Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > Worte der Kindheit > S: 63 Beiträge

Schoibass, Beitrag 1 von 1

Groangehen

von Karl Lackner

Solange zumindest auf einem Teil der Felder, die zu unserem Bauernhof gehörten, Getreide angebaut wurde, gab es auch den althergebrachten Brauch des "Groangehens" am Ostersonntag. Der ganze Ablauf begann ja schon am Vortag, dem Karsamstag.

Am Abend hieß es in die Kirche gehen zur Auferstehung. Vor der Feierlichkeit in unserer Pfarrkirche weihte der Herr Pfarrer das Osterfeuer, welches heraußen an der Kirchenmauer vom Mesner entfacht wurde. Wenn dann der Priester das geweihte Feuer in die Kirche trug, wurde das elektrische Licht abgeschaltet. Dadurch kam das Osterlicht in der Hand unseres Seelenhirten besonders zur Geltung. Beim Einzug sang er laut vor: "Lumen Christi!" Und alle antworteten auch mit Gesang: "Deo gratias!" Nach dem kirchlichen Teil begann die Auferstehungsprozession, wobei die Mitglieder des Burschenvereines brennende Fackeln trugen, was dem Geschehen eine besondere Note verlieh, denn inzwischen war es draußen schon finster geworden.

Vor dem Heimgehen entzündete einer von uns drei Brüdern die Kerze in der mitgebrachten Laterne mit dem geweihten Osterfeuer. Vorsorglich wurde es heimgetragen, und dort war ja untertags schon der Schoibass zum Osterfeuer-Abbrennen bereitgestellt worden. Es war eine große Getreidegarbe, die mindestens aus drei Garben normaler Größe bestand. Eigens für diesen Zweck wurden im Winter beim Dreschen mit unserer stationären Dreschmaschine nur die Ähren dieser Getreidegarben in die Maschine geführt, damit das Stroh selbst lang blieb.

Weiteres langes Stroh wurde zur Herstellung von "Bandlbuschn" gebraucht. Aus diesen wurden vor dem Getreidebinden auf dem Feld lauter Bänder vorbereitet. Um sie für diesen Zweck elastisch zu machen, wurden sie mit der Gießkanne immer wieder begossen.

Schon längst war es finster, als wir, meist die ganze Familie, zum Osterfeuerbrennen ausrückten. Der Schoibass lehnte an der Streuhütte, von da wurde er auf den Tragatsch verladen und aufs Feld gebracht. Die Kerzenlaterne mit dem geweihten Feuer durfte unter Vaters strenger Aufsicht ich tragen, und er hatte nachmittags schon den Palmbesen vom letzten Jahr vom Dachboden geholt, wo er jedes Jahr nach dem Palmsonntag an der gleichen Stelle, auf einer alten ausrangierten Konsole, deponiert wurde.

Am Getreidefeld angekommen, war es die Aufgabe meines älteren Bruders, den Schoibass ordentlich aufzustellen, und Vater steckte dann ganz oben den mitgebrachten Palmbuschen zwischen die ausgedroschenen Getreidehalme. Dann reichte ich ihm die Laterne mit dem geweihten Feuer, und er entzündete damit das Osterfeuer. Während das Strohfeuer gegen den nachtschwarzen Himmel loderte, wurde gemeinsam ein Vaterunser gebetet, und wir hielten anschließend noch Ausschau, wie viele andere Osterfeuer auf den umliegenden Höhen zu sehen waren. Vater konnte trotz Finsternis orten, welches zu diesem oder jenem Hof gehörte.

Der nächste Tag, Ostersonntag, war natürlich vom Kirchgang geprägt, wie es sich in einer Familie eben gehört, in der christliche Werte hochgehalten werden. Bei diesen Gottesdiensten wurden auch die Speisen geweiht. Mittags dann, beim gemeinsamen Mittagessen, war manches anders als sonst, denn es gab vorläufig nur Suppe. Danach machte sich die ganze Familie auf den Weg zum "Groangehn".

Jeder hatte etwas zu tragen. Vater den Rosenkranz und einen kleinen, aber umso wichtigeren Teil vom neuen Palmbuschen. Er hatte schon Tage vorher aus einigen geweihten Palmzweigen Kreuze hergestellt, indem er mit einem Messer etwas stärkere Triebe im oberen Bereich durchstochen hatte und aus demselben Material einen Querbalken einzog. Wir Buben trugen den Rest der zum Aufstecken vorgesehenen Palmzweige und kleinere Büscheln Buchsbaum sowie auch Zweige vom Segenbaum. Mutter hingegen war für das Weihwasser zuständig, das sie im hölzernen Melkeimer, schon stark verdünnt, mit sich trug. Am Feld mit der grünenden Wintersaat angekommen, wurde dieses in Serpentinen von unten nach oben systematisch durchwandert. Dabei wurde der Rosenkranz gebetet, Vater betete vor. Gleich nach den ersten Schritten, dann irgendwo in der Mitte des Getreidefeldes und am Ende wurden die Kreuze in die Erde gesteckt und dazwischen die anderen geweihten Zweige. In regelmäßigen Abständen tauchte Mutter einen etwas größeren, buschigen Ast vom Buchsbaumstrauch an unserem Küchengartenzaun in den Möchsechta und besprengte damit segnend das heranwachsende Getreide.

Auf dem Heimweg suchten wir mit den Augen die Felder der nächsten Nachbarn ab, ob jemand gleichzeitig mit uns in der "Groan" war.

Wieder zuhause, ging es mit österlicher Freude und gutem Appetit ans Weihfleisch-Essen, das Mutter am späteren Vormittag schon vorbereitet hatte. Ein großer, ovaler, weißer Teller kam auf den Tisch, voll belegt mit geweihtem Weißbrot, Geselchtem, Eiern und auch Kren, und es wurde direkt von diesem Teller gegessen. Im Bewusstsein, für das Werden neuen Brotes sowie für das Gedeihen der Feldfrüchte überhaupt gebetet zu haben, ließen wir uns das "Weihfleisch" besonders gut schmecken und so die Ostern langsam ausklingen.

Informationen zum Artikel:

Groangehen

Verfasst von Karl Lackner

Auf MSG publiziert im Juni 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Bucklige Welt
  • Zeit: 1900 bis 1990

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.