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Schådenhålter, Beitrag 1 von 1

In der „Gegend“

von Erika Schöffauer

 

Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war auch in Österreich geprägt von Inflation, Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und Armut. Ich persönlich war davon insofern betroffen, als sich die Eltern auf Grund der misslichen Verhältnisse nicht mehr verstanden und sich trennten. Deshalb kamen mein Bruder und ich von der Stadt aufs Land zu Verwandten, die Bauern waren.

Meine älteste Erinnerung an Ausdrücke, die ich nicht kannte, stammt aus dem Jahr 1929 und bezieht sich auf das Wort „setenes“.

Wir spielten mit den Nachbarskindern, meine Cousine verteilte Stoffreste und Bänder für die Puppen, und da sagte eines der Bauernkinder: „Gib mir noch a setenes!“ Ich war neu in dieser Gruppe und verstand das Wort nicht. Da erklärte mir meine Cousine – sie war schon ein paar Wochen am Land und sehr stolz auf ihr Wissen –, dass dies „ein solches“ heißt.

Ab dem Jahr 1932, als ich im Gegendtal auf einem Bauernhof lebte, lernte ich sowohl Bräuche als auch Redensarten kennen. Die „Gegend“ befindet sich in Kärnten, zwischen Villach und Radenthein. Es wird dort auch heute noch viel Dialekt gesprochen.

Zu den alten Leuten durfte man nicht „du“ sagen, auch nicht, wenn es Verwandte waren, sondern „es“ (mit langem e) oder „eich“, zum Beispiel: „Habts es schon …“ oder „I gib eich …“ Vielfach wurden auch die Eltern nicht mit „du“ angesprochen.

Einige Bezeichnungen, wie ich sie noch in Erinnerung habe: „Trickenhuder“ war ein Handtuch, „Leilach“ ein Leintuch, „Gulter“ die Bettdecke, „Wechl“ eine kleine Tischdecke aus Leinen, „Hemat“ ein Hemd.

„Z’ebrest“ war ganz oben, „z’intrest“ ganz unten, „eachl oachen“ hieß hinunter und für übersiedeln sagte man „plindern“ (plündern). Als ich vor ein paar Jahren in Kleinkirchheim zum Schilaufen war, hörte ich den Satz: „Habts es schon geplindert?“, das war Musik für meine Ohren.

Erdäpfel nannte man Fletzbirn, Blumen nannte man „Bieschn“. Auf den Gängen rund um das Haus herum pflanzte man „Nagl“ (Nelken); diese wurden am Kirchtag zu „Kirchtagbieschn“ gebunden, und die Mädchen steckten ihrem Liebsten einen solchen „Naglbieschn“ an den Janker.

Der Jahreskirchtag war ein großer Festtag. Die Burschen trugen Lederhosen und Janker, die Mädchen gingen im Dirndlkleid. Man sah die verschiedensten Dirndlkleider und Trachten, die Frauen trugen schöne Bänderhüte, Hauben, auch Goldhauben.

Außer dem Kirchtag gab es einmal im Jahr einen Markt, der große Bedeutung hatte und sehr beliebt war. Besonders freuten sich die Kinder, denn zu diesem Markt kamen Verwandte und Bekannte von ihren Höfen ins Tal. Vieh und Rösser wurden zum Kauf angeboten. Es gab viele Standln mit allerlei schönen und guten Sachen, und irgendein Onkel oder eine Tante vom Berg zahlte den Kindern wahrscheinlich ein paar Zuckerln oder Türkischen Honig.

Die schlimmste Erinnerung aus dieser Zeit habe ich an den Brauch, dass die Verstorbenen im Haus aufgebahrt wurden. Der Kerzengeruch, das Weinen und Beten, und dass drei Tage lang dunkle Gestalten im Haus umhergingen. Ich hatte immer große Angst.

Einen anderen Brauch habe ich in Zusammenhang mit der Flachsernte, dem sogenannten „Hoar-Rafn“ (Haar-Raufen), in Erinnerung. In der Mitte des Flachsfeldes wurde auf einem langen Stock ein Kranz angebracht. Der Sinn war, dass die Magd, die beim „Rafn“ als Erste diesen Kranz erreichte, im kommenden Jahr mit einem Mann zum Heiraten rechnen konnte. Im Prinzip wurden die Mägde auf diese Art nur angeregt, schneller zu arbeiten.

Im Herbst wurden die Kühe auf die „Halt“ gebracht, und wir Kinder mussten die „Kiah håltn“. Da gab es einen Spruch, den man rief, wenn etwa die Nachbarskinder ihre Kühe auf fremden Wiesen fressen ließen. Er ist ziemlich derb, aber wir riefen: „Schådenhålter, Schådenhålter, Dreckaufg’hålter, Banabeißer, Hosenscheißer!“

Informationen zum Artikel:

In der „Gegend“

Verfasst von Erika Schöffauer

Auf MSG publiziert im April 2009

In: Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Kärnten, Oberkärnten, Gegental, Radenthein-Umgebung
  • Zeit: 1920er Jahre, 1930er Jahre

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