke Herdplatte bewundern. Ältere Hausfrauen legten oft ihren ganzen Ehrgeiz darin, diese alten Herdplatten so glänzend und schön wie nur irgend möglich zu erhalten und so ihre Reinlichkeit unter Beweis zu stellen.

Ich möchte nicht verhehlen, dass auch ich damals diese alten Stücke Wiener Wohnkultur durchaus nicht immer bewundert habe und für die moderneren Gasherde mit eingebautem Backrohr eingetreten bin, welche für die Hausfrau eine große Erleichterung bedeutet haben. In vielen Küchen gab es auch längere Zeit die kombinierten Herde, Gasherde mit angebautem Kohlenherd, man konnte also auch mit Holz oder Kohlen den Herd betreiben, viele Abfälle wurden ebenfalls verbrannt und es entstand auf diese Weise viel weniger Mist als heute.

Oft habe ich auch die noch vorhandenen Verfliesungen in alten Küchen und auch Badezimmern bewundert. Zwischen den einzelnen Fliesen konnte man nicht einmal eine Rasierklinge, auch nicht mit Gewalt, in die Fuge drücken, absolut dicht, der Spalt haardünn und die gesamte Fläche vollkommen gerade verlegt. Dabei hatten die damaligen Fliesen keine abgerundeten Kanten wie die heutigen, sie waren flach ausgerührt, wodurch man jede Ungenauigkeit umso leichter sehen musste. Alte, schöne Handwerkskunst, wie sie heute kaum mehr beherrscht wird.

Bei den damals neueren Gasherden hatte man auch die Möglichkeit, eine Blechplatte, die sich unmittelbar unter den Brennern befand, bei Bedarf herauszuziehen, ohne die Flammen löschen zu müssen oder die Töpfe herunterzunehmen. Man konnte daher im Falle einer plötzlichen Verunreinigung (Übergehen) dieses emaillierte Blech sofort abwaschen und vermied daher ein Einbrennen und damit ein späteres, mühsames Reinigen.

Außerdem befand sich in der Küche die Küchenkredenz, ein Möbelstück, fast immer Ende 19. Jahrhundert, aus Weichholz, weiß gestrichen. Ich sage absichtlich "gestrichen". Niemand hatte Geld, diese alten Stücke fachgerecht lackieren zu lassen, und so machte man es eben selbst. Die heute oft vorhandenen Kenntnisse als Bastler fehlten, auch für den "Pfuscher" war kein Geld vorhanden, also schliff man die alte Farbe etwas ab und strich, manchmal nur mit Grundfarbe und ohne zu kitten, das Möbel neu und freute sich, wenn es "wieder schön weiß" war.

Diese Kredenzen bestanden aus einem Unterkästchen, mit zwei Türen und zwei Laden, manchmal Rahmenbau mit Füllungen, und einem Aufsatz. Dieser wurde an der Rückseite mit einem Brett abgestützt und stand vorne auf zwei gedrechselten Säulen. Die zwei Türen immer mit Glasfüllungen. Wenn man die oberen Türen dieser alten Möbelstücke öffnete, stieg einem oft der süße Duft von längst gegessener Marmelade, von Lebkuchen und ähnlichen guten Dingen in die Nase. Diese Naschereien wurden meist in den oberen Kredenzteilen aufbewahrt und hinterließen ihre Spuren.

Es gab ja keinen Kühlschrank, nur manchmal in wohlhabenderen Familien einen "Eiskasten", ein niederes Kästchen aus Weichholz, mit Zinkblech innen ausgeschlagen, oben zu öffnen und an der unteren Vorderseite mit einem Wasserhahn versehen. Wenn nun der "Eismann" auf der Straße mit seiner Glocke läutete, liefen die Hausfrauen und auch noch die Stubenmädchen und Köchinnen mit Kübeln hinunter und kauften die Eisblöcke. Der Kutscher hatte einen Stichel, damit zerteilte er die ca. einen Meter langen Eisstangen je nach Wunsch der Kundin. Diese Eisblöcke legte man nun in den Eiskasten, wo sie eben kühlten und dabei langsam zerschmolzen. Der oben erwähnte Wasserhahn diente zum Ablassen des Schmelzwassers.

Diese "Eismänner" trugen Schürzen, meist aus Leder und einen ledernen Schulterschutz, ähnlich einem kleinen Sattel. Verlangte nun ein Kunde einen ganzen Eisblock, z.B. ein Gastwirt, lud sich der Kutscher einen solchen auf die Schulter und lieferte ihn in das Haus.

