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45 Jahre und etwas mehr - I: Die Lehrzeit

von Franz Müller

Nach Beendigung der Hauptschule in Markt Piesting, nach zwei Monaten Ferien, begann für mich am 1. September 1947 der Ernst des Lebens. Ich trat in die Tischlerlehre bei der Firma Josef Haßlinger, Bau-, Portal- und Möbeltischlerei, in Wiener Neustadt, Gymelsdorfergasse 13, ein. Die Lehrzeit dauerte drei Jahre.

Dieser Betrieb wurde im Jahre 1923 in Wöllersdorf gegründet. 1932 übersiedelte das Unternehmen nach Wiener Neustadt, wo der Tischlereibetrieb der Firma Ertl übernommen wurde. Die Wohnung blieb jedoch in Wöllersdorf. Auch ich wohnte damals mit meiner Großmutter in Wöllersdorf bei Onkel und Tante. Wir fuhren täglich nach Wiener Neustadt und retour.

Zur Zeit meines Eintrittes im Jahre 1947 waren als Chefs Josef Haßlinger senior und Josef Haßlinger junior, mein Onkel, außerdem circa zehn Gesellen, ein Hilfsarbeiter und vier Lehrlinge – einer im dritten, einer im zweiten und zwei im ersten Lehrjahr – tätig. Davon war einer ich.

Eine Arbeitswoche hatte damals noch 52 Stunden. Von Montag bis Freitag je neuneinhalb Stunden, am Samstag fünfdreiviertel Stunden. Arbeitsbeginn war sieben Uhr, eine viertel Stunde Jausenzeit, eine halbe Stunde Mittagspause (diese Zeiten waren unbezahlt!). Zum Wärmen des Mittagessens stand uns ein Elektroofen (ähnlich einem Backrohr) zur Verfügung. Damals hatte ja jeder Essen von zu Hause mit. „Zuspeis" (Gemüse und etwas Fleisch, Brot); keine Wurstbrote oder Semmeln. Es gab damals Bezugsmarken für Lebensmittel. Je nach Tätigkeit und Beruf; Schwerarbeiter bekamen mehr Bezugspunkte. (...)

In den ersten Tagen meines Lehrantrittes bekam ich von der Tischlerei noch nicht sehr viel zu sehen. Es warteten einige Fuhren Holz auf uns, die gespandelt (gestapelt) werden mußten. Der Holzplatz, ein Pachtgrund, war gut über hundert Meter vom Betrieb entfernt. Daher mußte das Holz mit dem Schubkarren, Zoger genannt, transportiert werden. Je nach Ladegewicht des Holzes waren zwei bis vier Mann zum Anschieben des Gefährtes notwendig.

Zur Holztrocknung: Damals gab es noch keine Trockenkammer. Frisch geschnittenes Weichholz sollte je nach Stärke eineinhalb bis zwei Jahre lagern. Und zwar so, daß die Luft bei der Lagerung im Freien gut durchstreichen konnte. Hartholz sollte gut zwei Jahre länger lagern. Da wir damals noch kein elektrisches oder elektronisches Meßgerät hatten, überprüfte man die Feuchtigkeit des Holzes nur mit bloßem Angreifen oder durch Klopfen auf die Fläche des Holzes, je heller der Ton, desto trockener das Holz.

Zurück zur Holzschlichtung: der Holzstoß sollte circa 50 Zentimeter vom Erdboden entfernt lagern und nicht breiter als ein Meter aufgelegt werden. Die ersten Lagen bis zur Kopfhöhe wurden händisch gestapelt. Wurde der Stoß höher, so mußten die Bretter oder Pfosten über einen Holzbock mittels Hebelwirkung hinaufgedrückt, hinaufgezogen und aufgelegt werden. Diese Arbeit wurde zu zweit gemacht. Die Höhe des fertigen Holzstoßes circa dreieinhalb Meter. Abgedeckt wurde der Stoß mit alten Brettern, um vor Nässe zu schützen. (...)

