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Sauschneider, Beitrag 1 von 1

Seltsame Erscheinungen

von Cilli Lindner

Eine eigenartige Erinnerung habe ich an die Bettler. So zerlumpte, geflickte Kerle. Am Rucksack waren das Geschirr, Häferln und Schüsseln befestigt. Das bimmelte beim Gehen. Unsere Mutter gab diesen Fremden ein Essen auf die Hausbank. Im Winter kamen diese Leute in die Stube. Im unteren Eck war der Platz. Blieb einer über Nacht, so kam er in den Stall. Ab und zu lag jemand auf dem Stubenboden. Viele solche Nächtigungen erlebte ich als Kind, besonders nach dem Krieg. Es war oft Sorge dabei, wenn Soldaten mit Krankheiten daherschwankten. Wir Kinder hörten mit und hatten oft Angst.

Ein Bettler war der „Bravemann“. Dieser war voll Dankbarkeit mit seinem: „Brav! Brav!“ Da lachten wir Kinder. Er wiederholte sein „Brav!“ Uns gefielen seine Gutmütigkeit und das verrußte, bärtige Gesicht mit den Stoppeln. Den Rauchfangkehrer fürchteten wir besonders.

Wüste Typen waren für uns die Sauschneider, der Geyrhofer aus Schwertberg und seine beiden Helfer. Sie kastrierten einen Hengst, den Stier, Schweine. Wir erlebten diese Prozedur aus der Entfernung durch das Fenster. Die Neugierde war groß, doch ein Unbehagen war dabei. Dann eine Erleichterung, wenn diese Operation vorbei war.

Ein Knecht bei uns hatte einen Höcker. Er war „ausgewachsen“, wie die Leute sagten. Sein Name war Kaltenberger, er wurde Sepp gerufen. Er ging schief und gebeugt durch das Leben. Wir Kinder durften seinen Rücken waschen. Es war für mich ein interessantes Waschen, auf den Unebenheiten dieses Rückens.

Eine Magd war bei uns, eine „Verstudierte“! Diese Gisela Wahlmüller zeigte uns ihre obere Machart. Sie war stolz auf den Busen. Sie hatte ein sehr gutes Aussehen. Sie war groß, hatte gelocktes Haar und eine Körperfülle. So meinten die Fremden, sie sei die Bäuerin. Solche Feststellungen waren Balsam für ihre kranke Seele. Eine Karte aus der Jugendzeit zeigte sie uns öfter. Da stand zu lesen: „Roter Apfel, süßer Kern, du Luder, magst mich gern? So eine, wie du bist, find ich täglich unterm Mist.“ Sie hatte eine Freude mit dieser Schreiberei. „So was G’rissns“, sagte sie.

Manchmal blieb sie für ein paar Tage in ihrer Kammer. Es gab keine Annäherung. Mutter stellte das Essen zur Tür. Ohne Erfolg. Von ihrem Stiefvater hatte sie zwei Söhne. Grund zum Leiden!

Informationen zum Artikel:

Seltsame Erscheinungen

Verfasst von Cilli Lindner

Auf MSG publiziert im April 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich, Mühlviertel, Bad Zell
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

Anmerkungen

Die Erzählung stammt dem Erinnerungsbuch "Aus'n oanfachn Lebm" von Cilli Lindner, S. 43 f.

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