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Es war eine schöne Zeit

von Eva Novotny

Es war im Jahr 1952 als ich das erste Mal mit meinen Eltern auf Urlaub fuhr. Wir wohnten damals seit vier Jahren in Linz, und mein Vater hatte noch Kontakte in die Obersteiermark, in der wir vorher gelebt hatten.

Ein ihm bekannter Bauer hatte eben seinen Bauernhof neu errichtet und auch ein paar Fremdenzimmer dazugebaut, so dass wir die ersten Gäste waren.

mehrstöckiges Bauernhofgebäude vor Gebirgskulisse

Da wir kein Auto hatten, reisten wir mit Koffern und Rucksäcken per Bahn. Der Zug war ein Bummelzug, denn Ardning ist ein kleines Dorf am Fuße des Bosrucks in dem nicht jeder Zug hält. Drei Stunden dauerte die Fahrt, die ich noch 20 Jahre lang jeden Sommer gefahren bin, so dass ich alle Stationen auswendig kannte.

Bei unserer Ankunft am Bahnhof wartete schon ein Wagen, in den zwei Pferde eingespannt waren, die Koffer wurden aufgeladen, und wir fuhren an ein paar blumengeschmückten Häusern vorbei, den liebevollen Vorgärten entlang die schmale Sandstraße in Richtung Enns, die Bundesstraße überquerend, durch lichten Auwald hin zum Bauernhof.

Er bestand aus drei Gebäuden. Rechts war ein niedriges Gebäude, der Schweine-, Schaf- und Hühnerstall, in der Mitte die große Tenne über den Kuh- und Pferdeställen und auf der linken Seite das Bauernhaus, mit dem Gesindetrakt, den Zimmern der Bauernfamilie und den Gästezimmern.

Das Zentrum bildete die große Küche im Untergeschoß, und darüber befand sich das selten benützte schöne Wohnzimmer der Bauersleute. Unsere zwei Zimmer befanden sich im zweiten Stock, den man über eine hölzerne Treppe erreichte, die mit Fleckerlteppichen belegt war. In den Gängen standen wunderschöne alte Bauernkästen und Truhen mit kupfernen Geschirren, in denen immer frische Zweige und Blumen steckten. Auch unser Zimmer war mit Lärchenholz getäfelt und ein riesiger bemalter graublauer Kasten aus dem 18. Jahrhundert schmückte das Zimmer.

Die Balkontüre führte auf einen großen Balkon, der die eine Haushälfte umringte.

Von ihm aus blickte man zu den weißen Wänden des Gesäuses, sah den Buchstein und davor die Wallfahrtskirche von Frauenberg. Zwischen dem Bauernhof und dem Hügel des Frauenbergs sah man, soweit das Auge reichte, nur Wiesen und Felder, und direkt unter dem Balkon wucherte das Gemüse und prangten die Blumen in einem großen, mit Lattenzaun umgebenen Garten. Die Hennen spazierten am Vorplatz herum, Enten watschelten durch den Hof, kleine Katzerln spielten vor den Kellerfenstern, und ein Hund hatte uns schwanzwedelnd begrüßt, danach lag er vor der Haustür. Die Eingangstüre lag vier Stufen höher auf einem Podest, das auch von einem Balkon überdeckt war. Auf den vier Stufen saßen wir gerne an warmen Sommerabenden und hörten den Geschichten zu, die ein im Haus wohnender Lehrer erzählte.

Zu den Mahlzeiten ließen wir uns in der guten Stube nieder, die einen riesigen grünen Kachelofen samt Ofenbank hatte und einen ebenso riesigen quadratischen Tisch mit Eckbank und Herrgottswinkel, in dem zwei Heiligenbilder und ein paar Latschen standen.

Gleich auf der anderen Seite des Vorraumes befand sich die große Küche, deren Hauptteil von einem gemauerten Herd eingenommen wurde, an dessen rechter Seite mehrere Röhren zum Brotbacken integriert waren. Eine kleine Eckbank stand um einen kleinen Tisch, dort wo meistens die Bauersleute ihr Mahl einnahmen. An den Seiten befanden sich große Holztische, auf denen das Essen vorbereitet wurde. Die Wärme des Ofens und die Farbe des Holzes machten die Küche zum gemütlichsten Raum.