Jetzt zurück in die Werkstätte. Meine Arbeiten waren zu Beginn der Lehrzeit folgende: Zuerst wurden wir jungen Spund (Lehrlinge), auch die „Gschbotn" genannt, von den beiden älteren Lehrlingen im zweites und drittem Lehrjahr unterrichtet, daß wir unter „Androhung" von Dachteln (leichte Ohrfeigen) jetzt die Drecksarbeit zu verrichten hatten: das Beheizen der Öfen im Winter, im Büro den Kachelofen, im Maschinenhaus den Ofen mit Holzabfällen, in den Handwerkstätten und im oberen Stockwerk je ein Sägespäneofen.

Diese Öfen bestanden aus einer Blechverkleidung, zweiteilig, mit einer Drehtüre, in jeden Teil paßte ein runder Kübel hinein. Er brannte etwa einen halben Tag. Beim Stopfen mit Hilfe eines Rundholzes mußte man aufpassen, daß in der Mitte ein Zugloch erhalten blieb. Je fester gestampft wurde, desto länger war die Brenndauer. Beim lockeren Stampfen bestand auch die Gefahr, daß das Brenngut einstürzte, dann rauchte der Ofen und die Gesellen schimpften uns. Einmal hatte ich großes Glück, ich stellte einen Ofeneinsatz in die Spänekammer und achtete nicht darauf, daß noch Glut im Kübel war. Zum Glück wurde dieser noch rechtzeitig entdeckt und begann nicht zu brennen. Im Erdgeschoß bekamen wir später einen größeren Ofen, der direkt gestopft wurde. In der Handwerkstätte im Erdgeschoß war noch ein größerer Ofen, der auch im Sommer zum Aufbereiten und Warmhalten des Leimes geheizt werden mußte. In diesem wurden alle Abfälle verheizt.

Am Morgen mußten wir auch das Büro auskehren. Außerdem mußte einer der Lehrbuben vor der Jausenzeit mit dem Fahrrad für die Gesellen die Jause holen. Das war nicht so einfach, denn beim Greißler gab es nicht alles. Da mußte man auch noch zum Fleischhauer und in die Bäckerei. Zigaretten waren Mangelware! Es gab fast nur amerikanische Zigaretten und diese nur in Gasthäusern. Der eine wollte aus dem einen Gashaus zwei Stück der Marke „sowieso", der nächste aus einem anderen Gasthaus drei Stück einer anderen Marke. Da hieß es fleißig in die Pedale treten, um rechtzeitig wieder zurück zu sein.

Weiters war auch darauf zu achten, daß mindestens zweimal in der Woche der Schleiftrog ausgewaschen und das Wasser gewechselt werden mußte. Der Schleiftrog war ein aus massivem Holz zusammengebauter Trog, in dem ein grober Schleifstein und ein feiner Abziehstein zum Scharfmachen der Werkzeuge eingebaut war. Grob vorgeschliffen wurden die Werkzeuge mit einer elektrischen Schleifscheibe. Wenn der grobe Schleifstein durch schlechtes Schärfen in der Mitte hohl war, mußten wir den Stein etwa zwei Mal im Jahr auf einer groben Betonfläche plan (glatt) schleifen und das knieend!

Jeden Abend mußten die Werkstätten gesäubert werden, und zwar mit einer „Holzkruckn" (ähnlich einem Schneeschieber). Mit dem Riedelbesen (ein Bündel aus Buchenzweigen) wurde nur am Samstagvormittag zusammengekehrt. Zwei Mal im Jahr, vor Ostern und Weihnachten, wurde der Fußboden mit Stauböl eingestrichen, was eine zu große Staubentwicklung verhinderte. Im Maschinenhaus war bei den größeren Maschinen eine Absaugung angebracht, die die Späne in die Spänekammer absaugte. Da dieser Späneraum nicht groß war, sammelten sich, vom Frühjahr bis zum Herbst, zu viele Späne an. Es holten Fleischhauer Späne zum Beheizen ihrer Selchkammer. Das waren jetzt einmal Arbeiten, die regelmäßig durchzuführen waren.

