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Möchsechta, Beitrag 1 von 1

Wintertage - Weihnachtszeit

von Karl Lackner

In dieser Jahreszeit denke ich gerne an die Stimmung der Heiligen Abende in meiner Kinder- und Jugendzeit zurück, die ich damals sogar einmal in einem Schulaufsatz festgehalten habe. Vom Christbaumaufputzen, bei dem ich meiner Mutter damals schon behilflich war, und der gesamten winterlichen Atmosphäre auf unserem kleinen Bauernhof in der Buckligen Welt möchte ich ein paar Details schildern.

winterliche Ansicht eines kleinbäuerlichen Anwesens am Waldesrand
Das elterliche Anwesen des Autors in Thomasberg (1950)

In der Stube, wo sich besonders im Winter viel abspielte, ragte über dem Bauerntisch ein runder Haken aus der Decke. An ihm wurde – direkt vor dem Herrgottswinkel – der Christbaum aufgehängt. Er durfte nicht sehr hoch sein, sonst hätte er die um den Tisch Sitzenden in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt.

Diese Stube diente nicht nur als Schlafraum, sondern in den langen Wintermonaten wurde sie, jedenfalls noch in den späten Fünfzigerjahren, auch als Werkstätte benutzt. So verbrachte sogar die „Hoanzlbank“ so manchen Tag in der Werkstube.

Mitunter kam Vaters Schwager von der Höhe des Königsberges auf Besuch zu uns herunter. Ich hatte gehörigen Respekt vor ihm. Er war ein recht großer, stattlicher Mann mit Vollbart und rauchte wie mein Vater die lange Pfeife. Wenn die beiden zusammen waren wurde gefachsimpelt, da hatte unsereins zu schweigen. Hauptthema war natürlich die Landwirtschaft, denn eine solche, aber weit größer als die unsrige, besaß auch Gustl-Onkel, und so manches Arbeitsgerät auf seinem Hof stammte aus unserer Werkstatt, denn hier wurden vielerlei nützliche Dinge erzeugt, zum Beispiel hölzerne Rechen für die Arbeit auf dem Feld, hölzerne Schaffl verschiedener Größe und sogenannte Sechter. Diese bottichartigen Behälter dienten vorwiegend für den Stallgebrauch; die größeren zum Wassern, das heißt zum Tränken der Kühe. Auch der „Möchsechta“ war aus Holz. Zwei seiner Dauben waren anderes beschaffen als die übrigen, nämlich die Handdaube, damit man das Gefäß ordentlich tragen konnte, und die Schnabeldaube, welche ein problemloses Ausleeren ermöglichte. Dazu gehörte gewissermaßen auch der sogenannte „Kalbllutschl“. Dieser bestand ebenfalls aus dem wertvollen Werkstoff Holz und diente dazu, dass der jüngste Rindernachwuchs mit menschlicher Hilfe das Trinken aus dem Sechter erlernte.

Einmal im Jahr hatte der schon erwähnte Melkeimer eine andere, sehr ehrenvolle Funktion; am Ostersonntag wurde er nämlich mit verdünntem Weihwasser befüllt und zum „In-die-Groan-Gehen“ mitgenommen. Ein Buchsbaumzweig wurde in das geweihte Wasser getaucht und damit die aufgegangene Saat besprengt. Diese Aufgabe fiel Mutter zu. Aber von diesem Brauchtum habe ich schon einmal in einem eigenen Bericht erzählt.

Hier möchte ich noch von einem anderen Produkt berichten, das in der warmen Stube gefertigt wurde, wenn die Winterstürme ums Haus tobten. Mein Vater beherrschte nämlich unter anderem auch die Herstellung von Körben. Rechtzeitig wurden die Stangen von den Haselnussstauden heimtransportiert und mit einer gewissen Technik die äußere Schicht vom Kernholz abgetragen. Das Ergebnis waren schmale Holzstreifen, von denen noch die Rinde abgeschabt wurde, dann wurden sie wie Bänder zu Reifen zusammengerollt und über Nach in Wasser eingeweicht, natürlich in einem selbstgemachten Schaff. Durch diesen Vorgang wurden die „Zoan“, so nannte man diese Bestandteile eines Korbes, elastisch gehalten. Bevor Vater jedoch mit dem Flechten eines Korbes überhaupt beginnen konnte, musste erst ein Gestell gebaut werden. Dafür war Eschenholz am besten geeignet. Diese Holzart hatten wir überhaupt ständig lagernd, natürlich aus eigenem Wald. Auch sämtliche Stiele und Griffe für die verschiedensten Werkzeuge und Geräte wurden daraus gemacht.

Während Vater schnitt, hobelte und raspelte, saß ich am Tisch und sägte an irgendeiner Laubsägearbeit. Hier gestaltete sich die Werkstoffbeschaffung etwas schwieriger, denn man brauchte dazu Sperrholzplatten, und diese wachsen nicht im Wald. Um trotzdem zu den begehrten Platten zu kommen, waren schon einige „Strapazen“ notwendig. Meist zu zweit oder zu dritt machten wir uns nach der Schule auf den Weg zu einem der beiden ortsansässigen Tischlereibetriebe.

