Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > Worte der Kindheit > M: 22 Beiträge

Streu und Mist

von Karl Lackner

Wenn man in einer Landwirtschaft Rinder im Stall hat, braucht man erfahrungsgemäß auch Streu, um diese vor allem im hinteren Bereich der Tiere aufzulegen. Stroh vom Körnerdrusch wäre natürlich auch geeignet gewesen, aber viel zu schade; es wurde verfüttert oder zumindest dem Futter beigemischt.

So holten wir die Einstreu aus dem Wald, und dazu war der Spätherbst die richtige Jahreszeit, wenn die Laubbäume sich ihrer Blätter schon entledigt hatten, und diese trocken waren. Dann wurde ausgerückt, auch Mutter war dabei, und als Werkzeug diente der Streurechen, die Streugabel und der Streukorb.

Unsereins musste voran die heruntergefallenen Äste beiseite räumen, während die Schwaden der Streurecher immer größer wurden. Darin zu waten, war zwar nicht erlaubt, weil man dadurch die mühsam zusammengerechte Streu wieder verteilte, aber dieses Rauschen bei jedem Schritt und der unmittelbare Kontakt mit einem Naturprodukt war ein intensives Erlebnis.

Dann ging es ans Streuhaufen machen. Ein solcher wurde meist in der Nähe eines Weges und an einem oder zwei Bäumen aufgebaut. Am Anfang mit der Gabel, und später wurde die Streu von den Schwaden mit dem Streukorb hergetragen. Während eine Korbladung nach der anderen am Haufen einlangte, musste ich den schichtweisen Aufbau durch Zusammentreten verdichten. So entstand wie ein pyramidenartiges Bauwerk, aber ohne Spitze, der Streuhaufen. War er zu locker gebaut, holte ihn zumindest teilweise bald der Wind.

Mann mit Streugabel
Vater von Karl Lackner beim Streurechen

Bei Gelegenheit und trockener Witterung wurde die Streu heimgeführt, natürlich mit dem „Goam" (Karren) gezogen, das heißt von zwei Kühen. Zuhause angekommen war gleich links der erste Gebäudeteil die Streuhütte. Ein Schuber in der Holzwand wurde zur Seite geschoben, und die Streu hinein und hinunter geworfen. Von dort wurde sie dann meist von Vater im Zuge der Stallarbeit mit dem Streukorb nach Bedarf geholt und in den Stall hinübergetragen.

Der Streuhütte kam eine große Ehre zu, denn ganz oben am Giebel war ein Bild mit dem Heiligen Florian angebracht. Unmittelbar darunter eine Konsole mit Reisig als Bildschmuck. Manchmal kamen auch Blumen dazu. Das war meist meine Aufgabe.

Bei diesem Streutragen kam es einmal zu einem kuriosen Ereignis, an dem ich nicht ganz unschuldig war. Es war Sommer, und auch da musste den Kühen sowie Kälbern eingestreut werden. Vater war wieder einmal mit dem gefüllten Streukorb von der Streuhütte zum Stall unterwegs, welcher sich im Wohngebäude, unter den Wohnräumen befand.

Seit einiger Zeit hatten sich am Dachboden, wo viel Gerumpel gelagert war, Wespen bemerkbar gemacht, und immer wieder störte ich sie mit Attacken auf ihren Bau. Ihre Behausung waren so hellgraue, kugelförmige Gebilde, die man in der Mundart "Wäixn-Grua" nannte.

Da kam ich auf eine, wie ich meinte, glänzende Idee, um der lästigen, stichfreudigen Insekten Herr zu werden. Ich wusste nicht, woher er stammte, aber da hatten wir schon immer einen alten, langen, aber stark verrosteten Säbel in einer Dachbodenecke liegen. Die Grua war an einem Sparren des Dachstuhls angebaut, so nahm ich den Säbel, fuhr mit ihm dem Sparren entlang, und schon fiel die Kugel herunter. Jetzt war Eile geboten, denn es ging schon gelb auf.

Da stach ich kurzerhand in das runde Gebilde, steckte den Säbel durchs flügellose Fenster, und streifte die Grua samt ihren zornigen Bewohnern ab. Was ich nicht sehen konnte, war, dass zufällig genau zu diesem Zeitpunkt der väterliche Streutransport stattfand. Die Wespenbehausung samt lebendem Inhalt landete knapp vor ihm auf der Erde, und alsgleich umschwirrten und stachen sie den vermeintlichen Störenfried, aber auch ich bekam ein paar Stiche ab. Vaters Verdacht bezüglich Täter erhärtete sich schnell, und entsprechende Strafsanktionen ließen nicht lange auf sich warten.

Vermischt mit Kuhmist wurde Streu auch als Dünger auf die Felder gebracht, und zum Ausbringen war der "Goam" unentbehrlich. Als Zug dienten wieder die Kühe, aber während der Ladetätigkeit durften sie noch im Stall bleiben, denn das dauerte seine Zeit.

Bei niedrigen Temperaturen stieg Dampf auf, wenn man mit der Gabel die untersten Schichten erreichte. War der Goam beladen, wurde das Ladegut namens Mist noch verdichtet; einerseits, um unterwegs nichts zu verlieren, und andererseits, um den Laderaum optimal zu nutzen. Dazu gab es den Mistpracker, gefertigt aus einem Schwartlingpfosten. Mit diesem wurde der Mist niedergeklopft.

zwei Skizzen von einem geländegängigen Karren mit unterschiedlich großen Rädern an beiden Wagenseiten und einem Mistpracker

Da unsere Felder alle eine mehr oder minder starke Hangneigung hatten, bestand immer die Gefahr, dass der beladene Goam oder auch der Zoger umkippten. Besonders beim Mistführen war es kritisch, aber es gab ja das sogenannte Been-Radl (Bärenrad). In unserem Fall wurde immer vor dem ersten "Mist-Auffossn" das linke Rad heruntergenommen und ein vom Durchmesser her wesentlich kleineres Rad auf die Achse gesteckt – das Been-Radl.

Wenn wir vom Hof auf die Felder fuhren, stieg nach links der Berg an, jedoch bedingt durch das kleine Austauschrad wurde ein Umkippen verhindert. Auf dem Feld kam dann der Mistgral (Kralle) zum Einsatz. Mit ihm wurde in gleichen Streckenabschnitten entladen, abgezogen, und als Ergebnis zierten zahlreiche Misthalfi (kleine Haufen) die Feldfläche.

In den darauffolgenden Tagen ging es ans Mistbroatn, was heisst, diese Halfi mit der Mistgabel möglichst gleichmäßig zu verstreuen, und bei dieser Tätigkeit war auch Mutter häufig zu finden. Das Heimfahren mit dem leeren Mistgoam sah kurios aus, weil sich jetzt das kleine Rad auf der talwärtigen Seite der Achse befand, aber indem das Gewicht weg war, bestand auch keine Gefahr zum "Umschmeißen" mehr.

Informationen zum Artikel:

Streu und Mist

Verfasst von Karl Lackner

Auf MSG publiziert im Juni 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Bucklige Welt, Thomasberg
  • Zeit: 1950er Jahre

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.