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Souterrain, Beitrag 1 von 1

Wiener Wohngewohnheiten I

von Norbert Rast

Mit nicht ganz 16 Jahren trat ich meine berufliche Laufbahn im väterlichen Betrieb, einer Übersiedlungsspedition, an. Da bereits zu diesem Zeitpunkt teilweise Mangel an verlässlichen Mitarbeitern bestand, war ich ab diesem Zeitpunkt ohne größere Unterbrechungen immer aktiv an allen folgenden Erlebnissen beteiligt und über 30 Jahre auch manuell in diesem Beruf und in unserem Familienunternehmen tätig. Es war Mitte 1957, als ich begann, bei den Übersiedlungstransporten mitzuarbeiten, die mein Vater mit seiner 1945 gegründeten kleinen Firma durchzuführen hatte.

Bald nach dem Krieg – an das Jahr kann ich mich nicht mehr erinnern – wurde in Wien der elektrische Strom von 110 Volt Gleichstrom auf 220 Volt Wechselstrom umgestellt. Das hatte zur Folge, dass erstens in allen Häusern die alten Aufzüge ausfielen, weil die Umstellung der Motoren teuer war, und auch in den Haushalten alle Glühbirnen ausgetauscht werden mussten. Da auch hier oft das Geld fehlte, behalfen sich viele, indem sie eben nur eine Glühbirne in den Luster einschraubten; die Wohnungen waren dadurch nicht so grell wie heute beleuchtet und wirkten gemütlicher. Am häufigsten waren Glühbirnen von 15-25 Watt. Natürlich war Lesen nicht immer leicht, es gab in den Wohnungen daher nur bestimmte Plätze, an denen man eben wichtige Arbeiten durchführte oder las.

Durch die Abschaltung der Aufzüge gingen viele der schönen alten Kabinen zu Grunde, das waren oft beinahe Kunstwerke heimischen Handwerkskönnens, Wandtäfelungen aus Nuss- oder Mahagoniholz, handpolitiert, die Fenster mit geätzten oder mit dicken, facettierten Gläsern versehen, alle Metallteile aus blitzendem Messing und die Armaturen, mit großen, schweren Knöpfen ihre Wichtigkeit zeigend. Die Innentüren waren geteilt, man durfte sie, wenn der Aufzug einmal fuhr, oft nicht mehr berühren, da dann manchmal Fehlkontakte entstanden und der Aufzug stecken blieb oder wieder abwärts fuhr. Dieses Abwärtsfahren war Personen nicht erlaubt, hatte man sein Ziel erreicht, musste man das Licht abdrehen, die inneren Türen schließen und dann einen Knopfdrücken, der an der Außenseite der Kabine angebracht war. Schloss man nun die äußere Türe, fuhr die Kabine abwärts. An manchen Aufzügen gab es auch im Parterre einen Knopf, mit dem man, hatte jemand das Zurückschicken vergessen, die Kabine herunterholen konnte. War dieser Knopf nicht vorhanden oder nicht zu finden, er war oft versteckt montiert, musste man eben zu Fuß gehen.

Schwere Spiegel waren angebracht, oft an mehreren Seiten, auch ein runder, gedrechselter Glockenknopf, um im Notfall Hilfe herbeiholen zu können. Es gab ja noch richtige Hausmeister, die wirklich den ganzen Tag im Haus anwesend waren. In den bürgerlichen Häusern saßen sie in ihrer winzigen Dienstwohnung, unter dem Straßenniveau, an ihrer Türe und schauten, wenn jemand das Haus betreten hatte, durch ein kleines Fenster. War der Eintretende fremd, kamen sie aus ihrer Wohnung und fragten ihn, zu wem er wolle und warteten dann aufmerksam, bis er wieder das Haus verlassen hatte.

Diese Hausbesorgerwohnungen lagen meist im "Souterrain", also unter dem Straßenniveau, wenn man vom Stiegenhaus die Wohnung betrat, führte häufig unmittelbar nach der Gangtür eine gedrehte Stiege, innerhalb der Wohnung, in die Küche. Die Stiege hatte ein Holzgeländer, in schöneren Häusern oft mit gedrechselten Säulen. Man sah also, stand man hinter der Türe, von oben in die Küche hinunter.

Ein Stolz der Hausmeister waren die einmal in der Woche "g'weissingten" Stiegen, nach dem Waschen der Stufen mit Schmierseife wurden diese mit im Wasser gelöstem Pfeifenton nochmals gewaschen und waren dann nach dem Trocknen schneeweiß.

Es gab aber nicht nur die Hausbesorgerwohnung im Souterrain. Die meisten Häuser hatten auch Lokale, direkt von der Straße zugänglich und dort meist mit Holzläden, später mit Rollbalken verschlossen. Hier arbeiteten unzählige Kleinhandwerker, Tischler, Schlosser, Spengler usw. Diese Lokale waren oft auch gleichzeitig die Wohnung dieser Menschen, winzige Räume, meist feucht und dunkel. Viele dieser Handwerkslokale sind heute geschlossen, die Menschen haben andere Berufe gewählt, manche dieser Berufe sind auch ausgestorben. Ich selbst habe noch so ein Lokal gemietet und benütze es als Bastelraum.

Informationen zum Artikel:

Wiener Wohngewohnheiten I

Verfasst von Norbert Rast

Auf MSG publiziert im Juni 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre

Anmerkungen

Der zweiteilige Beitrag "Wiener Wohngewohnheiten" I + II umfasst Textausschnitte aus dem von Norbert Rast in den 1990er Jahren in Eigenregie erstellten Erinnerungsbuch "7000 Wohnungen. Wiener Wohngewohnheiten von 1957-1988. Erinnerungen an ein Leben im Transportgewerbe", S. 5 ff.

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