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Schlenkeltage, Beitrag 1 von 1

Ausdrücke und Aussprüche meines Vaters

von Maria Medla

Es ist mir eine liebe Gewohnheit geworden aufzuschreiben, was ich alles in meiner Jugend noch erlebt habe, und der „Doku“ meine Gedankengänge zur Verfügung zu stellen.

Heute möchte ich mit den Redewendungen meines Vaters beginnen. Er war Jahrgang 1890, und da damals in der Landwirtschaft noch Handarbeit üblich war, sagte er zur Sense, mit der das Korn gemäht wurde, „Bledern“ [Pledern] oder „Wachla“. An ihrem Stiel war in einem Rundbogen ein Leinentuch montiert, sodass die Halme beim Mähen in eine Richtung fielen. Dieses Gerät kennt man heute nicht mehr.

Das gemähte Korn wurde zu „Bessln“ (Garben) gebunden und zu „Huatmandln“ aufgestellt. Gedroschen wurde mit einem „Broatdrescher“ (Breitdrescher) oder „Stiftelmaschine“. Da kamen das Stroh und das unreine Korn zusammen aus der Maschine. Das Stroh musste von den „Beitlerinnen“ (Beutlerinnen) aufgenommen noch ausgeschüttelt werden, Männer banden es zu Schabass. Das noch mit Strohresten vermischte Getreide musste gereitert und später mit der Windmühle gereinigt werden.

Wenn am Ende eines langen Arbeitstages die Dämmerung hereinbrach, so sagte man dazu „Zwischenliachtn“ [Zwischenlichten], was man  heute gar nicht mehr hört. War es diesig, so hieß das „auriki“. Bevor die Petroleumlampe angezündet wurde, hielt man kurze Rast, das nannte man „interliachtn“ halten.

Die Tage zwischen Weihnachten und Heilige-Drei-König hießen die „Schlenkeltage“, da wechselten die Dienstboten der Bauern den Dienstplatz. Sie banden ihre Habseligkeiten in ein großes Tuch. Das hatte an allen vier Zipfen Bänder, mit denen wurde das Ganze zu einem „Schlenkel“ gebunden. Beim Einstand am neuen Dienstplatz wurden sie mit einem „Bschoadessen“ begrüßt.

Der Backofen war oft so gebaut, dass er in die Stube hineinragte und diese mit erwärmte. Man nannte diesen „Pawlatsch“, und er war ein beliebter Platz für Hauskatzen.

Vater wusste auch viele lustige Sprüche, die musste er meiner Schwester und mir immer wieder vorsagen, so zum Beispiel: „D’ Schwiegerliesl und da Hoisee, da Karlfranz und da Bagamee, da Bagamee und da Karlfranz, dei drei Poar hom schei tanzt.“

Oder dieses Zwiegespräch: „Wo bist denn g’wesen?“ – „Im Hoamatswesen.“ – „Host du dir was mitbracht?“ – „A Kranzlkrauda?“ – „Bist vielleicht gor a Braut, wen heiratst denn noacha?“ – „An Haftlmocha.“ – „An Haftlmocha? Da hätt i do liaba an Bauernbuam g’heirat“ – „An Bauernbuam? Da hätt ma ja die ganze Nacht koa Ruah – bald kraht der Hauhn, bald plärrt die Kuah dazua!“

Jetzt noch zu den Kraftausdrücken: Machte jemand ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter, so sagte man damals gerne: „Na, der mocht a ‚Treatschn’“ oder „er losst den Zipf hänga“. Gab jemand an und wollte mehr erscheinen, als er wirklich war, hieß es oft: „Na, der hots notwendig, dem hängt eh no der Darm nach …“ oder: „Der woaß a nimmer, dass eahm da Godern am A… auffihaut“.

Wäsche waschen an Samstagen war ein Armutszeugnis, denn: „Nur Bettelleute waschen an Samstagen!“ Es hieß: „Oa Kutten aun, die andere am Zaun.“

Ich bin Jahrgang 1927, und all das ist mir noch Kindheitserinnerung.

Informationen zum Artikel:

Ausdrücke und Aussprüche meines Vaters

Verfasst von Maria Medla

Auf MSG publiziert im April 2009

In: Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Waldviertel, Litschau-Umgebung
  • Zeit: 1930er Jahre

Anmerkungen

Dieser Beitrag wurde nach einem Schreibaufruf der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" zum Thema "Alltagsgeschichte und Sprachwandel im 20. Jahrhundert" verfasst.

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