Der Küchentisch stand nicht immer in der Mitte des Raumes, manchmal wurde er nur zu den Mahlzeiten von der Wand gerückt, er war aus Weichholz, hatte gedrechselte Beine, unten mit Brettern verbunden. Zu diesen Brettern sagte der Wiener: "Vergelts Gott'". Man stellte am Abend gerne die müden Füße darauf. Die Tischplatte, mit Wachstuch (Wichsleinwand) bedeckt, sah so immer reinlich aus und ersparte der Hausfrau das häufige Wechseln des Tischtuches.

In einer Ecke des Raumes befand sich ein Stück, das heute kaum noch jemand kennt. Es war eine niedere Bank, fast wie ein Regal, auf den verlängerten Seitenbrettern stehend und ohne Rückwand. Zart aussehend und doch sehr haltbar gemacht, weil oft verwendet. Es war das sogenannte "Wasserbankl". Hier stand die große Wasserkanne und in den meisten Haushalten auch das schon erwähnte "Lavoir". Hier wusch man sich (wenn man keinen eigenen Waschtisch im Schlafzimmer hatte). Auf dem unteren Brett stand der Schmutzwasserkübel. Dieses Wasserbankl war in jedem Haushalt zu finden und sah überall gleich aus.

Skizze eines "Wasserbankls" und eines "Waschstockerls" wie im Text beschrieben
(Skizze von Norbert Rast)

Nach Erzählung meines Vaters hatte das Wort "Wasserbankl“ im Wiener Dialekt auch noch eine weitere Bedeutung, nämlich: Bastard, ein uneheliches, von unbekanntem Vater abstammendes Kind. Die Erklärung der Dialektbezeichnung durch meinen Vater: Jeder konnte seine Wasserkanne auf dem Wasserbankl abstellen, das heißt, jeder konnte mit der Kindesmutter schlafen!

Nahe daneben stand meist die sogenannte Abwasch, ein zweitüriges Kästchen, Weichholz, mit einer hohen Lade und einer Platte aus Ahornholz. Wenn man die Lade herauszog, kamen zwei, meist aus Zinkblech gefertigte Wannen zum Vorschein, die in einem Rahmen eingesetzt waren, der ebenfalls mit Zinkblech beschlagen war. Die Platte dieses Möbels diente gleichzeitig als "Nudelbrett", hatte hinten eine erhöhte Leiste und war hochklappbar. Diese "Abwasch" wurde noch ziemlich lange erzeugt, nach meinen Erinnerungen noch bis ca. 1970, da auch noch damals in vielen älteren Kleinwohnungen kein Wasser in der Küche eingeleitet war. Auch sie fanden immer wieder ihre Käufer, besonders ältere Leute, denen die Investition dieser Installationsarbeit zu teuer war. Das Grundprinzip dieser Abwasch mit der Lade und den beiden Wannen blieb gleich, nur verzichtete man auf die beiden Türen, das Möbelstück wurde hochbeinig und die Wannen waren nunmehr aus emailliertem Blech.

Skizze einer Küchenabwasch wie im Text beschrieben
(Skizze von Norbert Rast)

Manchmal fand sich auch noch eine sogenannte Wäschebank, in welcher die Schmutzwäsche aufbewahrt wurde, natürlich ein Tisch, Sessel, Stockerl und Schemel („Schammerl“). Außerdem auch noch das sogenannte Waschstockerl, eine Art Sitzgelegenheit, etwas höher als ein Sessel, aber ohne Lehne. Die Sitzfläche war hochklappbar, und darunter befand sich, mit einer Ladenblende verdeckt, ein Lavoir, daneben meist ein Seifenschüsselchen: das Badezimmer der kleinen Leute.

Informationen zum Artikel:

Wiener Wohngewohnheiten II

Verfasst von Norbert Rast

Auf MSG publiziert im Juni 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre, 1970er Jahre

Anmerkungen

Der zweiteilige Beitrag "Wiener Wohngewohnheiten" I + II umfasst Textausschnitte aus dem von Norbert Rast in den 1990er Jahren in Eigenregie erstellten Erinnerungsbuch "7000 Wohnungen. Wiener Wohngewohnheiten von 1957-1988. Erinnerungen an ein Leben im Transportgewerbe", S. 5 ff.

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