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Stutzer, Beitrag 1 von 1

Eine kleine Geschichte des Ankleidens

von Gabriele Adrigan

Kennt man heute noch die „Melone“? Im Sprach-Brockhaus aus den Dreißigerjahren steht dazu: „steifer, runder Hut“. Dafür gab es aber noch einen Ausdruck, der vielleicht mehr mit Mundart zu tun hat, nämlich „Halbkrach“.

Die Herren trugen auch „Überzieher“, einen leichten Stoffmantel für Frühling und Herbst. Die Mäntel dürften ja überhaupt mehr oder weniger unbeliebt geworden sein, da sie im Auto etwas unbequem sind. Es gab zum Beispiel noch den „Havelock“, der im genannten Nachschlagwerk als „Radmantel“ bezeichnet wird.

Man kannte aber auch früher schon ein kürzeres Kleidungsstück, das vor Kälte schützte, und zwar den „Stutzer“, der aus dickem Stoff gefertigt war, denn die Kunstfaser gab es ja noch nicht. Zu dieser Zeit trugen die sportlichen Herren „Breeches“ und „Knickerbocker“, die einmal bescheiden schmal waren, dann wieder weiter und länger.

Auch bei den Kindern hat sich einiges geändert. Für die kleineren Kinder gab es „Schnellfeuerhosen“, ein Unterwäschestück, das eine Art Overall war, mit langen Ärmeln und Beinen, am Hals hoch geschlossen. Es war aus einem grauen Baumwollmaterial gewirkt, innen aufgeraut, aber recht warm. Dieses Wäschestück trugen, glaub ich, eher die ganz Kleinen, also Kinder im Vorschulalter.

Aber es gab auch Ausnahmen. Eine Bekannte erzählte mir, dass sie diese Wäschestücke noch tragen musste, als sie schon zur Schule ging. Da diese dicken Hosenbeine unter den Strümpfen sich verschoben und „Beulen“ formten, entdeckten ihre Mitschülerinnen die Sache und spotteten. Um dem Spott zu entgehen, schob sie die Hosenbeine unter den Strümpfen möglichst hoch hinauf, was wieder die Frau Mama entdeckte und ihr eine „Dachtel“ verabreichte.

Was aber die männliche Unterwäsche betraf, gab es die „Gattehosen“, eine lange Unterhose, meist aus Barchent, ohne Gummizug, sondern um die Mitte und an den Beinen mit Köperbändern versehen, die man zusammenknüpfte. Der Name dürfte mit dem ungarischen Wort „gatya“ = Hose zusammenhängen. Und dann wäre noch das „Ruderleiberl“ zu erwähnen, das die Buben im Sommer trugen, weiß, mit bunten Querstreifen.

Noch ein Wort, das mir hinsichtlich der Rechtschreibung Schwierigkeiten verursacht hat: Ich konnte nirgends das Wort „Klot“ oder „Klott“ finden. Wen ich auch fragte: Jeder kannte das Wort, doch niemand wusste, wie man es schreibt. Schließlich erfuhr ich die englische Herkunft des Wortes „Kloth“. Es handelt sich um ein Gewebe, das auf einer Seite glänzend war und auf der Rückseite matt. Es existierte nur in Schwarz, und man verwendete es für Schürzen. Keine richtigen Arbeitsschürzen, dafür war es zu schade. Wir trugen im Turnverein weiße Leibchen und schwarze Klothhosen. Auch in Frankreich trugen die Schülerinnen solche Schürzen, und zwar mit den Knöpfen im Rücken, mit langen Ärmeln und einem Gürtel.

Informationen zum Artikel:

Eine kleine Geschichte des Ankleidens

Verfasst von Gabriele Adrigan

Auf MSG publiziert im April 2009

In: Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Industrieviertel, Wr. Neustadt-Umgebung
  • Zeit: 1920 bis 1960

Anmerkungen

Dieser Beitrag wurde nach einem Schreibaufruf der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" zum Thema "Alltagsgeschichte und Sprachwandel im 20. Jahrhundert" verfasst.

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