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Rauchkübel, Beitrag 1 von 1

Der Jagahäusl-Rossinger

von Rupert Erharter

Ein Rossknecht mit zwei Pferden

Sicher hatte der Mann einen Vor- und Zunamen, aber den habe ich vergessen. Dieser Pferdeknecht stammte aus Bayern, und ist hier beim „Jagahäusl“ am Wassertrog zu sehen. In den Dreißigerjahren fuhr dieser Mann mit einem Pferdegespann Bretter vom Sägewerk in der „Glashütte“ in Hörbrunn zum knapp sechs Kilometer entfernten Bahnhof nach Hopfgarten.

Das kleine Gütl Jagahäusl gehörte meinem Onkel Klaus und war nur zehn Minuten von Hörbrunn entfernt, so nannte man ein Stück Talsohle an der Kelchsauer Ache zwischen Hopfgarten und Kelchsau. Das Erdgeschoß war unbewohnt, Stallungen und eine Wagenschupfe waren vorhanden. Also ideal für die Unterkunft dieses Fuhrwerkunternehmers. Klaus hatte immer mehrere Pferde und besaß auch den benötigten schweren Wagen für diesen Transport. Auf so einer Fuhre waren immer sechs Kubikmeter Bretter geladen. Einmal täglich, bei Dringlichkeit auch zweimal, fuhr der Rossknecht diese Strecke, viele Jahre hindurch in der schneefreien Zeit.

Gut sichtbar hängt an der Wagendeichsel ein „Rauchkübel“. An heißen Sommertagen, wo die Insekten besonders stark auftraten, wurde in diesem Kübel Rauch erzeugt, der die Insekten vertreiben sollte.

Nennen wir den Holzknecht Hans – ich glaube, Hans oder Hannes hat er auch geheißen. Bekannt war er aber als Jagahäusl-Rossinger und als besonderer Kraftmensch. Auf dem Rückweg nahm er ab und zu dem einen oder anderen einen Sack Mehl mit, weil dieser bei der Genossenschaft etwas billiger war als beim Krämer. Die Mehlsäcke hatten damals 85 Kilogramm. Da versetzte er Normalkräftige in Staunen, wenn er so einen Sack mit einer Hand packte und trug.

Auch uns brachte er einmal einen Sack mit. Der Vater nahm mich mit, um das Mehl beim Jagahäusl zu holen. Ich war zwölf oder dreizehn Jahre alt, also schließlich kein Sch … er, und bekam in einen kleinen Sack ca. 20 Kilogramm umgefüllt. Dann ging es ein Stück der Straße entlang. Auch von dieser Seite gab es eine Abkürzung, durch einen abgeholzten Wald, hinauf zu unserem Hof. Auf besonders hohen Baumstrünken konnten wir eine Rast einlegen. Ein fernes Donnergrollen ließ uns aber bald wieder aufbrechen. Wir wollten keinen Teig nach Hause bringen, und schafften es gerade noch.

Eines Tages endete das Leben des Jagahäusl-Rossinger tragisch. Beim sogenannten „Lochmann-Bühel“ brach die Bremsvorrichtung am Wagen. Wahrscheinlich wollte er mit all seiner Kraft die Fuhre unter Kontrolle halten. Er dürfte aber gestolpert sein und wurde buchstäblich gerädert. Er war bei vollem Bewusstsein und bat jene, die ihn fanden: „Erschlagt mich!“ Er verstarb an der Unfallstelle.

Dieser Unfall macht auch den Unterschied zwischen der Rettung von einst und heute deutlich. In den wenigsten Häusern gab es ein Telefon. Es gab kein Rettungsauto, das nächste Krankenhaus war in diesem Fall 15 Kilometer entfernt. Im besten Fall konnte ein Radfahrer Erste Hilfe holen oder eventuell auch leisten.

Das Fuhrwerk konnte auf einem anschließenden Flachstück angehalten werden. Den Lochmann-Bühel gibt es nicht mehr. Das Jagahäusl gibt es nicht mehr. Es ist vor ca. vierzig Jahren abgebrannt und wurde nicht mehr aufgebaut.

Informationen zum Artikel:

Der Jagahäusl-Rossinger

Verfasst von Rupert Erharter

Auf MSG publiziert im Juni 2009

In: Lebensgeschichtliche Fotorevue, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Tirol, Unterland, Hörbrunn, Hopfgarten, Jagahäusl
  • Zeit: 1930er Jahre

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