Eine solche Werkstatt hatte ihren Standort unweit vom Ortszentrum, aber dort gingen wir nicht so gerne hin, denn der Meister verlangte für diese Plattenreste seinen Tribut. Ein recht schöner Dank von Seiten laubsägewilliger Schulbuben war ihm zu wenig. Vielmehr mussten wir uns aufstellen und dem Herrn Meister samt seinen eilig herbeigerufenen Gesellen das neueste Lied vorsingen, das wir in der Schule gelernt hatten, oder ein, zwei Gedichte aufsagen. Erst dann durften wir mit unserer Beute unterm Arm heimwärts ziehen.

Etwa fünf Minuten Gehzeit weiter weg war bergwärts noch eine Tischlerei. Dort gingen wir lieber hin, obwohl der Fußweg beschwerlicher war. Dieser Meister der Hobelscharte begnügte sich mit Dankesworten für die Plattenspende und frage höchstens, wem wir gehörten.

Wieder daheim, gleich nach der Schulaufgabe, wurde auf die erstandenen Sperrholzplatten Figuren aufgepaust, die Säge sang schon wieder ihr Lied, und so entstanden daraus die Teile einer Kassette oder einer Weihnachtskrippe. Ich tat es gern und habe heute noch Vorlagen ebenso wie kleine hölzerne „Kunstwerke“, wenn ich sie so bezeichnen darf, aus dieser Zeit aufbewahrt. Ob aus der Liebe zum Arbeiten mit Holz eine kleine Ritterburg mit allem Drum und Dran oder ein fahrbarer Raubtierkäfig mit Gitterstäben aus Draht entstand, es war für die damalige Zeit eine, wie ich meine, sehr sinnvolle wie auch kreative Freizeitgestaltung, die heute leider kaum mehr praktiziert wird.

Im Schulort war, fast vis-à-vis von der Schule, ein Kaufmannsgeschäft, das nicht nur Lebensmittel führte. Neben sämtlichem Schulbedarf gab es auch eine große Auswahl an Laubsägevorlagen und natürlich Bogen sowie Sägeblätter verschiedener Zahnung. Da wir zuhause eigentlich gar kein Weihnachtskripperl hatten, beschloss ich, eine derartige Vorlage aus meinem bescheidenen Budget zu erstehen.

Nach Fertigstellung der Gebäude und ihrer farbigen Gestaltung fehlten noch die Figuren. Da kam die Vorweihnachtsausgabe der farbig illustrierten Kinderzeitschrift "Wunderwelt" gerade recht, denn darin waren sämtliche Kripperlfiguren wie auch Abbildungen der Tiere im Stall zu finden. Mit der Schere wurden sie sorgfältig ausgeschnitten, auf die Sperrholzplatte gelegt und die Umrisse nachgezeichnet. Entlang dieser Umrisse wurde ausgesägt und zuletzt die Papierfiguren auf die ausgesägten Stücke geklebt. Unten hatten die Figuren eine zapfenartige Verlängerung, mit der sie in die ovale Basisplatte eingesetzt wurden und so ihre Standfestigkeit bekamen. Dazwischen kam ein feiner Teppich aus Moos, das ebenso wie die Baumrinde fürs Dach aus unserem Wald stammte.

Als wir dann in der Hauptschule in Physik von der Elektrizität lernten, installierte ich auch noch Licht in den "Stall von Bethlehem". Eine Fassung mit Lämpchen aus einer kaputten Taschenlampe fand wieder Verwendung, aber so, dass man sie nicht sah, sondern nur die Szene heimelig beleuchtet wurde. Als Stromquelle hatte ich an der Rückseite einer Stallwand eine Taschenlampenbatterie befestigt und einen kleinen Schalter, mit dem die Zuleitung unterbrochen werden konnte, um Strom zu sparen. Insgeheim dachte ich: Wenn wir im Haus endlich einmal Strom haben würden, dann müsste die Kripperlbeleuchtung über einen kleinen Trafo mit diesem betrieben werden können.

Kaum jemand machte so gute Weihnachtsbäckereien wie meine Mutter, sie war ja vor ihrer Heirat in einem renommierten Gasthaus als Köchin beschäftigt gewesen. Eine ihrer Spezialitäten war die Herstellung der Weihnachtsschokolade. Ganz gewöhnliche Kochschokolade wurde zerlassen, noch etwas Kristallzucker eingerührt, dann wurde die Masse in kleine Blechformen mit Weihnachtsmotiven gegossen. Ich war für den Arbeitsgang Auskühlung verantwortlich, und da wir zu dieser Zeit noch lange keinen Kühlschrank hatten, brachte ich die gefüllten Formen nach draußen und steckte sie in den Schnee, das sah recht lustig aus.

