Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > Worte der Kindheit > Z: 14 Beiträge

Zöger, Beitrag 1 von 1

Weinviertler Maße und Mundart

von Elfriede Wondrusch

Mein Stiefonkel, Herr Kramer, geboren 1888, Bauer in Hautzendorf, besuchte meine Großmutter täglich. Er redete seine Mutter noch in der dritten Person an: „Håbts ös …“ Fast täglich sprach er von den Advokaten, die in seinen Augen alle Falotten waren. Auch „Sumper“ und „Plutzer“ gehörten zu den Schimpfwörtern, die er gerne vergab.

Meine Großmutter sagte „Bojazza“, wenn sie ihrem Unmut Ausdruck geben wollte. Wenn eine Frau einen lachenden, rot bemalten Mund hatte, meinte sie: „Die bießt wia a Stoanmarder“ (sie fletscht ihre Zähne wie ein Steinmarder).

Mein Stiefonkel brachte manchmal kleine Geschenke mit, zum Beispiel eine Flasche Wein im Zöger, das ist ein Behälter für eine Flasche, den man über die Schulter hängte. Oder er brachte ein Simperl, das ist eine flache Schüssel, aus Stroh geflochten, mit einem „Oasch voll Weinba“ (eine nicht näher bestimmte Menge Weintrauben).

Andere gebräuchliche Maße waren eine „Schmalzdestn“ – eine konische Metalldose mit zwei Henkeln, die 25 Liter fasste –, oder eine „Krenzn“, ein geflochtener Buckelkorb für Heu oder Gras.

Sie sprachen die ui-Mundart und unterschieden noch nach dem Geschlecht eines Wortes zwischen „zwee Hund“ und „zwoa Kiah“. Wenn sie sich über die „Fechsung“ oder die Arbeit mit dem „Pflui“ (Pflug) unterhielten, fielen Sätze wie: „Waunst nid vieri schaust, bringst dei Lebdå koa gråde Furi zaum“ (Wenn du nicht nach vorne schaust, bringt du dein Leben lang keine gerade Furche zusammen).

Einmal erkundigte sich die Großmutter – sie starb 1956 –, wie ein Mähdrescher funktioniert. Die Antwort: Der Kåstn auf Radln fåhrt übers Feld, vurn schneid’s die Halm å, oben blåst’s aus an Rohr die Kerndln aufn Gummiwågn und hinten scheißt’s die bundenen Binkeln auße.“

Informationen zum Artikel:

Weinviertler Maße und Mundart

Verfasst von Elfriede Wondrusch

Auf MSG publiziert im April 2009

In: Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Weinviertel, Hautzendorf
  • Zeit: 1930er Jahre

Anmerkungen

Dieser Beitrag wurde nach einem Schreibaufruf der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" zum Thema "Alltagsgeschichte und Sprachwandel im 20. Jahrhundert" verfasst.

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.