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Everglaze, Beitrag 1 von 1

Einkaufsbummel in Mariahilf

von Ilse Sakouschegg

Wenn wir uns einen Einkaufsbummel in Mariahilf vornahmen, war damit weniger der 6. Wiener Gemeindebezirk gemeint als die großen Kaufhäuser Gerngross und Herzmansky auf der Mariahilferstraße. Vor allem in der Vorweihnachtszeit herrschte dort Hochbetrieb. Für mich als Kind waren solche Fahrten nach Mariahilf mit viel Vergnügen verbunden. Eine Attraktion der frühen Fünfzigerjahre war die erste Rolltreppe Wiens im Kaufhaus Gerngross. In dieser Zeit gab es auch die erste Weihnachtsbeleuchtung auf der Mariahilferstraße in Form von Girlanden quer über die geschäftige Straße. Einige Jahre zuvor, etwa in den Jahren 1946 bis 1948 oder 1949 waren in den großen Kaufhäusern Tauschzentralen eingerichtet worden. Dort konnte man seine eigenen Waren gegen andere eintauschen. Ob die Einnahmen der Kaufhäuser dabei groß waren, bleibt dahingestellt. Auf alle Fälle blieben die Namen Gerngross und Herzmansky auf diese Weise den Wienern in Erinnerung (eine frühe PR-Arbeit).

Auf dem Weg in die damaligen großen Wiener Einkaufszentren war uns wieder einmal die Tramway vor der Nase davongefahren. Der Schaffner des Beiwagens hatte schon abgeläutet [Abläuten], das Zeichen, dass das Aus- und Einsteigen nicht mehr erlaubt war. Damals gab es noch keine selbstschließenden Türen. Im Kaufhaus Herzmansky bewunderten wir die neuen Waren: die „Wundersocken“ aus gekäuseltem Nylongarn, die ganz klein ausschauten, aber ungemein dehnbar waren. Der Traum jeder Hausfrau war wohl der neue bügelfreie Stoff Everglaze. Er bestand aus reiner Kunstfaser, hatte eine erhabene, punktförmige Struktur und wurde zu Blusen und Kleidern verarbeitet. Dieser Stoff ist sehr bald wieder vom Markt verschwunden, vielleicht wegen seiner völligen Luftundurchlässigkeit.

Die verschiedenen Damennylonstrümpfe mit gewöhnlicher Naht, schwarzer Naht, mit Zierferse oder Stielferse fanden durch die Amerikaner schnelle Verbreitung. Sie waren fast so etwas wie ein beliebtes Zahlungsmittel! Die Nylons waren anfänglich für "normale" Frauen kaum erschwinglich. Übrigens gab es bald fast alles aus Nylon: Wäsche, Blusen, Herrenhemden und Kleider. Ein ähnliches Material, nämlich Plastik, eroberte den Haushalt und die Spielzeugwelt.

Nach solchen Einkaufsfahrten nach Mariahilf hatte meine Mutter nicht lange Zeit zum Kochen. Ins Restaurant zu gehen war unerschwinglicher Luxus und Schnellimbissstuben gab es noch nicht. Dann gab es als "Auskunftsmittel" - wie meine Mutter sagte - eine schnell zubereitete Speise, z. B. Saure Eier. Den Begriff Auskunftsmittel habe ich nur von meiner Mutter gehört, in einem alten Wörterbuch war er jedoch auch zu finden. Er bedeutet so viel wie Ausweg oder Ersatz, hat also mit dem Begriff Auskunft weniger zu tun als mit Auskommen.

Bei den "Sauren Eiern" dürfte es sich um ein böhmisches oder Altwiener Gericht handeln. Zu guter Letzt noch das Rezept: In eine leicht eingebrannte Rahmsoße gibt man vorsichtig rohe Eier, die langsam zum Stocken kommen. Zwecks Geschmacksverbesserung und Dekoration streut man auf die Soße Schnittlauch. Gekochte Erdäpfel bilden die notwendige Ergänzung dieser billigen und rasch zubereiteten Speise.

Informationen zum Artikel:

Einkaufsbummel in Mariahilf

Verfasst von Ilse Sakouschegg

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 6. Bezirk / Wien, 7. Bezirk, Mariahilfer Straße
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

Anmerkungen

Dieser Beitrag wurde nach einem Schreibaufruf der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" zum Thema "Alltagsgeschichte und Sprachwandel im 20. Jahrhundert" verfasst.

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