Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > Worte der Kindheit > S: 63 Beiträge

Stopfholz, Beitrag 1 von 1

Vom Taferlklassler zum Zahlfräulein

von Gabriele Adrigan

Bitte, verzeihen Sie, wenn ich Ihnen schon wieder ein paar „Kuriositäten“ schreibe. Aber wissen die sechsjährigen Kinder heute noch, warum man sie Taferlklassler nennt? Sie wissen ja nichts von einer Tafel, die für uns damals das Wichtigste war: Eine Schiefertafel, auf der wir mit einem Griffel zuerst Haar- und Schattenstriche übten, bis dann die Buchstaben geübt wurden – kurrent, versteht sich. Die Schiefertafel hatte einen Holzrahmen, und an einer Schnur war ein Schwamm befestigt, der dann beim Deckel der Schultasche heraushing.

Erst später lernten wir mit Tinte und Feder auf Papier zu schreiben. Es gab Spitzfedern und Breitfedern, und die Spitzfedern wurden manchmal, wenn man schon länger damit geschrieben oder zu energisch aufgedrückt hatte, „zerspragelt“ [zersprageln] oder „gespragelt“, also unbrauchbar.

Dann gab es früher auch „Backfische“, das heißt, junge Mädchen, die keine Kinder mehr, aber noch nicht richtig erwachsen waren. Heute hört man nichts mehr von ihnen, obwohl die Mädchen zweifellos immer noch dieses Alter durchleben. Der Ausdruck kommt, wie ich gehört habe, davon, dass zu kleine Fische, die nicht verkauft werden konnten, von den Fischern ins Meer zurückgeworfen wurden, also „back“ ins Wasser kamen.

Um 1930 gab es noch keine Dauerwelle, die Friseure mussten „ondulieren“, nämlich mit einem „Onduliereisen“ [Brennschere] die Haare zu Wellen formen. Das war nicht ganz leicht, musste gelernt und geübt werden.

So wie es früher keine Dauerwellen gab, gab es auch keine Nylonstrümpfe oder Strumpfhosen. Die Kunstseidenstrümpfe bekamen Löcher, und die musste man stopfen. Dazu gab es ein „Stopfholz“ in Form eines Schwammerls. Über den „Kopf“ zog man die Stelle des Strumpfs, die zu stopfen war, und mit dem „Fuß“ hielt man das Material zusammen. In Frankreich hatte man für diese Arbeit kein „Schwammerl“, sondern ein buntes Holzei.

Früher gab es auch keine Fachschulen für Kleidermacherinnen. Man musste zu einer Schneidermeisterin in die Lehre gehen. Außer den Lehrmädchen gab es noch „Zahlfräulein“, das waren junge Mädchen, die sich Kenntnisse aneignen wollten, ohne daraus einen Beruf zu machen; einfach Kenntnisse, die man später im eigenen Haushalt brauchen konnte. Sie blieben auch keine drei Jahre wie ein Lehrmädchen, sondern eben so lange, wie die Eltern es für nötig hielten. Sie bekamen keine Lehrlingsentschädigung, sondern mussten einen gewissen Betrag zahlen.

Informationen zum Artikel:

Vom Taferlklassler zum Zahlfräulein

Verfasst von Gabriele Adrigan

Auf MSG publiziert im April 2009

In: Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Industrieviertel, Wr. Neustadt-Umgebung
  • Zeit: 1920 bis 1960

Anmerkungen

Dieser Beitrag wurde nach einem Schreibaufruf der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" zum Thema "Alltagsgeschichte und Sprachwandel im 20. Jahrhundert" verfasst.

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.