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Stagel, Beitrag 1 von 1

Zupfte Nockerln

von Johanna Schmiedpeter

Meine Kindheitserinnerungen sind eng mit den Wohnverhältnissen bei meinen Großeltern verknüpft und hier wieder mit der Küche. Sie war klein, bot nur Platz für die Kredenz, das Möbel zur Aufbewahrung des Geschirrs, die Kohlenkiste, unentbehrlich für den kleinen Kohlevorrat zur Beheizung des gemauerten Herdes; außerdem stand darin ein Tisch, ein Stockerl und ein Wasserbankl. Es war dies eine Bank, aus rohem Holz gezimmert, auf der unser „Badezimmer" Platz fand: eine Waschschüssel, die Wasserkanne mit dem Häferl daneben und eine Seifenschale. Genug für die tägliche Körperpflege.

Für Sauberkeit sorgte das Scheuern der Bank mit der „Ausreibbürste“, deren starken Borsten kein Schmutz widerstand. In dieser Küche war ich stets in nächster Nähe meiner Großmutter. Sie war eine ausgezeichnete Köchin, die aus dem Wenigen, das wir besaßen, die leckersten Gerichte zauberte. Das „Über-Drüber" für mich waren „Zupfte Nockerln“.

Großmutter machte natürlich alle Teige selbst, auch den Strudelteig. Er wurde über den ganzen großen Tisch gezogen, und was über die Tischkante hing, schnitt sie weg. Doch nicht, um es wegzuwerfen, bewahre! Dieser Teig wurde in ein Erdäpfelgulasch hineingezupft, was eben „Zupfte Nockerln" ergab. Ich habe in meinem ganzen Leben nie wieder eine derart köstliche Speise gegessen, und die Erinnerung an meine Großmutter ist untrennbar damit verbunden.

Wie schon gesagt, war ich bei jeder Arbeit meiner Großmutter dabei, so auch beim Bügeln. Dazu brauchte man einen „Stågl“ [Stagel]. Großmutter legte dieses Eisenstück direkt ins Herdfeuer und beließ es dort, bis es rot glühte. Dann wurde das Türchen auf der Hinterseite des Bügeleisens geöffnet und der glühende Stågl, der genau hineinpasste, mit einem Haken hineingeschoben. Nun konnte das Bügeln losgehen. Um nach dem Abkühlen keine Pause einlegen zu müssen, harrte schon ein zweiter Stågl auf seinen Einsatz im Feuer.

Informationen zum Artikel:

Zupfte Nockerln

Verfasst von Johanna Schmiedpeter

Auf MSG publiziert im Mai 2009

In: Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

Anmerkungen

Dieser Beitrag wurde nach einem Schreibaufruf der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" zum Thema "Alltagsgeschichte und Sprachwandel im 20. Jahrhundert" verfasst.

Copyright

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