Die Knechte hatten eine eigene Stube anschließend an unsere, mit zwei großen Holztischen und lehnenlosen Bänken auf beiden Seiten. Sie wohnten im Trakt auf der anderen Seite der Küche. Hinter der Küche gab es einen großen Abwaschraum und eine Kühlkammer.

größere Menschengruppe vor Eingang zu einem stattlichen Bauernhof
Bewohner und Sommergäste des Seebacherhofes in Ardning (1950er Jahre)

Meist waren wir nicht allein am Hof, denn man hatte Platz für drei Familien. Diese saßen dann jeweils gemeinsam um den Tisch und es wurde geplaudert und gespielt und ab und zu auch gesungen.

Nach dem Abendessen setzte sich meist die Bäuerin zu uns und erzählte von früheren Zeiten. Sie erzählte wie die kaiserliche Hoheit im Dorf war und bei ihnen gewohnt hatte, denn 1906 sei der Bosrucktunnel gebaut und dann feierlich eingeweiht worden. Einmal sei durch Funkenflug der Bahn die Kirche abgebrannt und sie schilderte in vielen Details alle möglichen Vorkommnisse im kleinen Ort.

Ich hörte viele Anekdoten und Geschichten, die ich aber anfangs gar nicht verstand, da mir der steirische Dialekt wie eine Fremdsprache schien. Wie sollte ich wissen, was „Beien“ sind, womit Bienen gemeint waren, und dass „often“ nachher und „eanta“ früher heißt, dass „Dusiwern“ die Dämmerung ist und „zomgnachernt“ „einander genähert“ hieß, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Immer wieder musste ich nachfragen, bis ich nach einigen Urlaubsjahren schließlich alles verstehen konnte.

3 Kinder in einem Kuhstall
Eva Novotny mit ihrem Bruder und der Tochter des Bauern im Kuhstall

Mit der Tochter des Bauern durfte ich den Stall machen, ausmisten, Futter einstreuen, Kälber füttern, Kühe striegeln und vor und nach dem Melken an- und abhängen. Auch ging ich mit, das Vieh von der Weide zu holen, erlebte einmal, wie der Stier, der brav vor mir hertrottete, plötzlich die Bäuerin anschnaubte, so dass sie sich hinter einen Holzstoß begab und mit einem Brett bewaffnet laut schreiend auf ihn losging, um ihm zu zeigen, wer hier der Herr ist.

Zu den wenig schönen  Erinnerungen gehören die jämmerlich  quiekenden, den Tod ahnenden Schweine vor den Schlachtungen, die im Hof stattfanden. Sie wurden in ein Holzschaff gestellt, die Beine zusammengebunden und dann getötet.

Auch das Spiel der Katzen mit einem Nest von jungen Feldmäusen, die man ihnen mitgebracht hatte, war für mich schrecklich anzusehen. Das blutende Mäuslein, das die Katze immer wieder laufen ließ, um es wieder einzufangen und bei jedem Mal mehr zu verwunden, bis sie es endlich tot biss, konnte ich nicht mit ansehen.

Viel Zeit verbrachte ich bei der Feldarbeit, wenn wir wegen des nahenden Schlechtwetters Schwedenreiter aufstellten oder wenn wir Heumandeln aufschichteten. Besonders lustig war es, dann ganz oben am Heuwagen mitzufahren bis in die Tenne, wo das Heu mit dem Gebläse ganz nach oben geblasen wurde und wir Kinder herumtollen durften.

Wir Kinder sage ich, denn es gab immer viele Kinder am Hof, die der Bauerntöchter, die der Knechte und die Kinder anderer Sommergäste, so dass wir gemeinsam viel spielen konnten.

Alle 14 Tage wurde Brot gebacken, in einem großen Trog der Teig gemischt, die Laibe in Simmerln [Simperln] gefüllt, mit einem Zweig gesegnet und in das Backrohr geschoben. 14 Tage reichten die festgebackenen Brotlaibe, das Brot war würzig und gut. Samstag, nach dem Brotbacken, wurde der Holzfußboden dann mit Zitronenwasser ausgerieben, so dass er hell und ganz sauber aussah.

