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Margeritenwiese

von Sigrid Birgmann

Vor Kurzem, an einem wunderschönen Spätsommertag, beschlossen wir, einen Ausflug nach Bad Aussee zu machen. Ein lang gehegter Wunsch von mir, dort nach den Spuren meiner Kindheit zu suchen. Fast ein ganzes Leben ist es her, dass ich dort meine Sommerferien verbrachte. – Verbringen musste!

Der Tod meines Vaters 1951 war ein brutaler Schlag und veränderte unser kleines Leben vollkommen.

Meine Mutter stand mit uns Mädchen, ich war knapp sieben, meine Schwester elf Jahre alt, plötzlich allein und mittellos da. So musste sie die kommenden Jahre in den Schulferien immer dafür sorgen, uns möglichst gut unterzubringen, um für unseren Unterhalt arbeiten gehen zu können. Damals nahm sie das Angebot ihres früheren Dienstgebers, bei dem sie als junges Mädchen im Hotelgewerbe ausgebildet worden war, dankbar an, in der Saison in den Schulferien im Hotel Post in Bad Aussee zu arbeiten.

Also auf nach Bad Aussee!

Für mich, die noch nie von daheim fort war, ein recht aufregendes und spannendes Unterfangen, ohne den Schutz meines Papas in die weite Welt hinaus zu fahren. Allein schon die Zugfahrt, von Salzburg nach Bad Ischl mit der lustigen Ischlerbahn, begeisterte mich.

Herrlich, in diesem schwarzen, dampfenden und prustenden Ungetüm auf Schienen durch die Landschaft zu rattern. Am Ende dieser Fahrt hatte ich ein total verrußtes Gesichtchen, weil ich vor lauter Neugierde die ganze Strecke den Kopf zum Fenster hinaushielt. Notdürftigst wurde ich von Mama etwas gesäubert, und schon ging es gleich weiter mit dem gelben Postbus nach Bad Aussee. Dort wurden wir von der Familie Zechmeister, den Besitzern des Hotels, schon erwartet.

„Hotel Post“ – das war seinerzeit eine ganz besondere Adresse. War doch Bad Aussee schon in den frühen fünfziger Jahren ein aufstrebender, nobler Kur- und Fremdenverkehrsort. Die Gäste wurden auch nicht Touristen oder Urlauber genannt. Nein, es waren die Sommerfrischler. Sogar Franzosen und viele Engländer sind in der Post abgestiegen.

Na, da machte ich aber Augen, wie wir drei mit unserem Kofferl vor diesem imposanten Haus standen. Links und rechts des Eingangs ein großer Blumenbottich und daneben je ein riesiger Korbstuhl mit verlockend dicken Pölstern drin. Zum Schrecken meiner Mutter hüpfte ich gleich in einen dieser Sessel und habe mich wohlig in diese Herrlichkeit gekuschelt. War ich doch ordentlich müde von der aufregenden und langen Fahrt. Die Besitzer des Hotels, die Familie Zechmeister Senior und Junior mit ihren vier Kindern, haben uns recht freundlich und herzlich empfangen. Sogleich brachten uns die Kinder zur Stärkung einen großen Korb Obst.

Ich wollte auch gleich in so einen verlockenden Apfel beißen, wurde aber von den Kindern lachend daran gehindert. Hatte ich doch eine Orange in der Hand, die mir bis dahin unbekannt war. Auch das fremde gelbe, gebogene Ding schmeckte köstlich. Bei Tee (mit Milch – Frau Zechmeister Junior war eine Engländerin) und feinen Keksen, wurden dann mit unserer Mutter die Vereinbarungen unseres Aufenthaltes besprochen.

In meinem kindlichen Glauben waren wir soeben im Himmelreich angekommen und jetzt, gleich darauf, die Ernüchterung. Wir konnten nicht bei Mama bleiben!

Wir wurden auf die Obertressen, das ist ein Ortsteil von Bad Aussee oben am Berg verfrachtet, zu einer für mich damals sehr alten Frau, bei der wir die nächste Zeit bleiben mussten, weil unsere Mutter uns bei ihrer Arbeit im Hotel ja nicht brauchen konnte. Auch meine Tränen nützten nichts, selbst das Versprechen, Mama an ihren freien Tagen besuchen zu dürfen, konnte mich zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich trösten.

Mit verweinten Augen musterte ich dann die neue Gegend. Ein wunderschönes altes Ausseer Holzhaus, umgeben von einem bezaubernden, blühenden Bauerngartl. Am Haus eine geräumige Glasveranda mit schnuckeligen weißen Spitzenvorhängen. Vor dem Garten aber erstreckte sich eine herrliche Margeritenwiese, die von mächtigen Fichten und Tannen des nahen Waldes begrenzt wurde. Hinter dem Haus stieg die Wiese behutsam zu den gewaltigen Felsen des Loser an. Geißlein, Hühner und Hasen hatten hier ihr Reich. Dieser Anblick ließ mich dann einigermaßen meinen Schmerz vergessen.

Apropos, Geißlein! Eine der weniger schönen Erinnerungen dieser Zeit war unser tägliches Frühstück. Eine große bauchige Tasse warmer Ziegenmilch mit viel Zucker verrührt. Brrrrrr! Sicherlich war es gut gemeint von unserer Gastgeberin. Wahrscheinlich wollte sie uns dünne Gestalten etwas aufpäppeln. Da sich meine Schwester aber immer strikt weigerte, diesen „Morgentrunk“ zu sich zu nehmen, blieb mir nichts anderes übrig, als auch ihre Ration zu verputzen, da wir ansonsten nicht vom Tisch durften.