Einmal passierte mir beim Laubsägen am Stubentisch vor lauter Begeisterung eine recht unappetitliche Verwechslung. Ich hatte ein Stück Schokolade, wie Mutter sie für die Festtage in Formen goss, vor mir liegen. Von Zeit zu Zeit naschte ich davon, um mir das Sägen noch zu versüßen. Ebenso lag in greifbarer Nähe immer ein Reststück Seife, mit dem das Sägeblatt öfter geschmiert wurde. Einmal griff ich gedankenverloren um die Schokolade, erwischte aber die Seife und habe diesen Geschmack im Mund lange nicht vergessen ...

Vom Heiligen Abend bis zum Fest der Heiligen Drei Könige blieb der Christbaum und auch sein bescheidener Behang bei uns unangetastet. Nach dem 6. Jänner aber zupfte das eine oder andere Familienmitglied, natürlich hauptsächlich wir Kinder, schon nach und nach die Süßigkeiten von den Zweigen. Dazu gehörten auch besonders schöne Äpfel sowie in Stanniol gewickelte Nüsse. Für die Befestigung der Äpfel am Nadelbaum musste eine Birke einen kleinen Beitrag leisten. Von ihren Ästen wurden kleine Haken in der Form eines Einsers herausgeschnitten. Der längere Teil wurde am Ende zugespitzt und im Stängelbereich in den Apfel gesteckt. So konnten die Äpfel an die Christbaumäste gehängt werden.

Zurück zu Vaters Flechtwerken: War dann so ein handgemachter Korb fertig, zeigte er uns stolz sein neuestes Stück. Unterschiedliche Größen gab es da, angefangen vom Holzkörbl, mit dem wir Kinder aus der etwas abseits vom Haus gelegenen Holzhütte das ofenfertige Brennholz zum Küchenherd brachten, bis hin zum Futterkorb, mit dem die Eltern oder der ältere Bruder das Heu vom Boden oder das Grünfutter aus der Tenne in den Stall trugen. Oder gar der große Streukorb: Er wurde schon im Wald eingesetzt, wo die frisch gerechte Streu mit dem Korb zu den kunstvoll aufgebauten Streuhaufen gebracht wurde. Bei trockener Witterung hat man dann diese Vorräte aus dem Wald heimgefahren und in der an den Stadel angrenzenden Streuhütte gelagert. So konnte den Rindern aus der Waldstreu, bestehend aus ehemaligem Laub immer ein natürliches Bett bereitet werden.

Als ich schon längst den Wohnort gewechselt und einen eigenen Hausstand, mit Haus und Garten, gegründet hatte, da hat uns mein Vater eigens so einen Holzkorb gemacht. Auch hier wird nämlich mit Holz geheizt, und so haben wir ihn oft zum Brennholztransport, aber auch zum Wegtragen von Gartenabfällen benutzt. Heute wird das Körbl schon seltener verwendet, und es zeigt auch schon Spuren der Abnutzung. Wenn einmal die Zeit zum "Entsorgen" kommt, wird das jedenfalls auf eine recht umweltfreundliche Art geschehen, was bei Kunststoffbehältern nicht so leicht möglich ist.

Früher wurde ein nicht mehr reparaturfähiger Streu-, Futter- oder Brennholzkorb, bevor er seinen letzten Weg ging, sogar noch "ausgeschlachtet", indem die noch intakten Teile herausgeschnitten wurden. Diese bis zu einem Viertelquadratmeter großen Flächen mit leichter Wölbung - man nannte sie Zistl - dienten noch einige Male zur Herstellung von Dörrobst. Zwetschken wurden als ganze Frucht, Birnen, Äpfel und dergleichen in Spalten geschnitten und auf diese Zistln mit etwas Abstand gleichmäßig verteilt aufgelegt. Dann wurden sie nach dem Brotbacken in den leeren, aber noch warmen Backofen geschoben und mit der Restwärme gedörrt. Danach wurden die gedörrten Früchte in Netzsäcke gefüllt und am Dachboden hängend aufbewahrt, bis sie dann in der sogenannten stillen Zeit vorwiegend bei der Herstellung von Kletzenbrot verarbeitet wurden.

Die Bezeichnung Zistl hat auch in eine Redewendung Eingang gefunden. Wenn zum Beispiel ein Blechgefäß lange Zeit ungenutzt gelagert wurde und sich beim Wiederbefüllen herausstellt, dass es an mehreren Stellen leck wurde, dann sagt man: "Das rinnt ja wie eine Zistl." Denn mit einer Zistl - einem vielleicht schon etwas altersschwachen Geflecht aus der äußeren Schicht vom Holz der Haselnussstaude - kann man freilich keine Flüssigkeit halten.

Noch ein ganz anderer Gebrauchsgegenstand aus Holz verdankte bei uns seine Herstellung oft indirekt dem Weihnachtsfest, aber darüber möchte ich in einem eigenen Beitrag berichten.

Informationen zum Artikel:

Wintertage - Weihnachtszeit

Verfasst von Karl Lackner

Auf MSG publiziert im Dezember 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Bucklige Welt, Thomasberg
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre

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