Milch gab es, so viel wir wollten aus dem Stall, die Erwachsenen tranken selbstgepressten Most, Gemüse holte man aus dem Garten und Fleisch von den eigenen Schweinen und Kühen. Das mochte ich nicht so recht, deshalb war der fleischlose Freitag mein Lieblingstag.

Wenn wir nicht am Bauernhof mithalfen, dann wanderten wir rundum auf die Berge, schleppten Milchkannen in den Schlag zum Himbeerbrocken, suchten Pilze oder wanderten mit den Riffeln aus, um Heidelbeeren zu pflücken und abends am großen Tuch gemeinsam auszusortieren, oder nahmen den Malblock und die Farben mit, um die schöne Stimmung einzufangen.

Rehe kamen in der Dämmerung bis vor den Hof, der Fuchs holte sich hin und wieder ein Huhn. Dem Eisvogel begegnete ich am nahen Ennsufer, den Wiedehopf, den Würger sah ich auf der angrenzenden Wiese und manchmal den Bussard niederstürzen, wenn er es auf ein Küken abgesehen hatte, das hinter seiner Mutter zu weit zurückblieb.

Die Schweine durften hinaus in den Garten und genossen es, sich im Quatsch zu suhlen, und die erste Ferkelgeburt im Stall war ein Erlebnis.

Eine Zeit lang gab es einen Pfau, der im Hof seine Räder schlug.

Die Schafe waren den Sommer über auf einer Alm auf dem Triebener Tauern. Sie wurden im Herbst mit dem Jungvieh in einem 3-Tagemarsch nach Hause geholt. Da kam dann auch der Senner Florian mit und der Knecht Toni, der mir immer sein 200 Jahre altes Gebetbuch borgte, in dem auch so allerhand Rezepte aufgeschrieben standen, wie zum Beispiel, dass man auf eitrige Wunden Spinnweben auflegen solle, sich bei Verstauchungen einen Frosch aufbinden solle oder in denen Hühnerkot als Heilmittel angepriesen wurde. Mir gefiel dieses Büchlein, und ich schmökerte gern darin.

Bei Schlechtwetter unterhielt ich mich mit dem freundlichen Altbauern mit der langen Pfeife, schaute ihm beim Schnapsen zu und wunderte mich, dass er sein gesamtes Spiel im Kopf hatte und genau wusste, welche Karten der Gegner noch in seinem Blatt hatte.

Die drei Wochen Urlaub vergingen im Nu, und der Abschied von meiner zweiten Heimat fiel mir von Jahr zu Jahr schwerer. Da ich jedes Tier und jede Blume, jeden Weg und jede Quelle kannte und die Menschen alle so freundlich waren. Jeweils einige Wochen vor Schulschluss freute ich mich schon auf den Bauernhof.

Es muss Mitte der 60er Jahre gewesen sein, als die jüngste Bauerntochter heiratete. Ihr Mann war ein Fuhrwerker. Der Altbauer war gestorben, der Hof an ihn übergeben worden.

Die Pferde waren schon Ende der 50er Jahre vom Hof verschwunden, ein Traktor holte uns dann vom Bahnhof ab. Als wir zum Hof kamen, war der Hühnerstall und Schweinestall abgerissen, stattdessen stand ein Unterstandsplatz für LKWs dort, auch ein Crader und ein Raupenfahrzeug waren eingestellt.

Erschrocken waren wir, dass die Küche umgebaut worden war: kein Holz mehr, ein E-Herd und rundum nur mehr Plastik, statt des schönen Holzbodens ein PVC-Belag, kein Backofen, sie bräuchten ihn nicht mehr, sie würden kein Brot mehr backen, sagten sie uns. Und wo war der schöne alte Bauernkasten? Die schönen Truhen? Ein Händler hätte das geholt, dem Mann der Jungbäurin hatte das alte Graffel nicht gefallen. Unser Zimmer hatte keine Holzmöbel mehr, sondern ein Bett aus Resopal und einen Spiegelkasten, hochglänzend, modern, abscheulich.

So nach und nach wurde auch der Kuhstall umgebaut, und plötzlich gab es keine Milchkühe, sondern nur Ochsen, die den ganzen Tag in engen Koppeln standen und sich kaum rühren konnten, auch Kälber gab es keine mehr. Zur Feldarbeit brauchte man uns nicht mehr, das machten jetzt die von der Genossenschaft ausgeborgten großen Geräte, ein einziger Mensch schaffte alles, was früher zehn Personen getan hatten.