Dann endlich kam der langersehnte Tag an dem wir unsere Mama besuchen durften. Das waren immer die schönsten Stunden. Die Familie Zechmeister mit ihrem großen, eleganten schwarzen Auto unternahm auch viele herrliche Ausflüge mit uns. Was hatte ich da in meiner kleinen Welt erlebt. Wir fuhren zum Grundlsee, Toplitzsee und nach Altaussee. Auch wenn mir bei diesen Ausflügen in dem schaukelnden Auto immer fürchterlich schlecht wurde, wollte ich dieses mir ansonsten fremde Vergnügen nicht missen.

Aber die schönste Zeit geht immer am schnellsten vorbei. Mama musste wieder zur Arbeit und wir Mädels sind schweren Herzen Richtung Obertressen gewandert. Es war ein langer, steiler Weg. Ein gutes Stück ging es durch den dunklen Wald. Gott, hab ich mich da immer höllisch gefürchtet. Um unsere ängstlich klopfenden Herzen zu übertönen, sangen wir jedes Mal ganz laut „Lustig ist das Zigeunerleben“. So lange bis wir oben ankamen, aus dem Wald traten und dann mitten in der herrlichen Margeritenwiese standen.

Bei Schlechtwetter durften wir sogar mit den Kindern der Zechmeisters im Hotel in deren eigenen Spielzimmer spielen. Zimmer Nr. 3! Man stelle sich vor, ein großes Zimmer, allein für Kinder, mit den herrlichsten Spielsachen voll geräumt! Ein Puppenhaus, eine elektrische Eisenbahn, die lustig mit einem Karacho durch das Zimmer flitzte. Puppen, Bären, in jeder Größe, Puppenkochtöpfe und vieles mehr. Es war einfach wie im Märchen.

Am interessantesten aber war für mich, wenn wir den großen Hinterhof des Hotels erkundeten.

Die Familie hat neben dem Hotel auch eine Brennerei für edle Liköre und Brände betrieben. Zechmeister-Liköre und Brände waren damals sehr bekannt und sehr begehrt. Und deshalb lagerten in dem großen Hof auch einige riesige Eichenfässer. Ein idealer Platz, um Versteck zu spielen. Was war das doch für ein Riesenspaß.

Aber auch die noblen Zimmer des Hotels interessierten mich brennend. Diese wunderschönen Möbel, Sessel mit weichen Pölstern, Spitzenvorhängen, und kuscheligen Daunenbetten. Das vornehme Erzherzog-Johann-Zimmer mit den vergoldeten Wasserhähnen an Badewanne und Becken. (Hatten wir daheim doch nur ein Waschbecken.) Es war einfach faszinierend. Überall an den Wänden, imposante Ölbilder mit Jagdmotiven. Ich konnte mich an den für mich fremden Dingen einfach nicht satt sehen.

Dann erst das Tafelgeschirr! Lauter Silberkännchen, Tassen, Teller, Silberbesteck und herrliches hauchdünnes Porzellan. Für mich einfach eine andere Welt.

Die große Hotelküche, mit ihren verlockenden Gerüchen. Der Chefkoch mit seiner lustigen hohen weißen Kochhaube steckte uns auch immer einige Köstlichkeiten zu. Es war paradiesisch!

Es war eine schöne Zeit. Trotzdem war ich glücklich, wieder heimzukommen, meine Mama wieder für mich zu haben und zur Schule zu gehen.

Die Jahre sind dahingegangen. Die alten Zechmeisters leben schon lange nicht mehr. Aus den Jungen sind die Alten geworden. Vor vielen Jahren schon wurde der ganze Besitz verkauft und die Familie lebt seitdem in England.

Und ich, ich wollte nach so langer Zeit mir vertraute Orte wieder aufsuchen. Was habe ich eigentlich erwartet? Keine Veränderung? Wie kann man nur so naiv sein?

Das Hotel gibt es schon lange nicht mehr, hat man mir gesagt. Das alte, ehrwürdige Haus wurde abgerissen und umgebaut. Die riesigen Eichenfässer, unser Abenteuerspielplatz, der große Hof haben zwei sterilen Wohnblöcken weichen müssen. Der aristokratische, romantische Hauch des Hauses wurde von der Zeit und dem Fortschritt zugeschüttet.

Der Waldweg zur Obertressen ist jetzt eine Autostraße. Statt „Lustig ist das Zigeunerleben“ hört man jetzt nur Motorengeräusche.

Auch das schöne Ausseer Holzhaus mit seiner Glasveranda und das Bauerngartl ist nicht mehr da. Moderne Häuser, Straßen, Autos und Touristen!

Ich finde mich nicht mehr zurecht. Wehmütig schaue ich zu den mächtigen Felsen des Loser hoch. Gott sei Dank, dass man Berge nicht versetzen kann.

Und wo ist meine Margeritenwiese? Veränderungen und die Zeit haben auch sie zugedeckt.

Informationen zum Artikel:

Margeritenwiese

Verfasst von Sigrid Birgmann

Auf MSG publiziert im September 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Obersteiermark-West / Oberösterreich, Traunviertel, Salzkammergut, Bad Ischl
  • Zeit: 1950er Jahre

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