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Falscher Hase, Beitrag 1 von 1

Tierischer Speiseplan

von Wilhelmine Hinner

Einmal wollte ich meiner Mutter beim Geschirrabwaschen helfen. Ich stand vor dem schmutzigen Geschirr und fing fürs Erste an, es Stück für Stück abzuzählen: ein, zwei, drei, vier, fünf, sechs Teller; ein, zwei, drei, vier Häferln; drei Reinderln, zwei Töpfe – und die vielen Gabeln, Löffeln und Messer!

Ich schlug die Hände zusammen und meinte: „Wieso ist so viel Geschirr da, wo wir doch fast nichts zu essen haben?“ Das war von mir aber nur so blöd hingesagt, denn zu essen hatten wir immer etwas. Nur ich brauchte nie viel. Aber wir waren doch vier Personen. Nachdem alles Geschirr abgezählt war, schickte ich mich an, Wasser auf den Gasherd zu stellen, aber irgendwann sagte Mutter meist: „Lass das stehen, ich mach es mir selber.“

Unser Essen war sehr abwechslungsreich. Es gab immer Suppe, Gemüse, dazu Fleisch und Kartoffel, und als Nachspeise meist etwas Gebackenes. So gab es zum Beispiel „Eingebrannte Hunde“ (Erdäpfel mit Wurst), „Falscher Hase“ (Faschierter Braten) und „Gebackene Mäuse“ (eine Mehlspeise). Zur Knackwurst sagte man „Arbeiterforelle“, aber nicht bei uns zu Hause.

Heutzutage weiß man nicht, was man kochen soll. Auch da ist viel in Vergessenheit geraten. Die gute alte Kost kennt man heute nicht mehr. Ich habe noch ein altes Kochbuch, da kann man staunen, wie viel Fett und Zucker verwendet wurde.

Trotzdem waren wir Kinder alle „Krispindel“. Wir liefen am liebsten zum „Pepihacker“ oder „Ihaha“ – das war der Pferdefleischhauer – und holten uns um zehn Groschen zehn Deka „Dürre“.

Im Sommer gingen wir Jungen sehr gerne ins nahe gelegene Theresienbad schwimmen. Dort ließ ich mich in der Sonne „obrennan“. Ich wäre so gerne braun gewesen, doch leider wurde ich es nie, denn ich hatte eine helle Haut und meine Haare waren rotblond. Ganz verbrannt kam ich jedes Mal nach Hause, alles brannte an meinem Körper, und das Liegen im Bett war fast unmöglich. Am zweiten Tag fing ich mich wie eine Schlange zu schälen an und zog mir die verbrannte Haut nach und nach von meinem Körper herunter. Meine „Gugaschecken“ aber wurden dabei noch stärker.

Informationen zum Artikel:

Tierischer Speiseplan

Verfasst von Wilhelmine Hinner

Auf MSG publiziert im Mai 2009

In: Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 12. Bezirk
  • Zeit: 1930er Jahre

Anmerkungen

Dieser Beitrag wurde nach einem Schreibaufruf der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" zum Thema "Alltagsgeschichte und Sprachwandel im 20. Jahrhundert" verfasst.

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