Knechte und Mägde gab es keine mehr, der alte Senner bekam sein Gnadenbrot am Hof, denn es wurde nicht mehr aufgetrieben, und der kleine bucklige Knecht Toni, der mich einmal auf die Alm getragen hatte, durfte vor dem Altersheim auch seinen Lebensabend am Bauernhof verbringen und sich mit Holzmachen beschäftigen. Die junge Bäuerin war Unternehmersgattin und hatte keine Zeit mehr, mit uns zu plaudern, denn sie war mit Büroarbeit überlastet, und das Telefon klingelte unentwegt. In der früher so gemütlichen Küche stand ein Fernseher, und alle starrten in das Kastl, die zeitweise angestellten Hilfskräfte schliefen daneben ein. Gespräche gab es kaum mehr.

Mich machte das sehr traurig. Es war nicht mehr der Bauernhof, den ich so geliebt hatte, es fehlte alles das, was den Urlaub dort so schön gemacht hatte, und ich wollte damals so gerne die Zeit zurückdrehen. Ich empfand die Zerstörung des Althergebrachten als fehlende Lebensqualität, ich hatte das Gefühl, dass nur mehr das Geld wichtig war.

Es gab auch nicht mehr die Lichterprozession am 15. August, am Frauentag, an dem von überallher die Leute zum Wallfahrtsort Frauenberg gingen, flackernde Kerzen in Händen, die so etwas Heiliges, Besonderes an sich hatten.

Es war alles anders geworden, alles war neu.

Vielleicht spürte ich diese Veränderung so stark, weil ich nur einmal im Jahr in das Dorf kam und sah, wie die schönen alten, gut proportionierten Höfe verschwanden und unförmig neu aufgebaut wurden, wie alte Graffiti einfach übertüncht wurden und das Ortsbild prägende Häuser abgerissen worden waren.

Mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt, aber in meinem Kopf ist noch immer das Bild von früher eingegraben, das so heimelig, so berührend war, nicht so kalt und unnahbar wie heute.

Auch die Menschen haben sich verändert. Die Enkelin der Bäuerin, die ich mit dem Kinderwagen geschoben und herumgetragen habe, hat sich vor drei Jahren zwei Mal vor den Zug geworfen, nachdem sie das erste Mal überlebt hatte. Ist die heile Welt, die ich in Erinnerung habe, doch nicht so heil gewesen?

Niemand geht heute zu Fuß, alle sind per Auto unterwegs, haben es eilig, und der Tratsch im alten Kaufhaus, in dem man jede Neuigkeit erfuhr, den gibt es im kleinen Supermarkt auch nicht mehr.

Irgendwo habe ich gelesen: „Was wir heute sind, ist nicht unsere eigene Entscheidung, als vielmehr das Festgelegte, das aus unserer Vergangenheit in das Heute übernommen wurde.“

Was war das in meiner Vergangenheit Festgelegte – war es die Wärme, die Geborgenheit, das Einssein mit der umgebenden Natur? Was davon habe ich in das Heute übernommen? Die Liebe zur bäuerlichen Kultur?

Der Blick zurück kann mir den Weg zeigen, den Gott mich geführt hat, Gefühl für Zeit, erhält dadurch Bedeutung.

Im Rhythmus alles Lebendigen führt alles wieder zurück, die Biobauern, die Freilandeier, es wird wieder Brot gebacken, man lässt Kühe und Kälber wieder gemeinsam weiden. Man kehrt zurück zu überschaubaren Einheiten, die Menschen suchen wieder Kontakte, man möchte wieder reden, spielen, singen. Es bilden sich Literatur- und Musikkreise, Sportvereine und Gruppen von Gleichgesinnten.

Die Zugvögel fliegen jedes Jahr weit weg und kehren zurück, die Natur kehrt immer wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurück.

Aus dem Samen wird die Frucht, die Frucht bringt Samen…

Vielleicht erleben wir die Zeit darum als ein Stück der Ewigkeit?

Informationen zum Artikel:

Es war eine schöne Zeit

Verfasst von Eva Novotny

Auf MSG publiziert im Dezember 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Orte der Kindheit, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Obersteiermark-West, Ardning
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre

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