Einen Tag in der Woche besuchten wir die Berufsschule in Wiener Neustadt, Schneeberggasse. Unsere Lehrfächer waren Werkzeichnen, Betriebslehre, Werkstoff- und Werkzeugkunde, Staatsbürgerkunde, Rechnen und praktischer Unterricht. Wir machten auch innerhalb der drei Jahren Exkursionen, zum Beispiel zum Fumierwerk Slavonia in Wien oder zur Neudörfler Büromöbelfabrik.

Unsere ersten Arbeiten als Lehrling in der Tischlerei waren, mußten wir den Gesellen helfen. Beim Leimen, anhalten beim Zusammenbau, Werkstücke hin- und hertragen, sowie bei den Maschinen anhalten, Hobelstücke wegnehmen und abschneiden helfen. Nebenbei wurde uns beigebracht, wie die einzelnen Werkzeuge heißen und ihre Verwendung. Nach einigen Wochen bekamen wir dann unseren eigenen Arbeitsplatz. Die Hobelbank war ein älteres Stück und mußte etwas überarbeitet werden, die beiden Spindeln waren noch aus Holz. Die besseren Hobelbänke hatten Eisenspindeln. Der Werkzeugkasten, auch Zeugraum genannt, hing an der Wand. (...)

In der Werkstätte waren wir Lehrlinge auch für den Leim verantwortlich. Es gab damals nur Warmleim. Zu kaufen als Knochenleim, in Platten, in Geldscheingröße und als Perlleim in Linsengröße. Die Qualität war gleichwertig. Perlleim war jedoch schneller abgekocht. Das heißt, der Leim wurde am Vorabend mit Wasser im Leimkessel eingeweicht und am nächsten Morgen in einen Wasserbehälter gestellt und durch Umrühren aufgekocht. Er durfte jedoch nicht zu heiß werden, da er dadurch überkochte, verbrannte und an Qualität verlor.

Als kleiner Leimpinsel wurde Lindenrinde verwendet. Diese ist fasrig, wurde feucht gemacht und mit dem Hammer an der Spitze aufgeklopft. Um größere Flächen mit Leim zu bestreichen, verwendete man Pinsel und Bürsten. Der Leim selbst wurde immer warmgehalten und – je nach Verwendung, zum Furnier aufreiben stärker, zum Fugen- und Flächenleimen dünner aufgetragen. Zum Flächenfurnieren wurde etwas Schlemmkreide dazugemischt. Leimen mußte schnell gehen, da der Leim relativ rasch erkaltete („eingfrorn“) und nicht haftete.

Beim Ofen wurden die zu beleimenden Flächen und Fugen etwas vorgewärmt, dann angestrichen und die Fugen mit Leimbrettln und Gewindeschraubelementen, mittels einer Kurbel zusammengepreßt. Die zu verleimenden Flächen wurden in einer Art Stapelsystem übereinandergeleimt. Kleinere Flächen wurden mit Schraubzwingen, größere Flächen mit Furnierböcken, große Rahmen mit langen Zwingen oder Leimknechten, kleine Rahmen mittels Bankeisen und der hinteren Spinde auf der Hobelbank geleimt. (...)

Informationen zum Artikel:

45 Jahre und etwas mehr - I: Die Lehrzeit

Verfasst von Franz Müller

Auf MSG publiziert im März 2012

In: Schreibaufrufe, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Industrieviertel, Wiener Neustadt
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

Anmerkungen

"Die folgenden Seiten sollen nicht nur meine Erinnerungen wiedergeben, sondern auch einen Überblick vermitteln, wie sich das Tischlerhandwerk in diesen 45 Jahren, von 1947 bis 1993, in einem Betrieb, in dem auch ich mitgestaltete, entwickelt hat", schreibt der Autor in einem Vorwort zu seinen umfangreichen Aufzeichnungen, die hier nur in Ausschnitten wiedergegeben sind.

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