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Fichtenbirnbaum, Beitrag 1 von 1

Mein Fichtenbirnbaum

von Edith Hahn

Ein Birnbaum in voller Blüte

Meine Eltern hatten zwei Kriege und sehr schlechte Zeiten mitgemacht und so war es nur logisch, im Garten viele Obstbäume zu setzen. Der Gedanke war einleuchtend: Obst genug für die Selbstversorgung sollte da heranwachsen. Mutter liebte Birnen, und so wurden Birnbäume verschiedener Sorten gesetzt. Ein Baum wurde sogar fünfmal veredelt und brachte folglich fünf verschiedene Birnenfrüchte. Und dann war da noch der "Fichtenbirnbaum."

Nanu, von dieser Sorte haben Sie noch nichts gehört, noch nichts gelesen? Ganz klar: bei dem Namen handelt es sich nicht um die Bezeichnung einer Sorte, sondern lediglich um eine lokale Zuordnung. Der Birnbaum stand in der Nähe einer Fichte. Diese Fichte wurde durch Blitzschlag zerstört, der Birnbaum konnte sich ausbreiten und nahm den Namen seiner gestürzten Nadelnachbarin an. Fortan hieß er „Fichtenbirnbaum“. Es war gut auf der Bank unter ihm zu sitzen oder darauf stehend nach Norden zu blicken. In den Zeiten des „Eisernen Vorhanges“ sah man am Horizont die tschechoslowakischen Waldrücken mit den damals unvermeidlichen Wachttürmen.

Der Fichtenbirnbaum hatte sehr kleine, kugelige Birnen mit gelbem Fruchtfleisch und vielen Kernen. Sie waren geschmacklich durchaus gut, aber sehr mühsam zu essen. Viele fanden den Weg zu den hauseigenen Haflingerpferden oder zum Vieh der Nachbarschaft. Einstmals brachte ein Fremder große Aufregung ins Dorf: Als er nämlich nah zum Haus kam, vermutete man, dass er  mögliche Autodiebstähle ausspioniere... Aber dann war es doch nur ein Liebhaber pausbäckiger Fichtenbirnen und alles war ganz harmlos.

Fast alljährlich überschüttete eine Flut von Blüten das Geäst des braven Fichtenbirnbaumes. Kam auch nicht aus jeder Blüte eine Frucht, so war mir doch sein überschwengliches Blühen ein tief berührendes Erlebnis. Je älter ich und je älter der Fichtenbirnbaum wurden, desto mehr liebte und bewunderte ich seine Blütenpracht. Als vor Jahren schrecklich schwerer Rauhreif hier viele, viele Bäume brach, brachte das auch den Abschied von meinem Baum. Der Zerbrochene mußte gefällt werden. Er hatte etwa siebzig Winter überstanden. Ein Foto seiner Blütenpracht blieb mir als Erinnerung.

Im Alter von 48 Jahren konnte ich eine neue Arbeitsstelle antreten und damit drohender Arbeitslosigkeit entgehen. Eine Vergrößerung des Fichtenbirnbaumfotos hängte ich bei meinem Tisch auf. Nach und nach wurde für mich der noch im Alter so reichlich Blühende zum Symbol von Sinnhaftigkeit und Schönheit, über seine besten Jahre weit hinausreichend. Und jetzt, fast ein Jahrzehnt später, hängt das Bild bei mir zu Hause, gleich gegenüber der Eingangstüre. Gerne sehe ich es mir an und bin überzeugt, im Lebensherbst noch Brauchbares, vielleicht Hübsches, hervorzubringen.

Informationen zum Artikel:

Mein Fichtenbirnbaum

Verfasst von Edith Hahn

Auf MSG publiziert im Mai 2009

In: Lebensgeschichtliche Fotorevue, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Waldviertel, Karlstein an der Thaya
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre, 1960er Jahre, 1970er Jahre, 1980er Jahre, 1990er Jahre

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